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Weihnachten mit Vollgas

Teil 2: Jagd auf den Weihnachtsmann

Am nächsten Morgen saß Jonas im Klassenzimmer, starrte auf sein Matheheft und tat so, als würde er aufpassen. In Wahrheit sah er nur Linien, Zahlen und absolute Leere in seinem Kopf. Sein Hirn war komplett im Weihnachtsmodus. Statt „x“ und „y“ dachte er an rote Mäntel, falsche Bärte und diesen merkwürdigen Insta-Post von gestern.

„Herr Berger?“, sagte er plötzlich viel zu laut, ohne überhaupt nachzudenken.

Der Mathelehrer sah ihn über seine Brille hinweg an. „Ja, Jonas? Eine Frage zur Aufgabe?“

Jonas blinzelte, wurde rot. „Äh… nee, alles gut, hab mich verlesen.“ Die Klasse kicherte leise. Mehmet, der zwei Tische weiter saß, schickte ihm genau in dem Moment eine Nachricht aufs Handy, das mitten in Jonas’ Federmappe vibrierte.

Mehmet: Bruder, du bist so lost 😂

Jonas biss sich auf die Lippen, um nicht zu lachen, und schielte auf die Uhr. Noch drei Stunden Schule, dann konnte die Weihnachts-Challenge offiziell starten. Challenge Nr. 1: Finde den Weihnachtsmann!

In der Pause schob sich die Chaos-Clique vor die Tür zur Aula, wo es halbwegs ruhig war. Überall sonst rannte irgendwer rum, kickte Schneematsch durch die Gegend oder diskutierte, ob „Last Christmas“ schon offiziell zu oft gelaufen war.

„Okay“, sagte Lea, mit einem Notizbuch in der Hand, als wäre sie Projektleiterin einer hochgeheimen Mission. „Wir brauchen einen Plan, keinen planlosen Rumgestolpere.“

„Also kein Standard-‚Wir gehen hin und gucken mal‘?“, fragte Jonas. „Schade, das ist eigentlich mein Spezialgebiet.“

Sofia lehnte gegen die Wand, verschränkte die Arme und grinste. „Wir sollten erst sammeln, was wir wissen. So richtig Sherlock-Style, nur mit weniger Hut und mehr Cringe.“

Lea blätterte eine Seite auf. „Gut. Fakten zum Weihnachtsmann auf dem Weihnachtsmarkt. Nummer 1: Er taucht jeden Abend so gegen sechs auf der Bühne auf.“

„Nummer 2“, ergänzte Sofia, „sein Bart ist so fake, der sieht aus, als hätte jemand Watte aus dem Bastelunterricht geklaut.“

„Nummer 3“, sagte Mehmet, „er hat komisch gelacht. So… ‚Ho ho ho‘, aber als hätte er vorher ’ne Tonne Chips gegessen.“ Er griff sich dabei unbewusst an den Bauch, als hätte er selbst gerade ’ne Tonne Chips gegessen.

Jonas nickte. „Und Nummer 4: Irgendjemand findet ihn sus. Sonst hätte mich niemand in dieser Story markiert. Irgendwas ist anders dieses Jahr.“

Lea sah ihn an. „Hast du rausgefunden, wer die Story gepostet hat?“

Jonas zückte sein Handy. „Ja, das war so ein Account namens @stadt_kleinstadt_news. Irgendeine lokale Seite, die alles postet, was halbwegs spannend aussieht. Schul-Events, Marktfotos, Fundkatzen, sowas.“

„Also Trash-TV, nur in Insta-Form“, kommentierte Sofia.

„Jup“, sagte Jonas. „Aber genau unser Level.“

Die Schulglocke riss sie aus der Besprechung. Lea klappte das Notizbuch zu. „Okay, nach der Schule direkt Weihnachtsmarkt. Treffen um 17:30 Uhr am Brunnen? Jeder bringt ein, ähm… unauffälliges Outfit mit.“

„Was ist unauffällig?“, fragte Mehmet. „Ich bin schon von Natur aus auffällig.“

„Einfach nichts mit riesigem Neon-Print, Bro“, seufzte Sofia. „Und vielleicht keine Chips-Flecken auf dem Pulli.“

„Das ist mein Markenzeichen“, protestierte Mehmet.

Jonas grinste. „Dann bist du offiziell unser Ablenkungs-Man.“

Der restliche Schultag zog sich wie kalter Kaugummi. In Englisch sollten sie einen Brief an den Weihnachtsmann schreiben – „für die Stimmung“, wie die Lehrerin sagte. Jonas schrieb: „Dear Santa, please reveal your true identity asap, it’s important for content reasons.“ Er gab das Blatt mit todernster Miene ab. Die Lehrerin runzelte die Stirn, sagte aber nichts.

Als es endlich Richtung Nachmittag ging, rannte Jonas nach Hause, warf seinen Rucksack in die Ecke und zog eine dickere Jacke an. Draußen war es inzwischen noch kälter geworden, und der Himmel hatte dieses graue „Vielleicht schneie ich, vielleicht nicht, lol“-Gesicht.

Um 17:30 Uhr stand er am Brunnen auf dem Weihnachtsmarkt. Überall leuchtete es in warmen Farben, der Geruch von gebrannten Mandeln, Bratwurst und irgendwas mit Zimt hing in der Luft. Im Hintergrund dudelte eine Cover-Version von „All I Want For Christmas Is You“, bei der sich Mariah Carey vermutlich im Grab umgedreht hätte – wenn sie schon tot wäre.

Lea kam als Erste auf ihn zu, mit einer dicken Mütze und einem Schal, der ungefähr dreimal um ihren Hals gewickelt war. In der Hand hielt sie ihr Notizbuch und einen Stift, als würde sie gleich Interviews führen.

„Agent Lea ist am Start“, sagte sie und salutierte halb ironisch.

Kurz darauf tauchten auch Sofia und Mehmet auf. Mehmet trug tatsächlich einen relativ neutralen Pulli – abgesehen von dem winzigen, aber doch recht auffälligen Aufdruck „Snack King“ auf der Brust.

„So“, sagte Sofia und sah sich um. „Wie gehen wir vor? Einfach so tun, als wären wir normale Menschen, die nur ein bisschen überteuerte Mandeln kaufen wollen?“

„Plan A“, sagte Lea und schlug eine Seite im Notizbuch auf. „Wir beobachten. Wer geht vor dem Auftritt in Richtung Bühne? Wer verschwindet wann hinter dem Vorhang? Wer trägt einen verdächtig großen Rucksack voller roter Stoffreste?“

„Plan B?“, fragte Jonas.

Lea grinste. „Plan B: Mehmet stellt sich beim Crepes-Stand an und sammelt Infos.“

Mehmet blinzelte. „Wie soll ich denn beim Crepes holen Infos sammeln?“

„Bruder, du kannst mit jedem reden“, sagte Jonas. „Du fragst einfach: ‚Ey, wissen Sie, wer heute der Weihnachtsmann ist?‘ Und dann tust du so, als hättest du ’nen Cousin, der ihn kennt.“

„Das ist nicht mal gelogen“, meinte Mehmet. „Ich hab safe irgendwo einen Cousin, der jeden kennt.“

Sie teilten sich auf. Jonas und Sofia stellten sich in die Nähe der Bühne, taten so, als würden sie nur die Lichter bewundern. Lea schlenderte mit Notizbuch in der Hand an den Buden vorbei und notierte sich alles, was ihr verdächtig vorkam. Mehmet verschwand in der Menge Richtung Crepes.

„Fühlst du dich auch ein bisschen wie in so einer Low-Budget-Detektivserie?“, flüsterte Sofia.

„Jep“, antwortete Jonas. „Nur ohne coole Musik im Hintergrund. Und ohne Budget.“

Nach ein paar Minuten bekam Jonas die ersten Nachrichten.

Mehmet: Stehe Schlange. Dauert. Alle wollen Crepes. Opfer meines eigenen Plans 😭
Mehmet: Hab aber mit einer Frau am Stand geredet. Sie meinte, der Weihnachtsmann ist jedes Jahr jemand anderes.
Mehmet: Dieses Jahr wohl „jemand aus der Stadtverwaltung“. Mehr weiß sie nicht.

„Stadtverwaltung“, murmelte Jonas. „Na super. Das sind ungefähr fünfzig Leute im langweiligen Büro-Look.“

Lea kam zu ihnen rüber. „Ich hab gehört, wie zwei von den Budenleuten sich unterhalten haben. Eine meinte: ‚Der Neue ist voll nervös, der war vorhin schon zweimal auf Toilette.‘“

„Perfekt“, sagte Sofia trocken. „Wir suchen also einen nervösen Mann, der aussieht, als würde er gleich umkippen. Das schränkt es hier gar nicht ein.“

Langsam füllte sich der Platz vor der Bühne. Ein Moderator mit viel zu lauter Stimme kündigte ein Kinderchor an. Kleine Kids mit Weihnachtsmützen sangen tapfer gegen die Kälte und das Hintergrundgebrabbel an. Jonas filmte kurz ein bisschen mit dem Handy – man wusste ja nie, was später als goldener Meme-Moment taugte.

Dann wurde es spannend. Der Moderator grinste ins Mikro. „Und jetzt, liebe Kinder, ist es endlich so weit! Er ist aus dem hohen Norden zu uns gereist, nur für euch – begrüßt mit mir: unseren Weihnachtsmann!“

Die Menge klatschte, ein paar Kinder kreischten vor Aufregung. Jonas zoomte mit seinem Handy auf den Bühnenrand. Der Vorhang an der Seite bewegte sich.

Eine rote Gestalt trat hervor. Roter Mantel, weißer Bart, Mütze – das komplette Programm. Aus der Ferne sah es aus wie ein ganz normaler Weihnachtsmann. Aber Jonas’ Blick blieb an einem Detail hängen.

„Seht ihr das?“, flüsterte er. „Die Schuhe.“

„Was ist mit den Schuhen?“, fragte Sofia.

„Der trägt keine Stiefel“, sagte Jonas. „Das sind… Sneaker.“

Lea kniff die Augen zusammen. „Boah, stimmt. Weiße Sneaker. Und nicht mal besonders weihnachtlich. Der Mann ist literally in Nike unter dem Mantel unterwegs.“

„Das macht ihn offiziell sus“, sagte Sofia.

Der Weihnachtsmann winkte, lachte sein „Ho, ho, ho“, das tatsächlich ein bisschen so klang, als wäre er kurz aus der Mittagspause im Büro gekommen. Er verteilte Süßigkeiten, stellte ein paar Standardfragen: „Wart ihr alle brav?“ – die Kinder schrien „Jaaaaa!“ – „Freut ihr euch auf Weihnachten?“ – noch lauteres „Jaaaa!“.

Jonas merkte, wie seine Finger juckten, alles aufzunehmen. Dieses „Ho ho ho“ war perfektes Material. Aber er wusste: Heute ging es nicht nur um Content. Heute ging es darum, rauszufinden, wer unter dem Bart steckte.

Er tippte schnell eine Nachricht an die Gruppe:

Jonas: Plan C: Wir folgen ihm nach dem Auftritt. Irgendwer muss sehen, wo er hingeht.
Lea: Ich bin dabei.
Sofia: Das klingt nicht creepy. Überhaupt nicht. Bin trotzdem dabei.
Mehmet: Ich ess erst Crepes, dann spioniere ich. Opfer bringen und so.

Nach etwa zwanzig Minuten war die Show vorbei. Der Weihnachtsmann winkte ein letztes Mal und verschwand wieder hinter der Bühne. Die meisten Leute drehten sich zum nächsten Stand, zur nächsten Schlange, zum nächsten Zuckerflash.

„Okay“, sagte Lea. „Achtung. Spionage-Modus.“

Sie schlichen an der Seite der Bühne entlang, taten so, als würden sie nur zufällig in der Nähe entlanglaufen. Hinter dem Vorhang war ein kleiner, halb abgesperrter Bereich, wo ein paar Leute standen, rauchten oder auf ihre Handys starrten.

Jonas’ Herz klopfte ein bisschen schneller. Er fühlte sich gleichzeitig dumm und auf seltsame Weise lebendig. Vielleicht lag es an der Kälte. Vielleicht am Zuckergeruch. Oder daran, dass sie gerade ernsthaft einen Weihnachtsmann stalkten.

Dann sah er ihn: Die rote Jacke war halb ausgezogen, der Bart hing schief, die Mütze war vom Kopf genommen. Der Weihnachtsmann stand mit dem Rücken zu ihnen und redete mit jemandem.

Jonas kniff die Augen zusammen. „Wenn er sich nur einmal umdreht…“

Genau in dem Moment rempelte jemand ihn von hinten leicht an. „Sorry, Digga“, murmelte eine fremde Stimme.

Jonas drehte sich kurz um – ein Typ mit Mütze, Handy in der Hand, Kopfhörer im Ohr, komplett unauffällig. Als er wieder nach vorne sah, war es zu spät.

Der Weihnachtsmann war weg.

Nur der schief hängende Bart lag noch auf einer Kiste. Und tief unten im Bauch von Jonas machte sich dieses Gefühl breit, dass die Weihnachts-Challenge alles andere als easy werden würde.

„Okay“, sagte Sofia schließlich. „Das war jetzt nicht unbedingt ein Win.“

Lea atmete durch, schaute auf den schiefen Bart, dann auf Jonas. „Kein Win“, sagte sie. „Aber auch kein Game Over. Wir haben neue Infos: Sneaker-Santa ist schnell. Und irgendwo hier auf dem Markt läuft er jetzt rum. Ohne Bart. Ohne Mütze. Irgendwo mitten unter uns.“

Jonas spürte, wie sein Handy wieder vibrierte. Eine neue Nachricht auf Insta.

@stadt_kleinstadt_news: Neue Story: „Hat jemand auch gesehen, wie der Weihnachtsmann eben voll schnell verschwunden ist? Irgendwas stimmt da nicht… #WeihnachtsChaos“

Jonas musste lachen. „Na super“, sagte er. „Der Weihnachtsmann ist offiziell viral geworden. Und wir sind mittendrin.“

Lea grinste. „Challenge Nr. 1 ist noch nicht vorbei“, sagte sie leise. „Die Jagd auf den Weihnachtsmann geht weiter.“