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Weihnachten mit Vollgas

Teil 5: Santa ohne „Ho-ho-ho“

Für ein paar Sekunden sagte niemand etwas. Nur irgendwo gluckerte leise der alte Heizstrahler, der so tat, als würde er Wärme produzieren, aber eigentlich nur Licht machte.

„Also…“, begann der Mann schließlich, „das hier ist jetzt ein bisschen ungünstig.“

„Untertreibung des Jahres“, murmelte Sofia. „Wir stalken gerade basically den Weihnachtsmann hinter die Kulissen.“

„Wir stalken nicht“, flüsterte Jonas automatisch. „Wir… investigativen… äh…“

„…Investigativ-Chaoten?“, half Mehmet aus.

„Können wir das vielleicht später klären?“, fragte der Mann genervt. „Ich müsste eigentlich längst draußen stehen, freundlich winken, Ho-ho-ho machen und so tun, als wäre alles perfekt – und aktuell hab ich eher ‚Hilfe-hilfe-hilfe‘-Vibes.“

Lea verschränkte die Arme. „Wir gehen hier nicht weg, bevor du uns erklärst, was abgeht. Du kennst seinen Account“ – sie zeigte auf Jonas – „und jemand schreibt uns an, wir sollen dir helfen. Also… was ist dein Problem, Santa 2.0?“

Der Mann verzog kurz den Mund, als müsste er überlegen, ob er jetzt ehrlich sein will oder einfach alles abstreitet und in den roten Mantel flüchtet.

„Ich heiße übrigens Tom“, sagte er schließlich. „Nicht Santa. Nicht Ho-ho-Hans. Einfach nur Tom.“

„Okay, Tom“, sagte Jonas. „Ich heiße Jonas. Also… offensichtlich. Und das sind Lea, Sofia und Mehmet. Und wir sind…“

„…die Chaos-Clique“, fiel Sofia ein. „Inoffiziell. Noch.“

Tom nickte langsam. „Gut. Dann haben wir das Namensding schon mal durch. Das spart Zeit.“

„Du weichst aber trotzdem vom Thema ab“, sagte Lea. „Warum schreibt uns ein anonymer Account, wir sollen auf dich aufpassen? Warum kommst du nicht raus auf die Bühne, und warum riecht das hier nach Ärger?“

Tom seufzte, massierte sich kurz die Nasenwurzel und sah dann Jonas wieder direkt an.

„Erstens“, sagte er, „ich bin hier hinten, weil ich gerade versucht habe, meinen Job nicht zu verlieren. Zweitens: Ich bin nicht user017_xd, falls ihr das denkt. Ich hab zwar viel Langeweile, aber nicht so viel Langeweile. Drittens: Wenn ihr mir helfen wollt, wird das kompliziert.“

„Perfekt“, sagte Mehmet. „Kompliziert können wir. Einfach ist langweilig.“

„Von vorne“, sagte Lea. „Warum verlierst du gleich deinen Job?“

Tom sah kurz Richtung Markt, als könnte er durch die Buden hindurch die Bühne sehen. Man hörte in der Ferne den Moderator, der das Publikum hörbar bei Laune hielt.

„Weil ich gestern nicht so funktioniert habe, wie die da vorne es wollten“, sagte Tom leise. „Ich hab eine eigene Meinung. Und das ist hier ungefähr so willkommen wie ein Handy im Mathe-Test.“

Jonas runzelte die Stirn. „Was heißt ‚funktioniert‘?“

Tom zog eine Grimasse. „Der Moderator – der Typ mit dem Dauergrinsen und der Stimme, die dir das Trommelfell wegsprengt – arbeitet nicht nur für den Markt. Der macht auch Promo für irgendeine Agentur, die hier ständig ‚Sponsorenaktionen‘ durchdrücken will.“

„Klingt nach Marketing-Hölle“, murmelte Sofia.

„Gestern wollten sie, dass ich bei dieser Kinderaktion nicht nur Süßigkeiten verteile, sondern nebenbei so versteckt Werbung mache. QR-Codes scannen lassen, Gewinnspiele, Daten sammeln – der ganze Müll“, sagte Tom. „Und ich hab gesagt: Mach ich nicht. Nicht mit Kindern. Da ist für mich Schluss.“

Lea zog überrascht eine Augenbraue hoch. „Also bist du… ein ethischer Weihnachtsmann?“

„Korrekt“, sagte Tom trocken. „Mit Rest-Gewissen. Sehr unpraktisch in diesem Job.“

„Und was ist dann passiert?“, fragte Jonas.

„Der Moderator hat mich hinter der Bühne angefahren, mich vor den anderen runtergemacht und mir mehr oder weniger klargemacht, dass ich austauschbar bin. Entweder ich spiele brav den Walking-Werbespot oder ich bin nächste Woche weg“, sagte Tom. „Nur blöd, dass ich die Miete zahlen muss und der Nebenjob hier well… gerade mein Geld ist.“

Mehmet pfiff leise. „Also ist der Mikro-Typ nicht nur nervig, sondern auch noch ein Walking-Red-Flag.“

Jonas spürte, wie in seinem Kopf die Puzzleteile klackten. „user017_xd hat geschrieben, du hättest ein Problem. Und Leute wie Mister-Mikro mögen keine Fragen…“

„Ja“, sagte Tom. „Das passt.“

„Aber wenn du nicht dieser anonyme Account bist“, warf Sofia ein, „wer ist es dann? Irgendjemand muss ziemlich nah dran sein, wenn er von deinem Stress weiß.“

Tom zuckte mit den Schultern. „Kann jemand aus dem Orga-Team sein, ein Helfer, ein genervter Verkäufer… keine Ahnung. Ich hab keine Zeit, Detektiv zu spielen. Ich versuche gerade nur, nicht komplett unterzugehen.“

Lea sah ihn prüfend an. „Und wo kommen wir ins Spiel?“

Tom sah jetzt wieder direkt Jonas an – so ernst, dass Jonas das Gefühl hatte, er würde durch ihn hindurchgucken, bis zu seinen peinlichsten Kinderfotos.

„Ihr habt Reichweite“, sagte Tom. „Na gut, angehende Reichweite. Aber in zwei Tagen kennt bei euch jeder dieses Santa-Fail-Video. Die Leute reden darüber. Sogar meine Kollegin hat mir heute Morgen erzählt, sie hätte ‚so ein Video mit einem verwirrten Santa‘ gesehen. Ohne zu checken, dass ich das bin.“

Jonas schluckte. „Ups.“

„Schon okay“, sagte Tom überraschend gelassen. „Der Clip war nicht das Problem. Das Problem war, dass jemand angefangen hat, sich Fragen zu stellen. Und Leute wie Mister-Mikro mögen keine Fragen.“

„Also willst du, dass wir… was genau machen? Noch mehr Videos posten?“, fragte Mehmet. „Weil da bin ich sofort dabei.“

„Nein“, sagte Tom scharf. „Zumindest nicht so. Wenn ihr einfach nur Chaos filmt und online stellt, krieg ich den Ärger ab. Ich bin der Typ im Kostüm. Ich bin der, den sie feuern können. Der Moderator, die Agentur, alle anderen sehen dann nur: ‚Santa macht Stress‘.“

Ein paar Sekunden war es still. Man hörte dumpf Applaus von der Bühne herüberschwappen.

„Was willst du dann?“, fragte Jonas schließlich. „Klar, wir wollen Content. Aber… wir sind ja keine kompletten Unmenschen.“

Tom atmete einmal tief durch, als würde er sich selbst überzeugen müssen, dass das jetzt wirklich eine gute Idee ist.

„Ich will, dass ihr mir helft, zu beweisen, was hier abgeht – ohne, dass ich als der Böse dastehe“, sagte er. „Dass sie mit Kindern shady Werbung machen, dass sie mich unter Druck setzen, dass das Ganze mehr Show ist als Weihnachten.“

„Also quasi: True-Crime, aber mit Glühwein und Lichterketten“, fasste Sofia zusammen.

„Und mit dir als Hauptfigur“, ergänzte Lea. „Aber dafür brauchst du uns. Und wir dich. Deal-Potenzial ist da.“

Jonas spürte, wie sein Influencer-Hirn plötzlich überall Möglichkeiten sah. „Also… so was wie ein ‚Weihnachts-Challenge undercover‘? Wir posten nicht einfach Fail-Videos, sondern zeigen so Stück für Stück, was hier schief läuft?“

Tom nickte langsam. „Genau. Und vielleicht… wenn die Leute merken, was wirklich Sache ist, müssen die da vorne aufpassen, wie sie mit den Aktionen umgehen.“

„Oder sie flippen komplett aus“, meinte Mehmet. „Aber… klingt nach Content.“

„Es gibt nur ein Problem“, sagte Tom und hob warnend den Finger.

„Oh boy“, murmelte Sofia. „Natürlich gibt’s ein Problem.“

„Heute“, sagte Tom, „dürft ihr nichts posten. Gar nichts von dem, was ihr hier hinten seht. Kein Foto von mir ohne Bart, keine Story, kein ‚Uff, Santa ist eigentlich Tom‘. Nichts. Sonst war’s das mit meinem Job. Und mit eurer kleinen Mission.“

Lea und Jonas sahen sich an. Das war ungefähr das Gegenteil von ihrer üblichen „erst posten, dann denken“-Strategie.

„Also heute nur sammeln, keine Veröffentlichung“, sagte Lea langsam. „Wie so eine Art geheime Vorproduktion.“

Jonas spürte, wie es in seinen Fingern kribbelte. Nichts posten? Gar nichts? Sein Social-Media-Herz weinte leise.

„Und was ist mit user017_xd?“, fragte er. „Der hat uns doch extra hierher geschickt. Wenn wir heute nichts machen, schreibt der uns morgen wahrscheinlich: ‚Mission failed‘.“

In diesem Moment vibrierte Jonas’ Handy wieder.

Eine neue Nachricht. Natürlich von user017_xd.

user017_xd: „Ihr habt ihn gefunden. Gut.“
user017_xd: „Aber passt auf. Ihr seid nicht die Einzigen, die heute beobachten.“
user017_xd: „Und einer davon steht gerade näher an euch, als ihr denkt.“

Jonas’ Nacken prickelte. Langsam drehte er den Kopf.

Am anderen Ende des Lagerbereichs, halb hinter einer Kiste, glaubte er eine Bewegung zu sehen. Eine dunkle Jacke. Ein Schatten. Und etwas, das verdächtig nach einem Handy in der Hand aussah.

„Ähm…“, sagte Mehmet leise. „Ich hoffe wirklich, das war nur irgendein Karton. Sonst haben wir gerade live einen Level-Up in Richtung ‚Weihnachts-Thriller‘.“