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Weihnachten mit Vollgas

Teil 6: Kurz vor dem Ho-ho-ho

Der rote Mantel hing Tom schwer auf den Schultern. Nicht wegen des Stoffes, sondern wegen allem, was gerade daran klebte: Erwartungen, Druck und dieses unangenehme Gefühl, dass draußen etwas lief, das er nicht mehr komplett kontrollierte.

Er zog die Mütze tiefer ins Gesicht, richtete den Bart ein letztes Mal und sah sich im kleinen Lagerraum um. Kisten, Kabel, leere Becher. Kein Ort für große Entscheidungen – und trotzdem genau das.

„Okay“, sagte er leise. „Wenn ich da rausgehe, dann nur, wenn wir uns einig sind.“

Lea nickte. „Wir posten heute nichts. Gar nichts. Das ist klar.“

Jonas verzog das Gesicht. „Mein Algorithmus hasst diesen Satz, aber… ja. Heute nicht.“

Mehmet grinste schief. „Ich filme maximal in meinem Kopf. Für später. Sehr viel später.“

Tom atmete hörbar aus. „Gut. Dann haben wir wenigstens eine gemeinsame Basis.“

Von draußen drang gedämpfter Lärm herein. Applaus, Kinderstimmen, die Stimme des Moderators, die wieder irgendwas von „gleich geht’s weiter“ erzählte.

„Er hält sie hin“, murmelte Sofia. „Man merkt richtig, wie er Zeit schindet.“

Tom nickte. „Er macht das absichtlich. Je länger er redet, desto mehr Druck hat er auf mich.“

„Und was will er?“, fragte Jonas.

„Dass ich brav funktioniere“, sagte Tom trocken. „Keine Abweichung. Keine eigenen Ideen. Santa rein, Werbung raus.“

Lea verschränkte die Arme. „Und genau das willst du heute nicht mehr mitmachen.“

„Nicht ohne Backup“, sagte Tom und sah sie nacheinander an.

Für einen Moment war es still. Dann vibrierte Jonas’ Handy – diesmal ohne Nachricht. Einfach nur diese kurze Erinnerung daran, wie leicht alles auffliegen konnte.

„Angenommen“, sagte Jonas langsam, „wir machen das so, wie wir es vorhin gesagt haben. Beobachten. Sammeln. Keine Posts.“

„Dann braucht ihr trotzdem einen Plan“, ergänzte Lea. „Nicht nur für heute. Sondern für danach.“

Tom lehnte sich an eine Kiste. „Mein Plan war ehrlich gesagt: Erstmal diesen Abend überstehen.“

„Zu kurz gedacht“, meinte Sofia. „Wenn hier wirklich shady Sachen laufen, dann wird das nicht mit einem Auftritt enden.“

Mehmet hob die Hand. „Vorschlag: Wir machen das, was wir am besten können. Wir hören zu. Wir merken uns Gesichter, Stimmen, Aussagen.“

Tom sah ihn an. „Ihr wollt Beweise sammeln, ohne wie Influencer auszusehen.“

„Genau“, sagte Lea. „Einfach… unauffällig.“

Tom verzog kurz den Mund. „Ihr wisst schon, dass ‚unauffällig‘ normalerweise nicht euer Ding ist.“

Jonas grinste. „Challenge accepted.“

Wieder drang die Stimme des Moderators durch die Wand. Lauter diesmal. Ungeduldiger.

„Er ruft gleich nach mir“, sagte Tom.

„Dann noch eine Sache“, sagte Lea schnell. „Wenn irgendwas eskaliert – wir halten zusammen. Keiner filmt auf eigene Faust. Keiner macht Alleingänge.“

Mehmet nickte. „Team Chaos. Aber koordiniert.“

Tom sah sie einen Moment lang an. Jugendliche. Influencer. Keine Profis. Und trotzdem die Einzigen, bei denen er gerade nicht das Gefühl hatte, austauschbar zu sein.

„Klingt riskant“, sagte er schließlich.

Dann nickte er leicht.

„Also wahrscheinlich effektiv.“

Draußen brandete Applaus auf. Jemand klopfte hart gegen die Tür.

„Tom!“, rief eine Stimme von draußen. „Wir brauchen dich. Jetzt.“

Tom griff nach der Türklinke, hielt kurz inne und sah noch einmal zurück.

„Egal, was gleich passiert“, sagte er leise, „das hier war keine schlechte Entscheidung.“

Dann öffnete er die Tür – und das Stimmengewirr schluckte ihn.