Weihnachten mit Vollgas
Teil 11: Die perfekte Lüge
Sie trafen sich dort, wo der Weihnachtsmarkt am lautesten war und man trotzdem unauffällig sein konnte. Zwischen Musik, Gelächter und dem rhythmischen Klacken der Karussellketten.
„Okay“, sagte Lea. „Wir legen alles auf den Tisch.“
Jonas zog sein Handy raus. Mehmet auch. Sofia hatte ihres schon in der Hand.
Drei Displays. Nachrichten. Zeitstempel. Worte, die plötzlich schwerer wirkten, als sie es noch vor einer Stunde getan hatten.
„Ich hab mir die Texte nochmal angeschaut“, sagte Jonas. „Vom Unbekannten. Von user017_xd.“
„Und?“, fragte Sofia.
„Der Unbekannte ist immer präzise“, sagte Jonas. „Orte. Reihenfolge. Timing.“
Mehmet nickte. „Und er weiß immer, wo wir gerade waren.“
Lea verschränkte die Arme. „user017_xd dagegen…“
„…stellt Fragen“, ergänzte Sofia. „Oder wirft Dinge rein, die uns verunsichern.“
Jonas atmete tief durch. „Ich glaube, wir haben uns verrannt.“
Lea sah ihn an. „Erklär.“
„Wir haben angenommen, dass der Unbekannte uns hilft, weil er so logisch wirkt“, sagte Jonas. „Aber genau das macht ihn perfekt.“
Mehmet runzelte die Stirn. „Perfekt wofür?“
„Für eine Lüge“, sagte Lea leise.
Einen Moment lang sagte niemand etwas. Nur die Musik von der Bühne schwappte in Wellen herüber.
„Eine perfekte Lüge fühlt sich richtig an“, fuhr Lea fort. „Sie ist sauber. Klar. Ohne Widersprüche. Und genau deshalb glaubt man sie.“
Sofia biss sich auf die Lippe. „Heißt das, der Unbekannte…“
„…führt uns“, sagte Jonas. „Nicht zur Wahrheit. Sondern weg von ihr.“
Mehmet schnaubte leise. „Dann war alles bisher falsch.“
Lea schüttelte den Kopf. „Nicht alles. Aber das Ziel.“
Jonas scrollte durch den Chat. „Schaut euch das an. Immer wenn wir kurz davor waren, selbst etwas zu entdecken, kam eine Nachricht.“
Sofia beugte sich näher. „Und jedes Mal hat sie uns woanders hingeschickt.“
Lea nickte langsam. „Ablenkung.“
In diesem Moment vibrierte Jonas’ Handy. Alle sahen gleichzeitig hin.
Unbekannt: „Ihr denkt zu kompliziert.“
Unbekannt: „Konzentriert euch auf den Moderator.“
Mehmet lachte kurz. „Wow. Timing.“
Lea sah auf die Nachricht, dann hob sie den Blick. „Genau das meine ich.“
„Der Moderator ist zu offensichtlich“, sagte Sofia. „Der ist laut. Sichtbar. Austauschbar.“
Jonas nickte. „Wie Tom.“
Stille.
„Oder wie die Santas“, sagte Mehmet. „Ersatz-Santas.“
Lea sah zur Bühne. Der Moderator sprang herum, riss die Arme hoch, lachte in die Menge.
„Er ist Teil des Systems“, sagte sie. „Aber nicht der Kopf.“
Jonas’ Handy vibrierte erneut.
user017_xd: „Wenn euch jemand sagt, wohin ihr schauen sollt, schaut woanders.“
Sofia bekam eine Gänsehaut. „Okay. Das war… eindeutig.“
Lea atmete langsam aus. „user017_xd ist chaotisch, unklar, manchmal nervig.“
„Aber ehrlich“, sagte Jonas.
Lea nickte. „Und der Unbekannte ist ruhig, hilfreich, logisch.“
„Und manipulativ“, sagte Mehmet.
Wieder vibrierte das Handy.
Unbekannt: „Letzte Warnung. Bleibt bei dem Plan.“
Jonas sperrte den Bildschirm. „Er droht.“
Lea sah die anderen an. „Dann wissen wir jetzt, was wir tun.“
„Nichts von dem, was er sagt“, meinte Sofia.
Lea lächelte schief. „Genau.“
Sie standen einen Moment da. Mitten im Trubel. Mitten im Lärm.
Und zum ersten Mal fühlte es sich an, als hätten sie den richtigen Gegner gefunden.
Nicht den lautesten. Sondern den, der im Hintergrund blieb.