Weihnachten mit Vollgas
Teil 4: 18:10 am Mandel-Stand
Der Abend kam schneller, als Jonas’ Motivation für Hausaufgaben verschwinden konnte. Kaum war er zu Hause, warf er den Rucksack in die Ecke, checkte kurz seine Nachrichten und griff nach seiner Jacke. Seine Mutter stand in der Küche und rührte irgendwas in einem Topf, der verdächtig nach Gemüsesuppe aussah.
„Schon wieder Weihnachtsmarkt?“, fragte sie, ohne aufzuschauen.
„Recherche“, sagte Jonas. „Wichtige… äh… Projektarbeit.“
„Mhm“, machte sie. „Wenn deine Noten auch mal so wichtig wären wie dieser Weihnachtsmarkt, wäre ich eine sehr glückliche Mutter.“
„Bio kann ich schon“, murmelte Jonas. „Mitochondrien und so.“
„Dann lern halt mal die anderen Wörter auch“, antwortete sie, aber sie lächelte dabei und reichte ihm nebenbei eine Mütze. „Zieh die auf. Draußen ist es kalt.“
Draußen war es tatsächlich wieder eisig. Sein Atem bildete kleine Wölkchen in der Luft, während er Richtung Stadt lief. Schon von Weitem konnte er das gedämpfte Stimmengewirr vom Weihnachtsmarkt hören, als würde jemand die ganze Stadt auf „Gemütlichkeits-Lautstärke“ gestellt haben.
Am Brunnen warteten schon Lea und Sofia. Lea hatte wieder ihr Notizbuch unter dem Arm, als hätten sie gleich eine Pressekonferenz. Sofia hatte sich eine riesige Kapuze übergezogen und sah ein bisschen aus wie eine Mischung aus Gamer, Ninja und Eisbär.
„Da ist unser Ninja-Influencer“, sagte Sofia. „Bereit für heimliche Action? Oder stirbst du gleich an Erkältung, bevor was passiert?“
„Ich sterbe höchstens an der Spannung“, sagte Jonas, blieb aber kurz stehen, um seine Handschuhe richtig anzuziehen. „Wo ist Mehmet?“
Genau in dem Moment vibrierte sein Handy.
Mehmet: „Bin gleich da. Hab meine Mütze vergessen, musste zurück. Das Leben ist hart.“
Mehmet: „Haltet mir einen Platz an den Mandeln frei 😭“
Lea verdrehte die Augen. „Der Junge soll bei 18:10 eine geheime Beobachtungsmission machen und struggelt mit einer Mütze.“
Jonas zog sein Handy wieder aus der Tasche. Der Chat mit user017_xd war ganz oben angepinnt. Keine neuen Nachrichten. Kein „Hey, übrigens, ich verarsche euch nur“. Irgendwie machte es das Ganze nur noch seltsamer.
„Also“, sagte Lea und klappte ihr Notizbuch auf. „Plan-Update: Es ist gleich halb sechs. Offiziell taucht Santa ja so gegen sechs Uhr auf. Unser anonymer Drama-König will, dass wir um 18:10 hinter dem Mandel-Stand aufpassen, wer zu spät kommt. Wir bräuchten einen Zeit-Nerd.“
„Ich bin dein Zeit-Nerd“, sagte Jonas. „Ich hab ’ne Uhr und keinen Plan, perfekt.“
Sofia zeigte mit dem Kinn Richtung Bühne. „Der Moderator ist schon da. Guck mal: Mikro in der Hand, Grinsen im Gesicht, Energie-Level 120 %.“
Jonas folgte ihrem Blick. Ja, da war er: Der Typ vom Vortag, mit Weihnachtsmütze, hochrotem Schal und einem Mikrofon, das wahrscheinlich auch noch zwei Straßen weiter alles übertönte. Er redete gerade mit irgendeinem Techniker und gestikulierte wild.
„Nur zur Erinnerung“, sagte Jonas leise. „user017_xd meinte, wir sollen nicht jedem trauen, der hilft. Und besonders nicht Leuten mit Mikro.“
„Vielleicht ist er einfach nur ein übermotivierter Weihnachtsmarkt-Mensch“, meinte Lea. „Aber ja, irgendwie hat er so einen ‚Ich mach gleich Werbung für Glühwein und mein Ego‘-Vibe.“
Kurz darauf kam Mehmet angerannt, Mütze schief auf dem Kopf, leicht außer Atem.
„Bin da“, keuchte er. „Musste noch meine Ehre retten, die lag neben der Mütze.“
„Sehr gut, Agent Mandel“, sagte Sofia. „Dein Einsatzort steht fest.“
Lea zeigte auf einem grob gezeichneten Plan im Notizbuch auf drei kleine Striche. „Also, Aufteilung: Mehmet am Mandel-Stand, ich an der Bühne, Sofia am Rand bei den Getränkeständen, damit sie Überblick hat. Jonas bewegt sich zwischen uns, filmt und tut so, als wäre er nur ein ganz normaler Mensch mit leichtem TikTok-Zwang.“
„Ich bin empört“, sagte Jonas. „Ich habe auch Insta-Zwang.“
Sie machten sich auf den Weg in ihre Positionen. Der Weihnachtsmarkt war noch voller als am Vortag. Kinder mit Leuchtstäben rannten kreuz und quer, Eltern versuchten halbherzig, sie nicht komplett zu verlieren. Irgendwo dudelte wieder eine Weihnachts-Playlist, diesmal in einer Mischung aus Pop, Schlager und „Warum existiert diese Version überhaupt?“.
Jonas hielt sein Handy locker in der Hand, Kamera-App bereit, aber noch nicht auffällig nach oben gehalten. Er spürte dieses kribbelige Gefühl im Bauch, als würde gleich irgendwas passieren, was er später hundertmal neu schneiden und mit Texten wie „Als uns klar wurde, dass…“ posten würde.
Um ein paar Minuten vor sechs schrieb er in die Gruppe:
Jonas: Positions-Check?
Lea: Bühne. Moderator labert grad mit einer Frau von irgendeinem Stand.
Sofia: Hab Überblick. Sehe Glühwein, Menschenmassen und drei verschiedene Leute,
die so aussehen, als hätten sie ihr Leben nicht im Griff.
Mehmet: Stehe an den Mandeln. Riecht nice. Ich leide.
Jonas grinste kurz. Dann zoomte er mit der Kamera auf die Bühne. Noch kein Santa, nur der Moderator, der irgendeinen Programmpunkt ankündigte. Etwas mit Kinderchor, wieder einmal.
„Okay“, murmelte Jonas. „Alles normal. Noch.“
Die Minuten zogen sich. Siebzehn Uhr dreiundfünfzig. Fünfundfünfzig. Er spürte die Kälte langsam durch seine Schuhe kriechen. Leute drängten sich enger vor die Bühne, damit sie die Kinder später besser sehen konnten.
Um kurz nach sechs ging es offiziell los. Der Moderator kündigte das „bunte Abendprogramm“ an, und Jonas filmte ein paar Sekunden, einfach um später Material zu haben. Der Kinderchor trat auf, sang tapfer gegen Wind, Kälte und leichte Textunsicherheit an.
Jonas schrieb wieder in die Gruppe:
Jonas: Noch kein Santa. Alles Kinder und Mikro-Guy.
Lea: Hinter der Bühne auch nichts Spannendes. Nur Kabel, Leute mit Clipboards
und eine Frau, die aussieht, als würde sie alle hassen.
Sofia: Von hier aus: kein suspicious Santa. Aber ich hab drei Leute gezählt,
die fast ihr Essen fallen lassen. Chaos-Level solide.
Mehmet: Ich bin kurz davor, Mandeln zu kaufen. Rein wissenschaftlich.
Jonas musste lachen, obwohl er innerlich immer nervöser wurde. 18:05. 18:07. Der Kinderchor verabschiedete sich, die Menge klatschte, einige Eltern filmten so, als würden sie gleich einen Oscar für „Beste Kameraführung mit kalten Fingern“ gewinnen.
18:09.
Der Moderator trat wieder vor. „Und jetzt, liebe Kinder“, rief er mit seiner gewohnt überdrehten Stimme, „gibt es gleich wieder Besuch vom Weihnachtsmann!“
Jonas spürte, wie sein Puls hochging. Er tippte:
Jonas: Noch 18:09. Alle Augen offen?
Lea: Ja.
Sofia: Jap.
Mehmet: Ich sehe Mandeln. Und Menschen. Und… warte.
18:10.
Jonas zog den Blick vom Handy weg und sah in Richtung Mandel-Stand. Zwischen den Menschenmassen konnte er nur Fetzen erkennen: Jacken, Mützen, Taschen, leuchtende Kinder-Accessoires.
Plötzlich vibrierte sein Handy erneut. Diesmal war es nicht die Gruppe.
user017_xd: „Zu spät. Er ist schon da.“
„Was?“, murmelte Jonas. Sein Blick huschte hektisch hin und her – Bühne, Mandel-Stand, Menge.
In dem Moment kam eine Nachricht von Mehmet:
Mehmet: „Da ist ein Typ, der rennt halb – fast zu spät. Roter Schal, schwarzer Mantel,
Rucksack. Sieht gestresst aus. Läuft hinter den Stand.“
Mehmet: „Der riecht nach Problem.“
Jonas war schon in Bewegung, noch bevor er bewusst beschlossen hatte zu laufen. Er drängte sich durch die Menge, entschuldigte sich halbherzig mit „Sorry, sorry“, als er an einer Gruppe Leute vorbeischlüpfte. Er sah Mehmet am Rand des Mandel-Standes, leicht auf Zehenspitzen stehend.
„Da!“, sagte Mehmet und deutete nach hinten.
Hinter dem Stand führte ein schmaler Gang zwischen zwei Buden hindurch, halb im Schatten, nur von ein paar Lichterketten gestreift. Jonas konnte gerade noch sehen, wie jemand mit dunklem Mantel und rotem Schal nach links abbog.
„Komm!“, sagte Jonas und rannte los.
„Wartet!“, hörte er irgendwo hinten Lea rufen. „Nicht einfach wegrennen ohne Plan, ihr Hobbits!“
Aber Jonas war schon im Gang. Der Boden war leicht matschig vom geschmolzenen Schnee, irgendwo tropfte Wasser von einem Dachrand. Es roch weniger nach Weihnachten und mehr nach „Hinterhof von Weihnachtsmarkt – bitte nicht hinfallen“.
Am Ende des Ganges bog er ebenfalls nach links. Dort öffnete sich ein kleiner Hinterbereich – eine Art Lagerzone für die Marktleute. Hier standen Kisten, leere Pappkartons, ein paar Müllsäcke und ein alter, leicht verbeulter Heizstrahler.
Und mitten darin stand ein Mann.
Schwarzer Mantel, roter Schal, Rucksack halb offen. Er hatte den Rücken zu Jonas gedreht und schien hektisch etwas im Rucksack zu suchen. Neben ihm lehnte ein vertrauter, viel zu roter Stoff – ein Weihnachtsmann-Mantel.
Jonas hielt die Luft an. Sein Handy war noch in der Hand, Kamera-App offen, aber er hatte vergessen, aufzunehmen. Einige Sekunden lang stand er einfach nur da.
Dann drehte sich der Mann um.
Er war nicht alt. Kein typischer „Ho-ho-ho-Opa“, eher jemand Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig. Kurze, etwas zerzauste Haare, ein leicht verzweifelter Blick, als hätte er seit Tagen zu wenig geschlafen.
Und Jonas kannte dieses Gesicht.
„Moment mal“, flüsterte er. „Das ist doch…“
Der Mann blinzelte, sah Jonas direkt an – und sein Gesichtsausdruck wechselte von überrascht zu „oh nein“ in genau einer Sekunde.
„Du bist der mit dem Fail-Account, oder?“, sagte er leise.
Jonas’ Gehirn machte kurz komplett dicht.
Wie konnte jemand den Zusammenhang zwischen ihm und @WeihnachtsFailz kennen? Wie konnte jemand wissen, dass er dahintersteckte?
Hinter ihm hörte er Schritte. Lea und Mehmet tauchten im Gang auf, kurz danach auch Sofia. Alle drei blieben abrupt stehen, als sie die Szene sahen.
Der Mann seufzte. „Super“, murmelte er. „Jetzt hab ich gleich eine komplette Schülerbande im Nacken. Genau das hat mir noch gefehlt.“
Jonas brachte endlich ein Wort hervor: „Woher… woher weißt du von meinem Account?“
Der Mann sah an ihm vorbei Richtung Markt, als würde er überprüfen, ob noch mehr Leute kommen. Dann sah er wieder Jonas an und sagte:
„Weil ich ihn abonniert habe, bevor du ihn auf privat gestellt hast.“
Er zeigte auf Jonas’ Handy. „Und weil du vergessen hast, deine eigenen Freunde als Follower
zu verstecken. Jonas.“
Bei seinem Namen zuckte Jonas zusammen, als hätte jemand eine eiskalte Schneekugel direkt in seinen Nacken geworfen.
Die Weihnachts-Challenge hatte gerade ein neues Level erreicht.