Der Tag, an dem Marvin beschloss, Influencer zu werden
Teil 6
Am Morgen nach dem Live-Q&A fühlte sich Marvin, als hätte er einen besonders intensiven Traum gehabt, an den er sich erstaunlich klar erinnern konnte.
Er saß am Küchentisch, vor sich eine Tasse Tee, und scrollte durch die Nachrichten, die nach dem Stream eingetrudelt waren.
„Danke, dass du ehrlich warst.“
„Ich hab mich selten in einem Stream so gesehen gefühlt.“
„Bitte vergiss nicht, auch offline Pausen zu machen. Wir wollen keinen Burnout-Livestream.“
Zwischen all den Emojis, Herzen und halb ironischen Kommentaren fiel ihm eine Nachricht besonders auf:
„Ich hab heute das erste Mal seit langem laut gelacht – und gleichzeitig fast geweint, weil ich mich so wiedergefunden habe. Danke.“
Marvin starrte auf diesen Satz, als sei es ein kleines Post-it, das jemand an seine Stirn geklebt hatte: „Das hier bedeutet den Leuten mehr, als du denkst.“
„Vorsicht“, murmelte er. „Sonst fange ich an, Verantwortung zu spüren.“
Die KI meldete sich wie immer höflich pünktlich:
„Hinweis: Deine Zuschauerzahl ist seit dem Live-Format gestiegen. Empfehlung: Regelmäßige Live-Termine planen.“
„Natürlich“, antwortete Marvin trocken. „Am besten noch mit Agenda, PowerPoint und Dresscode.“
Er stand auf, nahm die Tasse mit ins Wohnzimmer und warf sich aufs Sofa. Sein Handy legte er neben sich, das Display nach unten.
„Ich brauche einen Tag offline“, sagte er laut.
Seine KI-App blinkte kurz auf, als hätte sie ihn gehört. Sie schlug vor:
„Digital Detox: 24 Stunden ohne Social Media. Alternative: 2 Stunden ohne Social Media, dafür mit Tee.“
„Baby Steps“, sagte Marvin. „Wir nehmen die zwei Stunden.“
Er aktivierte den Fokusmodus auf seinem Handy, atmete tief durch und stellte fest, dass er jetzt… nichts zu tun hatte. Also nichts, das ihn direkt bewertet, liked oder kommentiert.
Nach etwa sieben Minuten völliger Ruhe, in denen er auf den Teppich starrte, stand er wieder auf.
„Okay, genug Detox“, sagte er. „Das war sehr intensiv.“
Statt das Handy zu entsperren, schnappte er sich jedoch ein altes Notizbuch, das irgendwo zwischen Büchern und Kabeln lag. Auf dem Cover stand krumm und schief: „Irgendwann mache ich mal was Richtiges.“
Er schlug es auf. Auf der ersten Seite stand eine Liste:
- „Studium zu Ende bringen“ (dreimal durchgestrichen)
- „Bürojob finden (sicher)“ (neben „sicher“ ein Fragezeichen)
- „Irgendwas Kreatives“ (unterstrichen, eingerahmt, wieder durchgestrichen)
Darunter hatte er vor Monaten in kleiner Schrift geschrieben:
„Vielleicht bin ich einfach der Typ, der anderen das Gefühl gibt, dass sie nicht die Einzigen sind, die nicht klarkommen.“
Marvin las den Satz zweimal. Ohne Kamera. Ohne KI-Kommentar. Nur er und seine leicht unleserliche Handschrift.
„Wow“, sagte er leise. „Vergangenheits-Ich hatte einen Moment.“
Er setzte sich hin, schnappte sich einen Stift und ergänzte die Seite:
„Update: Scheint, als hätte das Vergangenheits-Ich ausnahmsweise recht gehabt.“
Sein Handy vibrierte. Der Fokusmodus hätte es eigentlich blockieren sollen, aber offenbar hatte ein sehr hartnäckiger Algorithmus beschlossen, dass jetzt eine Erinnerung zum Thema „Ideen für neue Formate“ wichtig sei.
Er entsperrte das Handy doch – halb genervt, halb neugierig.
Die KI hatte eine Liste erstellt:
- „Format: Dinge, die du offline machst (und später ehrlich erzählst, anstatt sie zu filmen).“
- „Format: Fragen, die du deiner Community stellst, statt alles zu erklären.“
- „Format: ‚Was ich heute NICHT geschafft habe‘ – normalisiert unperfekte Tage.“
Marvin grinste.
„Also gut“, sagte er. „Vielleicht muss ich nicht ständig funktionierende Versionen von mir zeigen. Vielleicht reicht es, meine unfertigen Versionen zu sortieren.“
Am Nachmittag ging er tatsächlich nach draußen – ohne Kamera. Er lief durch die Stadt, sah Menschen mit Einkaufstüten, andere mit Kopfhörern, manche mit müdem Blick, der ihm seltsam vertraut vorkam.
In einem kleinen Café setzte er sich ans Fenster, ohne das Interieur zu scannen, wie „instagrammable“ es war. Er bestellte ganz unironisch einen Tee und hörte im Hintergrund jemandem sagen:
„Ich hab da so Videos gesehen, von einem Typen, der ständig fast alles fallen lässt, aber irgendwie voll ehrlich ist.“
Sein Herz machte einen Sprung. Er drehte sich nicht um, tat so, als hätte er es nicht gehört, und starrte konzentriert auf seine Tasse.
„Nicht alles filmen. Nicht alles filmen“, murmelte er in sich hinein.
Als er später wieder zu Hause war, fühlte sich der Tag gleichzeitig voll und ruhig an. Er hatte nichts gepostet, nichts gestreamt, nichts „produziert“ – und doch war da dieses diffuse Gefühl, dass irgendetwas in ihm gearbeitet hatte.
Die KI begrüßte ihn mit einem nüchternen Statusbericht:
„Heute: 0 neue Posts, 0 Stories, +12 neue Follower, +38 neue Nachrichten.“
„Siehst du“, sagte Marvin, „die Welt brennt auch ohne mich weiter.“
Er setzte sich an den Schreibtisch, öffnete sein Notizbuch und dann – fast widerwillig – doch wieder den Laptop. Nicht, um einen Post zu planen, sondern um die Gedanken aus dem Café festzuhalten.
Er schrieb in ein neues Dokument:
„Idee: Ein Format, in dem nicht ich im Mittelpunkt stehe, sondern die Fragen der anderen.“
Darunter setzte er Stichpunkte:
- „Nicht: ‚Ich erkläre euch das Leben‘, sondern: ‚Ich hab auch keine Ahnung – lass uns gemeinsam draufschauen.‘“
- „Kein Perfektionsdruck, sondern ehrliche Versuche.“
- „KI darf Vorschläge machen, aber nicht die Pointe übernehmen.“
Seine KI poppte auf und kommentierte:
„Hinweis: Du könntest dieses Format ‚Frag nicht mich, frag uns alle‘ nennen.“
Marvin lachte.
„Weißt du was? Das ist gar nicht so schlecht“, sagte er. „Aber du bekommst trotzdem nicht die letzte Entscheidung.“
Er lehnte sich zurück, legte den Stift beiseite und merkte, dass zum ersten Mal seit langem ein Plan in seinem Kopf entstand, der sich nicht nach Zwang, sondern nach Möglichkeit anfühlte.
„Vielleicht“, dachte er, „muss ich gar nicht aufhören, Chaos zu haben, um irgendwas Sinnvolles zu machen. Vielleicht reicht es, ihm einen Platz zu geben.“