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Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.

Teil 3: Zwischen Kreuzverhör und Sperrmüll-Ästhetik

Das Handy in meiner Hand vibrierte so heftig, dass ich Angst hatte, es würde einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum verursachen. Es war meine Mutter. Meine Mutter, die schon bei einer mittelprächtigen Erkältung eine Hühnersuppe kocht, die groß genug ist, um eine Kleinstadt zu sättigen. Eine Nachricht über eine Hochzeit war für sie das Äquivalent zur Landung von Außerirdischen.

„Geh ran“, zischte Lukas. „Und benutz die 'Ich-bin-so-überwältigt-vor-Glück'-Stimme, nicht die 'Ich-hab-seit-drei-Tagen-nur-Tiefkühlpizza-gegessen'-Stimme.“

Ich drückte auf Annehmen. „Hallo Mama?“

„FINN-ALEXANDER!“, schallte es so laut aus dem Lautsprecher, dass Mia zusammenzuckte. „Was ist das für eine Nachricht? Mia? Die Mia, von der du sagtest, sie würde dich umbringen, wenn du noch einmal deine Socken im Flur liegen lässt? Diese Mia heiratest du?“

Ich warf Mia einen verzweifelten Blick zu. Sie formte lautlos mit den Lippen das Wort: „Sag ja, sonst sterben wir.“

„Ja, Mama“, sagte ich mit einer Stimme, die klang, als würde ich gerade eine Niere ohne Betäubung spenden. „Es... es hat einfach Klick gemacht. Weißt du, Gegensätze ziehen sich an. Und der Hass auf die Socken war eigentlich nur... unterdrückte Leidenschaft.“

Mia verdrehte so heftig die Augen, dass ich kurz dachte, sie könnte ihr eigenes Gehirn sehen.

„Aber so plötzlich!“, rief meine Mutter. „Und wer ist dieser Lukas, der die Gruppe erstellt hat? Ist das der Trauzeuge? Finn, wir müssen planen! Das Kleid! Das Essen! Die Sitzordnung! Tante Erna darf nicht neben Onkel Herbert sitzen, das weißt du, seit dem Vorfall mit dem Kartoffelsalat 2018!“

„Mama, ganz ruhig“, unterbrach ich sie, während Lukas mir wild Zeichen gab, dass ich nach Geld fragen sollte. „Es wird eine... äh... urbane Hochzeit. Ganz minimalistisch. Wir wollen keine großen Geschenke, eigentlich nur... Unterstützung für den Start. Du weißt schon, eine Finanzspritze für unser gemeinsames Nest.“

„Ein Nest! Wie süß!“, gluckste sie. „Ich rufe sofort deine Tanten an. Wir sammeln schon mal. Aber ich erwarte eine Einladung für nächste Woche, wenn ihr das so spontan durchzieht!“

Ich legte auf und sackte in mich zusammen. „Wir brauchen eine Location. Und zwar schnell. Wenn meine Mutter merkt, dass das hier ein Fake ist, wird sie mich nicht enterben – sie wird mich zwingen, den Rest meines Lebens bei ihr im Garten Unkraut zu jäten.“

„Keine Sorge“, sagte Lukas und griff nach seinen Autoschlüsseln (für einen alten Opel Corsa, der mehr Rost als Lack hatte). „Ich habe da was. Ein Kumpel von mir verwaltet eine alte Lagerhalle im Industriegebiet. Er nennt es 'Industrial Vintage'. Ich nenne es 'Abrissreif, aber umsonst'.“

Eine halbe Stunde später standen wir vor einer Halle, die aussah, als hätte dort seit dem Mauerfall niemand mehr gefegt. Es roch nach altem Maschinenöl, Taubendreck und geplatzten Träumen.

„Das ist ein Scherz, oder?“, fragte Mia und hob ihren Schuh an, an dem ein undefinierbarer Klumpen klebte. „Hier werden normalerweise Horrorfilme gedreht, in denen Leute in Kellern angekettet werden. Hier feiert man keine Hochzeit.“

„Stell dir das mal mit Lichterketten vor!“, schwärmte Lukas und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. „Hier vorne die Bar – wir nehmen einfach ein paar Europaletten. Da hinten die Tanzfläche. Und das Loch im Dach nennen wir 'Starlight-Opening'. Das ist totale Hipster-Ästhetik. Die Leute werden denken, wir sind so edgy, dass wir auf Konventionen pfeifen.“

„Lukas“, sagte ich ernst, „da liegen benutzte Reifen in der Ecke.“

„Das sind Sitzgelegenheiten im 'Urban-Recycling-Stil'!“, konterte er. „Hört zu: Wenn wir das hier ein bisschen aufhübschen, kostet uns die Location null Euro. Das Geld von den Verwandten geht eins zu eins in die Nachzahlung und den Rest... nun ja, den Rest investieren wir in ein sehr schönes Wochenende in Portugal, während wir den Leuten erzählen, wir wären auf Hochzeitsreise.“

Mia sah sich um. Sie wirkte skeptisch, aber dann sah sie auf ihr Handy. „Meine Mutter hat gerade geschrieben. Sie hat bereits ein Hotel gebucht. Und sie bringt 'ein paar Kleinigkeiten' mit. Wir sind jetzt offiziell im Spiel.“

„Okay“, sagte ich und atmete den Staub der Halle ein. „Wir brauchen Lichterketten. Sehr viele Lichterketten. Und vielleicht jemanden, der die Ratten vertreibt, bevor die Verwandtschaft eintrifft.“

„Ich kümmere mich um die Ratten“, sagte Lukas siegessicher. „Ihr kümmert euch um die Gästeliste. Wir brauchen mindestens fünfzig Leute, damit der Schnitt pro Umschlag stimmt.“

„Fünfzig Leute?“, schrie ich. „Ich kenne nicht mal fünfzig Leute, die ich mag!“

„Du musst sie nicht mögen, Finn“, grinste Lukas. „Du musst sie nur davon überzeugen, dass du Mia liebst. Und jetzt: Gruppen-Selfie vor der Ruine! Bildunterschrift: 'Location-Check für den großen Tag! #IndustrialLove #Soulmates'.“

Als der Blitz der Kamera aufleuchtete, sah ich eine Ratte hinter einem Reifenstapel verschwinden. Ich hatte das ungute Gefühl, dass sie die einzige Zeugin unseres Untergangs sein würde.