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Weihnachten mit Vollgas

Teil 9: Zwei, die schreiben

Sie gingen erst weiter, als sie außer Sichtweite der Fotohütte waren. Nicht hastig. Nicht auffällig. Einfach so, als hätten sie gerade ein Foto gemacht und müssten jetzt dringend irgendwohin, ohne genau zu wissen wohin.

Erst hinter dem Stand mit gebrannten Mandeln blieb Lea stehen. „Handys raus“, sagte sie ruhig. „Aber kein Tippen. Nur gucken.“

Jonas zog seins hervor. Der letzte Chat war noch offen. Die Nachricht aus der Hütte. Die Worte brannten sich förmlich ins Display.

„Das ist nicht mehr nur user017_xd“, sagte er. „Der Schreibstil ist anders.“

Sofia nickte. „Ja. Weniger Emojis. Weniger Chaos. Mehr… Kontrolle.“

Mehmet runzelte die Stirn. „Heißt das, wir haben jetzt zwei Leute, die uns schreiben?“

Lea antwortete nicht sofort. Sie starrte auf Jonas’ Display, als würde sie versuchen, zwischen den Zeilen etwas zu lesen, das dort eigentlich nicht stand.

„Ja“, sagte sie schließlich. „Und das ist kein Zufall.“

Jonas scrollte im Chatverlauf zurück. Die alten Nachrichten von user017_xd waren anders. Lockere Sprache. Halbe Sätze. Witze, die man nicht sofort verstand.

„user017_xd wollte, dass wir Fragen stellen“, sagte er. „Der hier will, dass wir genau das Richtige tun.“

„Oder das Falsche“, warf Sofia ein.

Lea nickte langsam. „Einer zieht uns Richtung Wahrheit. Der andere will uns steuern.“

Mehmet verschränkte die Arme. „Super. Zwei Unbekannte. Einer nett, einer schlau. Beides macht mir Angst.“

Jonas’ Handy vibrierte erneut. Alle sahen gleichzeitig auf das Display.

Unbekannt: „Ihr wart an der Hütte. Gut.“
Unbekannt: „Bleibt aufmerksam. Nicht jeder Hinweis ist Hilfe.“

„Der weiß, wo wir waren“, sagte Sofia leise.

„Und wann“, ergänzte Lea.

Jonas tippte. Löschte. Tipperte nochmal. Löschte wieder.

„Nicht antworten“, sagte Lea sofort. „Noch nicht.“

Jonas ließ das Handy sinken. „Ich mag das nicht“, murmelte er. „Das fühlt sich an, als würde jemand hinter uns herlaufen, ohne dass wir Schritte hören.“

Sie gingen weiter. Vorbei an Ständen, an Lichtern, an Menschen, die keine Ahnung hatten, dass gerade jemand versuchte, vier Jugendliche zu lenken, wie Spielfiguren.

„Was ist mit user017_xd?“, fragte Mehmet. „Seit der Nachricht von vorhin kam nichts mehr.“

Jonas checkte. „Still.“

Sofia zog die Augenbrauen hoch. „Das ist entweder gut… oder sehr schlecht.“

Lea blieb stehen. Sie drehte sich zu ihnen um. „Wir ändern was.“

„Was genau?“, fragte Jonas.

„Ab jetzt reagieren wir nicht mehr auf Nachrichten“, sagte Lea. „Wir beobachten selbst. Wir entscheiden selbst.“

„Und Tom?“, fragte Mehmet.

Lea sah Richtung Bühne. Man konnte sie von hier aus nicht sehen, aber man hörte sie. Applaus. Musik. Durchsagen.

„Tom ist unser Anker“, sagte sie. „Wenn jemand lügt, wird er es dort merken.“

Jonas’ Handy vibrierte ein drittes Mal. Diesmal kam die Nachricht von einer bekannten Nummer.

user017_xd: „Ihr seid nah dran.“
user017_xd: „Aber ihr hört gerade auf die falsche Stimme.“

Sofia schnappte hörbar nach Luft. „Okay. Gänsehaut.“

Lea trat näher an Jonas heran und las die Nachricht noch einmal.

„Die kennen sich“, sagte sie leise. „Oder sie wissen zumindest voneinander.“

Mehmet schüttelte den Kopf. „Das wird immer besser.“

Jonas steckte das Handy weg. „Ab jetzt gilt eins“, sagte er. „Wir glauben keinem von beiden blind.“

Lea nickte. „Genau. Wir sammeln. Wir vergleichen. Und wir lassen uns nicht treiben.“

Sie standen einen Moment still. Lichter spiegelten sich im Boden. Kinder lachten irgendwo.

Und mitten im Weihnachtsmarkt wurde ihnen klar: Sie waren nicht mehr nur Zuschauer. Sie waren Teil des Spiels.

Und das Spiel hatte gerade die Regeln geändert.