Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.
Teil 2: Das „Perfect Match“-Protokoll
Der Morgen nach unserem Beschluss fühlte sich an wie ein Kater, nur ohne den Spaß des Alkohols davor. Ich saß am Küchentisch und starrte auf Mia, die in einem überdimensionalen Hoodie und mit dem Gesichtsausdruck einer schlecht gelaunten Bulldogge ihren Kaffee trank.
„Wir können das nicht machen“, sagte ich. „Schau uns an. Wir strahlen nicht gerade 'ewige Liebe' aus. Wir strahlen eher 'wir würden uns für das letzte Stück Pizza gegenseitig die Halsschlagader durchbeißen' aus.“
„Finn, halt die Klappe“, brummte Mia. „Lukas hat bereits eine Excel-Tabelle erstellt. Wenn Lukas eine Excel-Tabelle erstellt, gibt es kein Zurück mehr. Das ist ein Naturgesetz.“
Lukas platzte in die Küche, ein Tablet unter dem Arm und einen Gesichtsausdruck, den man sonst nur bei sektenähnlichen Motivationscoaches findet. „Guten Morgen, ihr Turteltäubchen! Ich habe die Roadmap für euren Weg zum Altar – und zu unseren zweitausend Euro – fertig.“
Er knallte das Tablet auf den Tisch. Darauf war ein Moodboard. Es hieß: PROJECT: LOVE SCAM 2025.
„Zuerst“, dozierte Lukas und tippte auf ein Bild von einem glücklichen Paar im Sonnenuntergang, „brauchen wir eine Legende. Warum seid ihr zusammen? Seit wann? Und warum habt ihr es verheimlicht?“
„Wir haben es verheimlicht, weil es uns peinlich war?“, schlug ich vor. „Zu realistisch“, sagte Lukas. „Wir brauchen Romantik. Ihr habt euch bei einer illegalen Rettungsaktion für Labor-Hamster kennengelernt.“ „Lukas, ich bin allergisch gegen alles, was Fell hat“, warf Mia ein. „Okay, Plan B: Ihr habt euch im Supermarkt um die letzte Packung vegane Maultaschen gestritten und dabei festgestellt, dass ihr beide die gleiche Leidenschaft für obskure skandinavische Krimiserien teilt.“
„Das klingt... deprimierend glaubwürdig“, gab Mia zu.
„Gut. Schritt zwei: Der digitale Beweis“, fuhr Lukas fort. „Wir müssen die sozialen Medien fluten. Wenn es nicht auf Instagram steht, ist es rechtlich gesehen nie passiert. Wir gehen jetzt in den Park. Goldene Stunde. Wir machen das 'Verlobungsfoto'.“
Zehn Minuten später standen wir im Stadtpark. Es war windig, kalt und ich trug ein Hemd, das ich seit der Konfirmation meines Bruders nicht mehr anhatte und das unter den Armen verdächtig spannte.
„Finn, leg den Arm um sie!“, rief Lukas, der mit dem iPhone herumfuchtelte wie ein Regisseur bei den Oscars. „Ich will ihn nicht anfassen“, zischte Mia durch zusammengepresste Zähne. „Er riecht nach altem Müsli.“ „Das ist kein Müsli, das ist mein neues Deo! 'Arctic Wilderness'!“, protestierte ich. „Es riecht nach 'Arctic Verwesung'“, konterte sie.
„Könntet ihr bitte aufhören, euch wie ein altes Ehepaar zu streiten, bevor ihr überhaupt verheiratet seid?“, schrie Lukas. „Mia, kuck ihn an, als wäre er eine warme Mahlzeit und du hättest seit drei Tagen nichts gegessen. Finn, kuck sie an, als hättest du gerade im Lotto gewonnen und sie wäre der Lottoschein.“
Ich versuchte, mein Gesicht in etwas zu verziehen, das wie Zuneigung aussah. Mia legte ihren Kopf widerwillig an meine Schulter. „Lächeln!“, befahl Lukas.
Klick. Klick. Klick.
„Perfekt!“, rief Lukas und hielt uns das Display hin. Auf dem Foto sahen wir tatsächlich wie ein Paar aus. Die Filter machten Mias genervten Blick zu einer Art „geheimnisvoller Melancholie“ und mein verkrampftes Grinsen wirkte im Gegenlicht wie „überwältigtes Glück“.
„Ich hasse es“, sagte Mia. „Ich sehe aus, als hätte ich eine Gehirnwäsche hinter mir.“ „Das nennt man 'Verliebtsein', Mia“, grinste Lukas.
Zurück in der WG begann der Ernst des Lebens: Die Ankündigung. Wir hatten eine WhatsApp-Gruppe erstellt, in der wir alle relevanten Verwandten versammelt hatten – von Mias strenger Tante Erna bis zu meinem Onkel Herbert, der dafür bekannt war, auf Hochzeiten grundsätzlich zwei Flaschen Wein allein zu trinken und dann über die Rentenreform zu weinen.
Lukas tippte den Text: „Überraschung! Manchmal findet man das Glück genau dort, wo man es am wenigsten erwartet – im Zimmer nebenan. Wir können es selbst kaum glauben, aber wir sagen JA! 💍 Details zur spontanen Feier folgen!“
Er schaute uns an. Sein Daumen schwebte über dem „Senden“-Button. „Seid ihr bereit für den Point of No Return?“, fragte er.
Ich schluckte. Wenn wir das taten, gab es kein Zurück. Wir würden lügen müssen, bis sich die Balken biegen. Wir würden Tante Erna umarmen müssen. Wir würden... Gott bewahre... einen Eröffnungstanz tanzen müssen.
„Drück drauf“, sagte Mia mit einer Grabesstimme. „Bevor ich es mir anders überlege und uns alle bei der Polizei anzeige.“
Lukas drückte. Das Smartphone vibrierte fast sofort. Ding. Tante Erna schreibt... Ding. Onkel Herbert schreibt... Ding. Mamas Telefonanruf geht ein.
„Es beginnt“, flüsterte ich.