Drei Vorsätze fürs neue Jahr
Teil 5: Die Stadt unter der Stadt
Der Gang der Rückkehr führte nicht nach oben. Er führte abwärts.
„Das ist nicht logisch“, murmelte Mira, während sie die glatten Stufen hinabgingen. „Rückkehr heißt doch… zurück.“
„Vielleicht zurück zu dem, was darunter liegt“, sagte Leila.
Tom blieb stehen und lauschte. „Hört ihr das?“
Es klang wie fernes Leben: ein leises Summen vieler Stimmen, das Rattern von etwas Mechanischem, ein Wind, der durch große Räume zog. Und darunter ein Rhythmus, als würde eine riesige Uhr ticken.
Die Stufen endeten an einem Torbogen. Dahinter öffnete sich ein Anblick, der Mira den Atem raubte.
Unter ihnen lag eine Stadt.
Keine moderne Stadt, keine Ruine. Etwas Eigenes: Gassen aus hellem Stein, Laternen mit warmem Licht, Brücken, die über dunkle Kanäle führten. Über allem hing eine Decke aus Fels – und darin waren kleine, leuchtende Punkte wie Sterne, als hätte jemand den Himmel nachgebaut.
„Das ist unmöglich“, flüsterte Tom.
„Und trotzdem da“, sagte Leila.
Am Rand des Platzes stand ein Schild, handgemalt, als wäre es ganz normal, dass hier Menschen vorbeikommen:
WILLKOMMEN IM ZWISCHENORT
Mira trat vor. Auf dem Platz war niemand zu sehen. Aber alles wirkte benutzt: frische Fußspuren im Staub, eine offene Tür in einem Laden, ein Becher auf einer Bank, aus dem noch Dampf stieg.
„Jemand war gerade hier“, sagte Mira.
„Vielleicht ist hier immer jemand“, murmelte Tom und sah sich nervös um.
Sie gingen durch die Gassen. Über einer Tür hing ein Symbol – das halb geschlossene Auge von der Karte. Mira blieb stehen. „Das ist das Zeichen. Der Ort ist wirklich… echt.“
Leila zeigte auf ein Schaufenster. Darin lagen Dinge wie im Archiv: eine Fahrkarte, ein kleiner Ring, ein Stoffhase. Aber hier waren sie nicht nur gelagert – sie waren ausgestellt. Wie Erinnerungen in einem Museum.
Plötzlich hörten sie Schritte. Diesmal echte, klar auf Stein. Aus einer Seitenstraße trat eine Person: ein Junge, vielleicht siebzehn, mit dunklen Locken und einem Mantel, der zu groß wirkte. Um seinen Hals hing ein Schlüsselbund – genau wie bei dem Mädchen aus Miras Vorstellung im Archiv, nur dass Mira es diesmal wirklich sah.
Der Junge blieb stehen, als hätte er auf sie gewartet.
„Ihr seid spät“, sagte er.
Tom blinzelte. „Entschuldigung? Wir sind… gar nicht verabredet.“
Der Junge ignorierte Tom und sah Mira an. „Du bist die, die Muster sucht.“
Mira erstarrte. „Woher weißt du das?“
„Weil der Zwischenort dich eingelassen hat“, sagte er. „Und das macht er nicht ohne Grund.“
Leila trat einen Schritt vor. „Wer bist du?“
„Nenn mich Nox“, sagte der Junge. „Namen sind hier… flexibel.“ Er hob den Schlüsselbund. „Ich bin ein Wächter. Nicht der Einzige. Aber einer von denen, die verhindern, dass der Ort kippt.“
„Kippt?“ wiederholte Mira.
Nox zeigte nach oben, zur Felsdecke. Dort leuchteten die „Sterne“ – doch einer flackerte schwach. „Wenn zu viele Menschen den Zwischenort sehen, wird er schwer. Wenn er schwer wird, fällt er in die echte Welt. Und dann…“
Er ließ den Satz offen.
Tom schluckte. „Dann was? Dann ist hier plötzlich eine Geheimstadt unter Falkenau? Klingt doch… okay?“
Nox’ Blick war plötzlich scharf. „Nein. Dann wird alles, was hier aufbewahrt wird, zurückgespült. In Köpfe, in Herzen, in Orte. Ungelebte Wege, gelöschte Erinnerungen, verdrängte Entscheidungen. Alles gleichzeitig.“
Leila flüsterte: „Das wäre Chaos.“
„Mehr als das“, sagte Nox. „Es wäre ein Durcheinander von Identitäten. Menschen würden sich an Dinge erinnern, die nie passiert sind – und sie würden danach handeln.“
Mira dachte an das Archiv. An die Wörter, die sie zurückgelassen hatten. Kontrolle. Anpassung. Fassade.
„Warum sind wir hier?“ fragte Mira.
Nox sah sie an, als wäre die Antwort unangenehm. „Weil jemand den Zwischenort von innen öffnen will. Und ihr habt unwissentlich die Tür entriegelt.“
Tom hob beide Hände. „Moment. Wir? Wir haben nur… reingeguckt.“
„Ihr habt den Tausch gemacht“, sagte Nox. „Ihr habt Teile von euch hiergelassen. Damit seid ihr verbunden. Und verbunden heißt: benutzbar.“
Mira spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Wer will ihn öffnen?“
Nox ging ein paar Schritte näher und senkte die Stimme. „Jemand, der glaubt, er könne aus all den ungelebten Wegen den perfekten Weg bauen. Jemand, der hier nicht nur bewahrt – sondern sammelt.“
„Wie heißt er?“ fragte Leila.
Nox zögerte. Dann sagte er:
„Man nennt ihn den Archivar.“
Und im selben Moment erlosch einer der Sterne in der Decke endgültig.