Weihnachten mit Vollgas
Teil 8: Die Fotohütte
Die Fotohütte stand da, als wäre sie schon immer Teil des Marktes gewesen. Weißes Holz, Lichterkette, ein handgemaltes Schild mit „Erinnerungen für die Ewigkeit“. Sah harmlos aus. Zu harmlos.
„Okay“, murmelte Jonas. „Das sieht aus wie der Ort, an dem man sich freiwillig mit Rentiergeweihen fotografieren lässt.“
„Oder der Ort“, sagte Lea ruhig, „an dem man Dinge erfährt, die man eigentlich nicht erfahren soll.“
Sie blieben einen Moment stehen. Hinter ihnen das Riesenrad, vor ihnen die Hütte, neben ihnen Menschen, die lachten und so taten, als wäre Weihnachten einfach nur Glühwein, Musik und ein bisschen Kälte.
„Niemand rennt“, sagte Lea leise. „Niemand guckt hektisch. Wir sind… neugierig.“
„Ich bin immer neugierig“, sagte Sofia. „Vor allem bei Sachen, die nach Drama riechen.“
In der Hütte war es überraschend warm. Ein kleiner Heizlüfter summte, eine Polaroidkamera hing an der Wand, daneben eine digitale Kamera auf einem Stativ. Auf einem Tisch lagen Hüte, Schals, falsche Bärte. Weihnachtliche Verkleidung Level: maximal.
Hinter dem Tisch stand ein Mann, vielleicht Anfang dreißig, Brille, Kapuzenpulli, neutraler Gesichtsausdruck. Nicht unfreundlich. Aber auch nicht begeistert.
„Hi“, sagte er. „Foto?“
Jonas nickte automatisch. „Äh… ja?“
Lea trat einen Schritt nach vorne. „Kurze Frage“, sagte sie. „Seit wann gibt’s die Hütte?“
Der Mann zögerte eine halbe Sekunde zu lang. „Dieses Jahr.“
„Und gehört sie zum Markt?“, fragte Mehmet.
„Kooperation“, sagte der Mann. „Wie fast alles hier.“
Sofia sah sich um. „Und die Fotos?“
„Sind kostenlos“, sagte er. „Digital. Oder als Ausdruck.“
„Und was passiert damit?“, fragte Lea.
Wieder diese Pause. Kurz. Aber da.
„Erinnerungen“, sagte der Mann. „Hab ich doch gesagt.“
Jonas spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Nicht, weil die Antwort falsch war, sondern weil sie zu glatt klang.
„Cool“, sagte Sofia fröhlich. „Dann machen wir eins.“
Sie setzte sich eine rote Mütze auf, Jonas bekam einen falschen Bart, Mehmet hielt einen Papp-Schneemann hoch. Lea blieb bewusst etwas abseits.
Klick.
Der Blitz war grell.
„Nochmal“, sagte der Mann automatisch.
Klick.
„Okay“, sagte er. „Ihr bekommt den Link per QR-Code.“
Er drehte ein kleines Schild um. Wieder ein QR-Code. Anders als der auf der Bühne. Schlichter. Aber eindeutig Teil desselben Systems.
Lea sah ihn an. „Ist der Code personalisiert?“
Jetzt sah der Mann sie direkt an. Richtig an.
„Ihr stellt viele Fragen“, sagte er.
„Wir sind Jugendliche“, sagte Jonas. „Das ist unser Job.“
Der Mann atmete aus. „Scannt ihn oder lasst es.“
Jonas scannte.
Sein Handy vibrierte. Eine Seite öffnete sich. Kein Login. Kein Name. Nur ein Button: Foto ansehen.
Darunter, klein: Mit dem Fortfahren stimmen Sie der Teilnahme an der WinterSpark-Familienaktion zu.
„Familienaktion“, murmelte Mehmet. „Wir sind nicht mal eine Familie.“
„Scroll“, sagte Lea.
Jonas scrollte.
Text. Viel Text. Datennutzung. Analyse. Optimierung. Begriffe, die man sonst nur überfliegt, wenn man schnell zu „Akzeptieren“ will.
Sofia beugte sich über das Display. „Hier“, sagte sie. „‚Interaktionsdaten von Minderjährigen‘.“
Es wurde still in der Hütte.
Der Mann hinter dem Tisch sagte nichts. Aber seine Schultern waren jetzt angespannt.
„Ihr sammelt hier Daten“, sagte Lea ruhig. „Nicht nur Fotos.“
„Ich arbeite hier nur“, sagte der Mann schnell. „Das kommt nicht von mir.“
„Von wem dann?“, fragte Jonas.
Der Mann sah kurz zur Seite. Zur Rückwand der Hütte, wo ein kleines Logo klebte. Unauffällig. Aber jetzt offensichtlich.
WinterSpark Labs.
„Das ist nicht nur Werbung“, sagte Mehmet leise. „Das ist… System.“
In diesem Moment vibrierte Jonas’ Handy erneut. Eine neue Nachricht. Wieder anonym.
Unbekannt: „Gut. Ihr habt die Hütte gefunden.“
Unbekannt: „Das ist nur ein Knotenpunkt.“
Unbekannt: „Die Bühne ist laut. Die Wahrheit ist leise.“
Jonas hob den Blick. „Das wird größer“, sagte er.
Lea nickte. „Und wir sind jetzt mittendrin.“
Draußen drehte sich das Riesenrad weiter. Lichter. Musik. Lachen.
Und irgendwo zwischen all dem begann Weihnachten, sich sehr falsch anzufühlen.