Der Tag, an dem Marvin beschloss, Influencer zu werden2>
Teil 1
Marvin war 27, hatte einen mittelgroßen Bart, einen überdurchschnittlich großen Kaffee-Konsum und das Gefühl, beruflich vielleicht „irgendwie mehr machen zu müssen“. Als er auf Instagram sah, wie Leute in Jogginghosen Werbedeals bekamen, während er in seinem Großraumbüro Excel-Tabellen sortierte, traf er eine Entscheidung: Ich werde Influencer.
Der aktuelle Trend, unser Leben digital zu vermarkten, schien ihm perfekt. Schließlich hatte Marvin ein Leben. Zwar ein recht durchschnittliches, aber das musste man ja niemandem erzählen.
Sein erster Schritt: Content produzieren. Marvin googelte, wie man das macht, und fand heraus, dass man dafür unbedingt „Authentizität“ brauche. Also filmte er sich beim Aufstehen. Blöderweise vergaß er, vorher die Kameralinse zu putzen, wodurch sein erstes Reel aussah, als würde ein Nebelmonster aus dem Bett steigen.
Er postete es trotzdem mit dem Titel: „Realness first ✨ #nofilter #morningvibes“.
Fünf Minuten später schrieb seine Mutter: „Warum sieht es in deinem Zimmer aus wie nach einer Naturkatastrophe?“ Zehn Minuten später meldete sich sein bester Freund Tom: „Hast du die Kamera aus Versehen in Mayonnaise getunkt?“
Doch Marvin blieb dran. Influencer brauchen Nischen. Und es gab so viele Trends: Gym-Tok, Minimalismus, Crypto-Hype, Self-Care, Work-Life-Balance, Notion-Templates, AI-Art.
KI! Das war’s!
Er beschloss, ein „KI-Lifestyle-Influencer“ zu werden. Er wollte KI nutzen, um seine Storys zu planen, Motivationssprüche zu generieren und vielleicht Fotos zu erstellen, auf denen sein Zimmer weniger nach Naturkatastrophe aussah.
Seine nächste Story nannte er: „Wie KI mein Leben verändert 🚀 – Tag 1“.
Die KI schrieb ihm einen inspirierenden Text. Leider verwechselte Marvin Deutsch und Englisch und postete versehentlich eine Mischung aus beidem:
„Rise and shine, you gorgeous Kartoffel 🥔💫 – today is your day!“
Die Reaktionen kamen schnell. Tom schrieb: „Bro, hast du mich gerade Kartoffel genannt?“ Ein Fremder kommentierte: „Ich fühle mich gesehen.“
Da Marvin jetzt bereits „eine Community“ hatte (14 Follower, davon 11 Bots), plante er sein Getränk für die tägliche Self-Improvement-Routine: Matcha. Matcha war überall – grüne Energie, stylischer Trend, teuer genug, dass sogar Hipstern kurz schlecht wurde.
Er kaufte ein Set online und filmte sich, wie er es zubereiten wollte. Er wusste jedoch nicht, dass man Matcha nicht wie Instant-Kaffee einfach „reinschüttet“. Das Ergebnis war eine grün-staubige Wolke, die die Küche einnebelte. Sein Handy filmte, wie er hustend aus dem Bild rannte.
Das Reel ging online – natürlich mit dem „Mission Impossible“-Theme darunter.
Dann passierte das Unglaubliche: Das Video ging viral.
20.000 Views.
Kommentare wie: „Das ist die authentischste Matcha-Zubereitung, die ich je gesehen habe“ und „Same energy, wenn ich versuche, mein Leben zu verbessern 😂“ stapelten sich unter dem Video.
Marvin fühlte sich bestätigt. Er war auf dem Weg.
Nun musste Level zwei folgen: Kooperationen. Er schrieb kleinen Marken, ob sie mit ihm zusammenarbeiten wollten. Eine meldete sich tatsächlich zurück:
„Sehr geehrter Herr K., wir hätten Interesse! Bitte schicken Sie uns Ihr Media-Kit.“
Marvin googelte: Was um alles in der Welt ist ein Media-Kit?
Nach drei weiteren KI-generierten Versuchen bekam er schließlich eins hin. Leider enthielt Seite 2 statt einer Demografie-Grafik eine KI-Illustration von einem tanzenden Avocado-Toast.
Die Firma schrieb höflich zurück: „Sehr kreativ. Melden Sie sich gern, sobald Sie echte Zahlen haben.“
Doch Marvin gab nicht auf. Er machte weiter Reels, postete „inspirierende Zitate“ (teilweise unabsichtlich kulinarisch beleidigend wie „Folge deinem Weg, du kleiner Pfannkuchen“) und probierte die nächste Trendwelle: Fitness-Self-Tracking.
Sein erster „Progress-Shot“ war komplett dunkel, weil er vergessen hatte, das Licht anzumachen. Jemand kommentierte: „Bro, bist du eine Schattenfigur?“
Und dann geschah es wieder: Seine chaotischen, unperfekten Clips wurden zum Trend. „Influencer scheitern realistisch“ – eine neue Kategorie.
Ein Podcast erwähnte ihn. Eine Meme-Seite repostete seine Matcha-Explosion. Plötzlich hatte er 10.000 Follower.
Sein nächstes Reel lautete: „Ich hab einfach nur versucht, ein Trend-Leben zu leben – und wurde selber zum Trend.“
Am Abend saß Marvin auf seiner Couch, trank Matcha (diesmal erfolgreich vorbereitet) und grinste. Vielleicht war der Trend gar nicht Perfektion. Vielleicht war der Trend einfach, so herrlich chaotisch und echt zu sein, wie wir alle es sind.
Er sah in die Kamera und sagte: „Rise and shine, ihr wunderschönen Kartoffeln – heute schaffen wir wieder irgendwas halbwegs richtig!“