Weihnachten mit Vollgas
Teil 1: Komplett lost im Advent
„Digga, das Jahr war echt ein kompletter Film“, murmelte Jonas und ließ sich mit voller Wucht auf den viel zu weichen Sitz in der Straßenbahn plumpsen. Sein Rucksack knallte gegen die Metallstange, ein paar Leute drehten sich genervt um, und irgendwo ganz hinten spielte jemand leise Weihnachtsmusik über billige Handyboxen.
Es war Dezember und draußen schon stockdunkel, obwohl es gerade mal kurz nach vier war. Die Stadt war voll mit Lichterketten, Glühweinbuden und Menschen, die so taten, als hätten sie null Stress – obwohl jeder eigentlich schon innerlich ausrechnete, wie viel Geld nach den Weihnachtsgeschenken noch auf dem Konto übrig blieb. Kurz gesagt: Weihnachts-Season war offiziell am Start.
Jonas zog sein Handy raus, entsperrte es mit einer geschmeidigen Fingerbewegung und checkte wie reflexartig zuerst seine Nachrichten. In der Gruppen-Chat „Chaos-Clique“ blinkten gefühlt hundert ungelesene Messages.
Lea: ALLE HEUTE ABEND BEI MIR, 18:00! WICHTIG!!!
Mehmet: Bro was ist wichtig? Essen?
Lea: JA AUCH, ABER HALT DICH FEST, ICH HAB NE IDEE
Sofia: Oha, wenn Lea „Idee“ sagt, brennt am Ende wieder irgendwo was xD
Jonas grinste. Lea war seine kleine Schwester, ein Jahr jünger, aber mindestens drei Level organisierter. Wenn sie etwas „wichtig“ nannte, bedeutete das meistens: irgendwas komplett Over-the-Top, halb genial, halb Katastrophe.
Er tippte mit halb erfrorenen Fingern eine Antwort:
Jonas: Bin dabei. Wenn wieder was explodiert, sag vorher Bescheid.
Kaum hatte er auf „Senden“ gedrückt, sah er sein Spiegelbild im dunklen Fensterglas der Bahn: zerzauste braune Haare, Hoodie, in dem er ungefähr seit drei Tagen lebte, und Augenringe, die aussahen, als hätten sie ein eigenes WLAN-Passwort verdient. Schule, Hausaufgaben, random Präsentationen, dazu noch seine geheime Neben-Mission, über die niemand so richtig Bescheid wusste – außer Lea.
Jonas war nämlich nicht nur irgendein Typ aus der 10. Klasse. Er war der inoffizielle Meme-Meister der Schule. Unter dem anonymen Namen @WeihnachtsFailz lud er auf Insta und TikTok Clips und Bilder hoch, die das ganze Drama rund um Adventszeit, Weihnachtsmarkt und Geschenke auf die Spitze trieben. Niemand wusste, dass er dahintersteckte. Und das sollte auch so bleiben. Sonst würden ein paar Lehrer wahrscheinlich instant einen Nervenzusammenbruch kriegen.
Die Bahn quietschte, blieb stehen und Jonas stieg aus. Die kalte Luft schlug ihm ins Gesicht. „Uff“, murmelte er, zog den Hoodie enger um sich und machte sich auf den Weg zur Wohnung, in der er sich den Flur, das WLAN und die Eltern mit Lea teilte.
Vor dem Haus blieb er kurz stehen. Im dritten Stock sah er schon das Licht im Wohnzimmer flackern. Typisch Lea – wahrscheinlich hatte sie schon die Hälfte der Weihnachtsdeko aus dem Keller geschleppt. Und er wusste genau, was das hieß: Wenn er Pech hatte, musste er wieder Lichterketten entwirren, die aussahen, als hätte ein hyperaktiver Tintenfisch sie geflochten.
„Okay, Jonas“, sagte er leise zu sich selbst. „Rein da. Du schaffst das. Ist ja nur Weihnachten.“
Kaum hatte er die Tür aufgeschlossen, brüllte schon jemand aus dem Wohnzimmer: „JONAS! ENDLICH! Wir haben schon fast ohne dich angefangen!“
Er schob seine Schuhe in die Ecke, hängte die Jacke halb daneben, halb daneben auf – egal – und trat ins Wohnzimmer. Und sofort wusste er: Das wird heute kein normaler Chill-Abend.
Auf dem Couchtisch lagen Stifte, Notizzettel, ein Laptop, eine riesige Schale Nachos, und dahinter grinsten Lea, Mehmet und Sofia ihn an, als hätten sie gerade beschlossen, eine Bank zu überfallen.
„Ähm… hi?“, sagte Jonas. „Was genau geht hier ab? Und warum sieht unser Tisch aus wie eine Mischung aus Mathe-Nachhilfe und Netflix-Marathon?“
Lea verschränkte dramatisch die Arme. „Setz dich, Bruderherz. Wir haben einen Masterplan. Weihnachten wird dieses Jahr nicht nur nice, es wird legendary.“
Mehmet nickte ernst und stopfte sich gleichzeitig ein paar Nachos in den Mund. „Auf Ehrenbasis, Jonas. Das hier ist bigger als jede Mathearbeit.“ Ein Krümel fiel ihm auf den Pulli, aber das merkte er wie immer nicht.
Sofia zog ihre Augenbraue hoch. „Also, bigger als deine Mathe-Note ist jetzt nicht so schwer“, meinte sie trocken. Alle lachten, Mehmet hielt sich ans Herz, als wäre er tödlich getroffen. „No front“, schob sie hinterher und grinste.
Jonas ließ sich aufs Sofa fallen. „Na gut“, sagte er. „Überzeugt mich. Was ist der Plan? Und wenn es wieder irgendwas ist mit ‚Wir schmuggeln einen echten Esel in die Schule‘, bin ich raus.“
Lea stellte sich vor den Couchtisch, als würde sie gleich bei „Die Höhle der Löwen“ pitchen. „Also“, begann sie, „ihr kennt doch alle den Weihnachtsmarkt hier, oder?“
„Klar“, sagte Jonas. „Kleine Stadt, kleiner Markt, große Schlange am Crepes-Stand. Standardprogramm.“
„Genau“, sagte Lea. „Und jedes Jahr ist es das Gleiche: Ein bisschen Glühwein für die Großen, Kinderpunsch, überteuerte gebrannte Mandeln und eine Bühne, auf der jemand sehr motiviert, aber sehr schief singt. Und dann kommt der Weihnachtsmann, sagt zwei Sätze, verteilt ein paar Süßigkeiten – fertig. Alles voll okay, aber auch ein bisschen…“
„Cringe“, warf Sofia ein.
„Danke“, sagte Lea. „Cringe. Und dieses Jahr machen wir aus Cringe – Content.“
Mehmet starrte sie an. „Wie, wir machen einen Weihnachtsmarkt-Vlog oder was?“
Lea schüttelte den Kopf. „Nicht einfach nur Vlog. Ich rede von einer Weihnachts-Challenge. Jeden Tag ein Mini-Abenteuer, eine Aufgabe, die irgendwas mit Weihnachten zu tun hat. Und wir dokumentieren alles. Video, Fotos, Storys. Komplett. Und am Ende…“ – sie machte eine dramatische Pause – „am Ende droppen wir den ultimativen Weihnachtsfilm. Aus unserer Sicht. Nichts Gestelltes, einfach wir. Chaos pur.“
Jonas blinzelte. „Okay, das klingt… schon ziemlich wild. Aber wo ist der Haken? Bei dir gibt’s immer einen Haken.“
Lea grinste schief. „Der Haken ist, dass wir dafür den Weihnachtsmann vom Weihnachtsmarkt brauchen. Also nicht so im Sinne von ‚Hallo, dürfen wir Sie filmen?‘, sondern eher: Wir müssen rausfinden, wer das ist… und ihn überzeugen, mitzuspielen.“
Einen Moment war es still. Dann sagte Mehmet: „Bro, das ist doch safe der Hausmeister von der Grundschule. Der sieht doch genau so aus.“
Sofia schüttelte den Kopf. „Nein, letztes Jahr war der Weihnachtsmann kleiner. Ich hab das ganz genau gesehen, als die Mütze verrutscht ist. Der war nicht Hausmeister-Groß, eher Bio-Lehrer-Groß.“
Jonas lehnte sich zurück. In seinem Kopf ratterte es schon. Jeden Tag ein Mini-Abenteuer, ein Challenge-Clip, ein riesiges Chaos-Projekt bis Heiligabend. Das war nicht nur irgendeine Idee – das war perfektes Material für @WeihnachtsFailz. Wenn das gut lief, konnte er aus dem ganzen Film später so viele Clips schneiden, dass sein Account komplett durch die Decke ging.
„Also“, sagte Lea und sah ihn direkt an, „bist du dabei oder bist du lost?“
Jonas sah in die Runde: Mehmet mit Käse-Finger-Abdrücken, Sofia mit diesem „Ich weiß genau, dass das schiefgeht, aber ich will es sehen“-Blick, und Lea, die vor Energie quasi vibrierte. Er spürte, wie ihn dieses verrückte Weihnachtsgefühl packte – dieses Ding, das irgendwo zwischen Hoffnung, Zuckerrausch und kompletter Überforderung lag.
„Na gut“, sagte er und grinste breit. „Ich bin dabei. Aber wir machen das richtig. Mit Plan, mit Liste, mit Hashtags, allem. Und wenn wir schon Weihnachten eskalieren lassen, dann bitte auf Profi-Level.“
Lea strahlte. „Ehrenmann!“, rief sie und klatschte in die Hände. „Dann starten wir morgen mit Challenge Nummer 1: Finde den Weihnachtsmann!“
Jonas spürte, wie sein Handy in der Tasche vibrierte. Eine neue Insta-Benachrichtigung. @WeihnachtsFailz, du wurdest in einer Story erwähnt. Er zog kurz das Handy raus, warf einen Blick auf die Meldung – und sein Herz machte einen kleinen Hüpfer.
Jemand hatte ein Bild vom Weihnachtsmarkt gepostet. Darauf: eine unscharfe Figur im roten Mantel,
weiße Bart-Perücke, Mütze leicht schief. Und darunter der Text:
„Irgendwas ist dieses Jahr anders mit unserem Weihnachtsmann… #sus“
Jonas lächelte. Er hatte keine Ahnung, wie verrückt die nächsten Tage werden würden. Aber eins wusste er schon jetzt: Dieses Weihnachten würde alles – nur nicht langweilig.