Weihnachten mit Vollgas
Teil 7: Ho-ho-holt euch zurück
Kaum war Tom durch die Tür verschwunden, schluckte der Lärm alles. Es klang, als würde draußen ein ganzes Rudel Kinder gleichzeitig „JAAAA!“ schreien, während der Moderator irgendwas in sein Mikro brüllte, was vermutlich „MAGIE!“ heißen sollte, aber eher wie „MEGA!“ klang.
Jonas stand da wie eingefroren. Nicht, weil er Angst hatte – okay, vielleicht ein bisschen – sondern weil sein Körper gerade nicht entscheiden konnte, ob das jetzt ein normaler Weihnachtsabend oder ein Level in einem Spiel war, das offiziell „Familienprogramm“ heißt, aber sich anfühlt wie „Bossfight: Marketing“.
„Okay“, flüsterte Lea. „Plan: Wir bleiben zusammen. Wir sind unauffällig.“
Sofia zog eine Augenbraue hoch. „Unauffällig… in Klamotten, auf denen ‚Frohe Vibes‘ steht?“
„Sofia“, zischte Lea.
„Ja doch“, sagte Sofia sofort und hob beide Hände. „Ich bin das wandelnde Tarnnetz.“
Mehmet schielte zur Tür. „Und wenn der Typ mit Headset wieder auftaucht?“
„Dann sind wir…“, Jonas suchte nach einem Wort, das nicht komplett nach Panik klingt, „…Touristen. Jugendliche Touristen. Wir gucken halt alles an. Voll normal.“
Lea nickte. „Genau. Und wir gehen jetzt nicht raus wie so ein Trupp, der gerade eine Mission hat. Wir gehen raus wie Leute, die verloren haben, wo die Bratwurstbude ist.“
Sie schoben sich einzeln an der Tür vorbei. Draußen war der Weihnachtsmarkt eine Lichterketten-Explosion. Musik, Glühwein-Geruch, Menschenmassen. Und vorne die Bühne, hell wie eine Mini-Sonne.
Tom stand dort – Santa-Modus aktiviert. Er winkte, er lachte, er nickte. Von weitem sah alles perfekt aus. Nur wer ihn kannte, hätte gemerkt, wie angespannt seine Schultern waren, wie exakt sein Lächeln auf „Bitte-fall-nicht-um“ eingestellt war.
Der Moderator hopste neben ihm herum wie ein überdrehter Weihnachtswichtel. „UND HIER IST ER! UNSER WEIHNACHTSMANN!“, schrie er. „GEBT IHM EINEN RIESENAPPLAUS! UND VERGESST NICHT…“
Jonas sah Lea an. Lea sah Jonas an. Beide dachten das Gleiche: Jetzt kommt der Teil, der stinkt.
„…NACH DER SHOW GIBT’S FÜR EUCH EINE KLEINE ÜBERRASCHUNG!“, rief der Moderator und deutete auf einen Pappaufsteller neben der Bühne. Auf dem stand in riesigen Buchstaben: WINTERSPARK-FAMILIEN-CHALLENGE.
Darunter ein QR-Code, so groß, dass sogar ein Rentner mit zusammengekniffenen Augen ihn noch hätte scannen können.
„Aha“, murmelte Sofia. „Da ist er, der heilige QR.“
Lea blieb ruhig, aber ihre Augen wurden schmal. „Nicht filmen“, flüsterte sie. „Nur merken.“
Jonas’ Finger zuckten trotzdem. Nicht wegen Content. Sondern weil es absurd war: Alles war so laut, so fröhlich, so „Weihnachten!“, und gleichzeitig fühlte sich alles an wie ein Trick.
Der Moderator beugte sich zu Tom. Er lächelte dabei weiter, aber seine Worte waren zu leise für die Menge. Jonas konnte sie nicht hören. Doch Tom nickte. Zu schnell. Zu gezwungen.
„Leute“, flüsterte Mehmet. „Da hinten…“
Jonas drehte den Kopf. Hinter ihnen, am Rand der Menge, stand ein Typ in schwarzer Jacke, Headset, Blick wie ein Scanner. Er tat so, als würde er auf sein Handy schauen, aber seine Augen waren immer wieder bei ihnen.
Sofia presste die Lippen zusammen. „Das ist der Headset-Typ.“
Lea atmete langsam ein. „Okay. Wir tun so, als hätten wir ihn nicht gesehen.“
„Ich kann aber nicht so tun“, flüsterte Jonas. „Mein Gesicht kann das nicht.“
„Dann guck wie ein Mensch, der einfach dumm guckt“, sagte Sofia. „Das ist dein Spezialgebiet.“
Jonas wollte widersprechen. Merkte dann, dass er dafür zu beschäftigt war, dumm zu gucken.
Auf der Bühne wurden jetzt Kinder nach vorne gerufen. „Kommt her, kommt her!“, brüllte der Moderator. „Wer traut sich, dem Weihnachtsmann zu helfen?“
Kinderhände gingen hoch wie Raketen. Tom kniete sich hin, gab High-Fives, sagte irgendwas, das nach „Ho-ho-ho“ klang, aber in Wirklichkeit eher nach „Bitte seid vorsichtig“.
Lea beobachtete jedes Detail. Wo stand der Aufsteller? Wer verteilte was? Wer ging wohin? Ihre Augen waren wie ein Raster.
Und dann sah Jonas es: Neben dem Aufsteller stand eine junge Frau mit einem Stapel kleiner Karten. Sie lächelte freundlich, aber ihre Bewegung war routiniert – wie jemand, der das schon hundertmal gemacht hat. Sie gab den Eltern eine Karte. Den Kindern auch.
„Flyer“, flüsterte Jonas.
Lea nickte kaum sichtbar. „Merken.“
Der Headset-Typ machte einen Schritt näher. Dann noch einen. Er tat so, als würde er sich nur durch die Menge schieben, aber seine Richtung war eindeutig: zu ihnen.
„Okay“, sagte Lea leise. „Wir bewegen uns. Jetzt.“
„Wohin?“, flüsterte Mehmet.
„Dahin, wo es normal aussieht, dass Jugendliche stehen“, sagte Lea. „Zum Snackstand. Wir sind hungrig. Wir leben für Crêpes. Wir sind unschuldig.“
Sofia grinste. „Ich lebe wirklich für Crêpes.“
Sie schoben sich Richtung Rand. Jonas spürte den Blick im Nacken wie einen Laser. Er zwang sich, nicht zurückzugucken. Nicht zu rennen. Nicht wie jemand, der gerade denkt: Oh nein, wir wurden entdeckt.
Am Crêpestand roch es nach Zucker und Fett und Glück. Lea tat, als würde sie die Karte studieren. Sofia zeigte auf die Nutella-Optionen, als wäre das gerade die wichtigste Entscheidung ihres Lebens.
„Zwei Crêpes“, sagte Sofia laut. „Mit extra Schoko. Weil Weihnachten.“
Jonas sah aus dem Augenwinkel: Der Headset-Typ blieb ein paar Meter entfernt stehen. Er schaute nicht direkt. Aber er war da. Als wäre er ein NPC, der gleich eine Quest startet, nur dass diese Quest wahrscheinlich nicht „Bring mir drei Zuckerstangen“ ist, sondern „Verschwinde“.
Mehmet nahm das Papier vom Crêpes-Verkäufer entgegen und flüsterte: „Was, wenn er gleich kommt?“
Lea biss sich auf die Innenseite der Wange. „Dann spielen wir noch dümmer. Und noch netter.“
Jonas schluckte. „Ich kann nicht noch netter.“
„Doch“, sagte Sofia. „Du kannst immer netter. Du bist Jonas.“
In dem Moment vibrierte Jonas’ Handy. Eine Nachricht. Nicht von user017_xd.
Unbekannt: „Ihr bewegt euch falsch. Nicht zum Ausgang. Nicht zur Bühne.“
Unbekannt: „Geht Richtung Fotohütte. Links vom Riesenrad.“
Unbekannt: „Und schaut auf keinen Fall zurück.“
Jonas’ Herz machte kurz einen Salto. Er zeigte Lea das Display, ohne ein Wort zu sagen.
Lea’s Augen wurden schmaler als eben. „Okay“, flüsterte sie. „Das ist entweder Hilfe… oder die nächste Falle.“
Sofia nahm einen Bissen Crêpe und sagte mit vollem Mund: „Ich hasse es, wie spannend Weihnachten gerade ist.“
Mehmet schluckte. „Fotohütte… links vom Riesenrad…“
Lea atmete aus. „Wir gehen. Langsam. Normal. Und wir bleiben zusammen.“
Jonas steckte das Handy weg. Sein Blick ging noch einmal zur Bühne. Tom winkte, lachte, spielte Santa. Der Moderator strahlte in die Menge wie ein überhelles Werbeplakat.
Und Jonas hatte plötzlich dieses Gefühl: Dass der echte Stress nicht auf der Bühne war. Sondern zwischen den Lichterketten.