Weihnachten mit Vollgas
Teil 10: Santa ist ersetzbar
Backstage roch es nach kaltem Kaffee, Kabelisolierung und dieser merkwürdigen Mischung aus Stress und Zuckerwatte. Tom saß auf einer Holzkiste und starrte auf seine roten Handschuhe, als würden sie ihm gleich eine Antwort geben.
„Noch fünf Minuten“, sagte eine Stimme von irgendwoher. Nicht zu ihm. Einfach in den Raum.
Tom nickte, obwohl ihn niemand ansah.
Er hatte das Kostüm noch nicht an. Die Jacke hing über einem Stuhl, der Bart lag ordentlich zusammengefaltet daneben. Alles bereit. Nur er nicht.
Die Tür ging auf. Ein Mann im dunklen Mantel trat ein. Headset. Klemmbrett. Freundliches Lächeln, das nicht bis zu den Augen reichte.
„Tom“, sagte er. „Alles klar bei dir?“
„Klar“, log Tom automatisch. „Warum?“
Der Mann blätterte auf seinem Klemmbrett, als wäre das gerade die wichtigste Sache der Welt. „Nur ein kurzes Update“, sagte er.
Tom hasste diesen Satz.
„Es gibt ein paar Anpassungen im Ablauf“, fuhr der Mann fort. „Nichts Dramatisches. Du bleibst beim Skript, wir sorgen für den Rest.“
„Und wenn nicht?“, fragte Tom, ohne selbst genau zu wissen, warum.
Der Mann lächelte noch ein kleines bisschen breiter. „Dann haben wir Alternativen.“
Tom sah ihn an. „Alternativen?“
Der Mann nickte. „Ersatz-Santas. Für den Fall der Fälle.“
Es dauerte einen Moment, bis die Worte wirklich ankamen.
„Ihr habt… mehrere?“, fragte Tom.
„Natürlich“, sagte der Mann ruhig. „Das ist ein System. Wir planen immer redundant.“
System. Dieses Wort blieb hängen.
„Heißt das“, sagte Tom langsam, „wenn ich heute einfach gehe…“
„Dann übernimmt jemand anderes“, unterbrach ihn der Mann. „Ohne Drama. Ohne Pause. Das Publikum merkt nichts.“
Tom lachte kurz auf. Kein echtes Lachen. Mehr so ein Geräusch.
„Also bin ich austauschbar.“
Der Mann legte den Kopf schief. „Nicht austauschbar“, sagte er. „Ersetzbar.“
Das war schlimmer.
Draußen brandete Applaus auf. Irgendjemand rief seinen Namen.
„Du hast eine Verantwortung“, sagte der Mann. „Für die Kinder. Für die Stimmung. Für das Projekt.“
„Für WinterSpark“, sagte Tom.
Ein kurzes Zucken ging durch das Gesicht des Mannes. Zu kurz für die Menge. Lang genug für Tom.
„Genau“, sagte der Mann.
Tom stand auf. Er war plötzlich sehr ruhig.
„Was passiert, wenn ich mich nicht ans Skript halte?“
Der Mann atmete aus. „Dann wird es kompliziert.“
„Für wen?“
Der Mann sah ihn lange an. „Für alle.“
Wieder Applaus. Die Musik wurde lauter.
„Zwei Minuten“, rief jemand.
Der Mann trat zur Tür. „Zieh dich um“, sagte er. „Mach deinen Auftritt. Danach reden wir weiter.“
Die Tür schloss sich.
Tom blieb stehen. Sah auf den Bart. Die Jacke. Die Handschuhe.
Er zog sich an. Langsam. Bewusst.
Nicht, weil er gehorchte. Sondern weil er Zeit brauchte.
Als er fertig war, sah er im Spiegel jemanden, der lächelte, weil er es musste.
Tom beugte sich vor und flüsterte seinem Spiegelbild zu: „Wenn ich ersetzbar bin, dann bin ich auch gefährlich.“
Draußen rief der Moderator: „Und jetzt… unser Weihnachtsmann!“
Tom atmete tief ein, öffnete die Tür und trat ins Licht.