Der Tag, an dem Marvin beschloss, Influencer zu werden
Teil 3
Marvin starrte immer noch auf die Mail der Mikro-Tee-Firma, als hätte er gerade ein Ticket nach Hollywood gewonnen.
„Sehr geehrter Herr K., wir finden Ihre Videos erfrischend authentisch und könnten uns eine Kooperation vorstellen.“
Allein das Wort „Kooperation“ ließ sein Herz einen kleinen Salto schlagen. Er machte einen Screenshot und schickte ihn an Tom.
Tom antwortete prompt:
„Glückwunsch, Influencer-Boy. Frag sie, ob sie dir auch eine neue Kamera zahlen, bevor du sie wieder im Tee versenkst.“
Marvin beschloss, professionell zu wirken. Also fragte er seine KI:
„Schreibe eine freundliche, aber lockere Antwort auf eine Kooperationsanfrage, so als wäre ich ein leicht überforderter, aber sympathischer Mikro-Influencer.“
Die KI lieferte in Sekunden einen Text, der mit den Worten begann:
„Es ist mir eine Ehre, gemeinsam mit Ihnen eine Tee-Revolution zu starten.“
Marvin las es, nickte und dachte: „Ja. Genau solche Sätze sagen Leute, die wissen, was sie tun.“
Er schickte die Mail ab, druckte sie nicht aus (obwohl er kurz darüber nachdachte, um sie zu rahmen) und wartete. Und stellte fest, dass Warten im Influencer-Leben genauso nervig war wie im Büroalltag.
Nach einem halben Tag kam die Antwort: Die Firma wollte ein kleines Paket schicken und bat ihn, ein „authentisches Review“ zu machen. Kein Skript, keine Vorgaben – nur er, Tee und seine Kamera.
„Also… quasi das, was sowieso immer bei mir passiert“, murmelte Marvin.
Ein paar Tage später stand ein Karton vor seiner Tür. Tom war zufällig da, als er ihn öffnete.
„Bro, das ist der Moment“, sagte Tom. „Dein offizieller Eintritt in die Liga der Leute, die Tee vor einer Pflanze in die Kamera halten.“
Marvin ignorierte den Kommentar und packte feierlich drei hübsch gestaltete Teedosen aus, dazu eine handgeschriebene Karte:
„Wir freuen uns auf dein ehrliches Feedback. Bleib so herrlich echt wie in deinen Videos.“
„Okay“, sagte Marvin. „Ehrlich kann ich.“
Er baute sein Setup im Wohnzimmer auf. Dieses Mal sicherte er die Kamera mit einem Bücherstapel und einem Gummiband.
„Ich lerne“, murmelte er stolz.
Die KI half ihm beim Skript. Auf seinem Bildschirm stand:
„Hey Leute, heute teste ich zum ersten Mal den neuen Matcha-Mix von …“
Marvin überflog den Text, warf die Hälfte raus und dachte: „Wenn die Authentizität wollen, kriegen sie auch meine Art von Authentizität.“
Er drückte auf Aufnahme.
„Hey Leute“, begann er, „ihr kennt ja meine epische Matcha-Explosion. Heute versuche ich das Ganze in… sagen wir mal… zivilisierter.“
Er holte tief Luft, öffnete die Dose, hielt sie in die Kamera, schnupperte übertrieben dramatisch und sagte:
„Riecht, als würde mein Leben vielleicht doch noch in geordnete Bahnen kommen.“
Er schaffte es tatsächlich, das Pulver elegant in die Schale zu löffeln.
„Seht ihr? Kein Pulver-Tsunami, keine grüne Staubwolke…“
In diesem Moment stolperte er beim Zurücktreten über sein eigenes Stativ. Die Kamera wackelte, der Fokus sprang auf sein halb chaotisches Bücherregal, und das Mikro nahm ein sehr deutliches „Aaaaaaah!“ auf.
Das bemerkenswerte daran: Der Tee blieb stehen. Nichts flog, nichts kippte um.
„Okay“, keuchte Marvin und richtete die Kamera wieder. „Was ich sagen wollte: Ich bin gewachsen.“
Er nahm einen Schluck, schaute ernst in die Kamera und sagte:
„Leute, ich weiß nicht, ob ich erwachsener geworden bin oder ob dieser Tee einfach erwachsener für mich ist, aber… das schmeckt nach: ‚Ich habe mein Leben nicht im Griff, aber dieser Schluck bringt mich einen Schritt näher.‘“
Er beendete das Video, schnitt ein paar peinliche Pausen raus, ließ aber den fast-Sturz drin. Weil — natürlich — die KI ihn daran erinnerte, dass seine Zielgruppe genau das möge.
Am selben Abend lud er das Reel hoch:
„Vom Matcha-Chaos zur halbwegs kontrollierten Tee-Existenzkrise. #ad #notad #ichweißesnicht“
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.
Kommentare wie:
„Das ist die ehrlichste Werbung, die ich je gesehen habe.“
„Ich will den Tee. Und deinen Stuhl. Und deine Anti-Gravitations-Tassen-Technologie.“
„Influencer, die zugeben, ihr Leben nicht im Griff zu haben = sofort abonniert.“
Die Tee-Firma schrieb ihm am nächsten Morgen:
„Wir haben Tränen gelacht. Und unsere Verkäufe haben heute Morgen schon einen Sprung gemacht. Wenn du möchtest, verlängern wir die Kooperation.“
Marvin saß mit seinem Handy auf der Couch, starrte auf die Nachricht und spürte eine seltsame Mischung aus Freude, Panik und Koffein.
Tom schrieb ihm hinterher:
„Glückwunsch. Du bist offiziell ‚der mit dem Tee, der fast hinfällt‘.“
Und zum ersten Mal fühlte sich Marvin tatsächlich wie jemand, der etwas Eigenes erschaffen hatte. Nicht perfekt, nicht geplant, aber echt genug, dass Fremde im Internet sich darin wiederfanden.
Am Abend öffnete er seine Notizen-App. Die KI hatte schon einen neuen Vorschlag generiert:
„10 Ideen für deine nächste Content-Serie: ‚Ich versuche, mein Leben zu optimieren und scheitere nur leicht.‘“
Marvin grinste. Vielleicht war das nicht nur eine Phase. Vielleicht konnte man aus leichtem Scheitern tatsächlich ein Konzept machen.
Er sah in die Kamera seines Handys, drückte aus Reflex auf Aufnahme und sagte:
„Okay Internet, offenbar wollt ihr mehr davon. Dann versucht eure liebste Chaos-Kartoffel jetzt mal, eine richtige Content-Strategie zu entwickeln… was soll schon schiefgehen?“