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Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.

Teil 1: Der Endgegner im Briefkasten

Die Geschichte unserer kollektiven Vernichtung begann an einem Dienstag um 11:42 Uhr. Dienstag ist ein schrecklicher Tag für Schicksalsschläge. Montags erwartet man sie fast schon, aber Dienstags wiegt man sich in falscher Sicherheit, weil man denkt, man hätte die Kurve der Woche bereits gekriegt.

Lukas, mein Mitbewohner, stand in unserer Küche – die im Grunde nur aus zwei Herdplatten, einem Berg leerer Mate-Flaschen und einer sehr ambitionierten Schimmelkultur im Kühlschrank bestand – und starrte auf ein Stück Papier, als wäre es eine antike Fluch-Rolle.

„Finn“, sagte er mit einer Stimme, die zwei Oktaven höher lag als sonst. „Wir sind tot. Also nicht metaphorisch 'ich hab mein Handy im Club verloren'-tot, sondern 'wir müssen unsere Organe auf dem Schwarzmarkt anbieten'-tot.“

Ich schob mir ein Löffelchen Müsli in den Mund, das verdächtig nach Pappe schmeckte, und trat hinter ihn. Es war die Nebenkostenabrechnung. Der Betrag am Ende war fett gedruckt, schwarz und bösartig. Er sah aus wie eine Telefonnummer, inklusive Vorwahl.

„Wie kann man für zweitausend Euro heizen?“, fragte ich fassungslos. „Wir haben im Winter Pullover getragen! Ich habe unter drei Decken geschlafen und mein eigenes Zähneklappern als Einschlafhilfe benutzt!“

„Es ist die Nachzahlung“, wimmerte Lukas. „Und die Strompreise. Und wahrscheinlich die Tatsache, dass unsere Waschmaschine beim Schleudern klingt, als würde sie versuchen, ein Portal in eine andere Dimension zu öffnen.“

In diesem Moment kam Mia in die Küche. Mia ist die dritte im Bunde unserer WG-Apokalypse. Sie studiert Jura, was sie theoretisch zur Vernünftigsten von uns macht, praktisch bedeutet es aber nur, dass sie uns mit Paragraphen erklären kann, warum wir absolut am Arsch sind.

„Ich hab’s gesehen“, sagte sie knapp und warf ihre Tasche auf den klebrigen Küchentisch. „Ich habe mein Konto gecheckt. Wenn ich alles zusammenkratze, was ich habe, kann ich uns eine Packung Kaugummi und ein Busticket in die Anonymität kaufen. Aber die Stadtwerke finden uns überall.“

Wir starrten uns an. Drei Studenten in einer Stadt, in der ein belegtes Brötchen mittlerweile so viel kostet wie ein Kleinwagen. Wir hatten keine Ersparnisse. Wir hatten keine reichen Eltern (meine Eltern schickten mir zu Weihnachten Socken und 'gute Ratschläge'). Wir hatten nur unsere Dreistigkeit.

„Wir brauchen ein Event“, sagte Lukas plötzlich. Seine Augen bekamen diesen gefährlichen Glanz, den sie immer hatten, bevor er uns in eine Katastrophe stürzte. „Etwas, wo Leute Geschenke bringen. Geld. Viel Geld.“

„Ein Geburtstag?“, schlug ich vor. „Meiner ist erst in sechs Monaten.“ „Zu klein“, sagte Lukas. „Eine Beerdigung?“, fragte Mia trocken. „Wir könnten so tun, als wäre Finn gestorben. Er sieht morgens sowieso so aus.“

Lukas schüttelte den Kopf. „Nein. Wir brauchen den heiligen Gral der Cash-Events. Wir brauchen eine Hochzeit.“

Ich lachte. „Lukas, keiner von uns ist auch nur ansatzweise in einer Beziehung. Du wurdest letzte Woche von einer Dating-App-KI gekorbt, weil dein Profil zu langweilig war. Mia ghostet sogar ihren Lieferando-Bot. Und ich... ich habe eine emotionale Bindung zu meinem Gaming-PC, aber das Standesamt ist da eigen.“

Lukas grinste. Es war ein Grinsen, das direkt aus der Hölle kam. „Wer sagt denn, dass die Hochzeit echt sein muss? Wir laden alle ein. Tanten, Onkel, entfernte Cousins, die man nur sieht, wenn es Gratis-Essen gibt. Wir sagen, es ist eine spontane, unkonventionelle 'Urban-Lifestyle-Hochzeit' in einer Lagerhalle. Wir machen eine Amazon-Wunschliste mit Dingen, die wir sofort bei eBay verkaufen können. Und am Ende nehmen wir die Geldumschläge und verschwinden für ein 'Sabbatical' nach Portugal.“

„Das ist Betrug“, sagte Mia. „Das ist 'kreatives Fundraising'“, korrigierte Lukas. „Wer soll denn wen heiraten?“, fragte ich.

Lukas sah von Mia zu mir. Dann wieder zu Mia. „Ihr beide“, sagte er schlicht. „Ihr seid das perfekte Paar. Ihr streitet euch ständig über den Abwasch, ihr geht euch gegenseitig auf die Nerven und ihr teilt euch bereits ein Netflix-Abo. Das ist mehr, als die meisten Ehen nach zehn Jahren vorweisen können.“

Mia und ich starrten uns an. In meinem Kopf ratterte es. Zweitausend Euro Schulden. Ein leeres Konto. Ein drohender Rauswurf. „Ich will aber ein weißes Kleid“, sagte Mia nach einer langen Stille. „Und wenn du beim Ja-Wort zögerst, verklage ich dich auf Schmerzensgeld.“

Und so, zwischen einer Schüssel Papp-Müsli und einer astronomischen Stromrechnung, wurde der größte Schwindel unserer Generation geboren.