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Drei Vorsätze fürs neue Jahr

Teil 1: Die Tür, die nicht da sein durfte

Am Rand von Falkenau, einer Stadt, die in Reiseführern höchstens als „ruhig“ beschrieben wurde, stand ein altes Wasserwerk. Es war seit Jahren geschlossen, die Fenster blind vor Staub, das Gelände umzäunt. Jugendliche erzählten sich, dort würden nachts Lichter flackern. Erwachsene erklärten das mit „defekten Leitungen“ und wechselten schnell das Thema.

Mira glaubte weder an Geister noch an Zufälle. Sie glaubte an Muster.

An diesem Freitag hatte es früh gedämmert. Der Himmel hing wie eine nasse Decke über der Stadt, und der Wind trug feine Regentropfen über die Straßen. Mira zog ihre Kapuze tiefer, während sie den kleinen Fußweg entlangging, der hinter dem Sportplatz zum Wasserwerk führte. Sie wusste, dass sie hier nicht sein sollte. Genau deshalb war sie hier.

Sie war nicht allein. Neben ihr stapfte Tom, der immer so tat, als wäre ihm alles egal, aber jedes Mal als Erster „Warte!“ rief, wenn etwas knarrte. Hinter ihnen kam Leila, vorsichtig und wachsam, mit einer Taschenlampe in der Hand, als wäre sie die Einzige, die verstand, dass Dunkelheit nicht böse sein musste – nur voller Möglichkeiten.

„Also nochmal“, flüsterte Tom. „Warum genau machen wir das?“

Mira blieb stehen und deutete auf ihren Notizzettel. Darauf waren Uhrzeiten, Beobachtungen und kleine Skizzen. „Weil jeden Abend um 19:13 Uhr im Wasserwerk ein Licht an- und wieder ausgeht. Exakt zehn Sekunden lang. Und weil es auch passiert, wenn das ganze Gelände abgeschlossen ist.“

Leila nickte. „Und weil gestern mein Onkel – der bei der Stadt arbeitet – gesagt hat, es gäbe dort ‚einen Raum, den es nicht gibt‘. Wortwörtlich.“

Tom schnaubte leise. „Klingt total normal.“

Sie erreichten den Zaun. Das Metall war kalt und feucht. Mira hatte die Stelle schon am Vortag entdeckt: Ein Teil war unten leicht verbogen, gerade genug, um sich hindurchzuschieben, wenn man den Atem anhielt und nicht zu viel über seine Jacke nachdachte.

Drinnen roch es nach nassem Beton und altem Laub. Das Wasserwerk war ein niedriger Bau mit einem höheren Turm dahinter. An der Seite führte eine Tür in den Keller. Sie war mit einem Vorhängeschloss gesichert – und genau dort, wo das Schloss hing, war etwas seltsam: Das Metall sah aus, als hätte es jemand vor kurzem angefasst. Keine Spinnweben. Keine Schicht aus Staub.

Mira zog ein Foto aus der Tasche. „Gestern war das Schloss hier“, flüsterte sie. „Heute… sieht es aus, als wäre es neu.“

„Vielleicht hat’s jemand ausgetauscht“, meinte Tom, doch seine Stimme klang nicht überzeugt.

Leila leuchtete mit der Taschenlampe über den Boden. „Da sind Spuren. Frisch. Und…“ Sie hielt inne. „Hier ist etwas in den Staub geschrieben.“

Mira kniete sich hin. Im dünnen grauen Film auf dem Beton stand ein Wort, so sauber, als hätte jemand mit einem Finger geschrieben:

NICHT KLOPFEN.

Tom schluckte. „Okay. Ich klopfe nicht.“

„Vielleicht ist das genau das, was wir tun sollen“, murmelte Mira.

Die Uhr auf ihrem Handy sprang um. 19:13.

Im gleichen Moment flackerte im Inneren des Gebäudes ein warmes Licht auf – nicht grell, sondern so, als hätte jemand eine Lampe hinter Milchglas eingeschaltet. Zehn Sekunden. Dann wieder Dunkelheit.

Und dann passierte etwas, das Mira nie vergessen würde: Das Vorhängeschloss an der Kellertür klickte. Nicht wie ein Aufspringen – eher wie ein Lösen.

Die Tür stand einen Spalt offen.

„Das… war nicht ich“, flüsterte Tom.

„Ich auch nicht“, sagte Leila.

Mira atmete langsam aus. „Dann ist es eine Einladung.“

Sie drückte die Tür vorsichtig weiter auf. Kalte Luft strömte heraus, und irgendwo tief unten hörten sie ein Geräusch, das wie das leise Drehen eines Schlüssels klang.

Ein Kellergeruch stieg hoch – aber darunter war etwas anderes. Etwas Unpassendes.

Wie Papier. Und Regen. Und… elektrische Spannung.

„Wenn wir da runtergehen“, sagte Leila leise, „sollten wir uns merken, wie wir wieder rauskommen.“

Mira nickte. „Und wenn es einen Raum gibt, den es nicht gibt…“

Tom hob die Hände. „Dann ist das die dümmste beste Idee, die wir je hatten.“

Sie stiegen hinab.