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Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.

Teil 4: Der Pinguin des Vertrauens

„Ein Standesbeamter“, sagte ich und starrte auf die Liste in Lukas’ Hand, „ist normalerweise eine offizielle Person mit einer Urkunde, einem Siegel und einer sehr langweiligen Krawatte. Was wir haben, ist ein Kasten lauwarmes Bier und die Hoffnung, dass niemand nach einem Ausweis fragt.“

„Details, Finn! Reine Details!“, wiegelte Lukas ab. Er steuerte seinen rostigen Corsa zielsicher auf den Parkplatz eines Discounters zu. „Wir brauchen keinen echten Standesbeamten. Wir brauchen einen Performer. Jemandem, dem man abnimmt, dass er die Macht hat, Menschen zu binden, während er eigentlich nur versucht, seine Miete für ein WG-Zimmer zu finanzieren, das kleiner ist als Mias Kleiderschrank.“

„Und wen hast du im Sinn?“, fragte Mia misstrauisch. „Bitte sag nicht, es ist dein Cousin Kevin. Der hat letztes Jahr auf der Familienfeier versucht, den Hund zu hypnotisieren.“

„Besser“, grinste Lukas und deutete auf den Eingang des Supermarktes. „Wir brauchen Basti.“

Vor dem Eingang stand ein Mann in einem riesigen, leicht schmuddeligen Pinguin-Kostüm und verteilte Flyer für Tiefkühl-Fischstäbchen. Er bewegte sich mit einer Melancholie, die man eigentlich nur von russischen Literatur-Klassikern kannte.

„Basti?“, rief ich entsetzt. „Der hat sein Schauspielstudium nach zwei Semestern abgebrochen, weil er meinte, seine Aura sei 'zu groß für die Bühne'!“

„Genau der!“, sagte Lukas. „Er ist arbeitslos, verzweifelt und er liebt Kostüme. Er ist perfekt.“

Wir stiegen aus und näherten uns dem Pinguin. Als Basti uns durch den Schnabelschlitz sah, stieß er einen tiefen Seufzer aus, der im Plastikkopf seiner Verkleidung unheimlich hallte.

„Wenn ihr hier seid, um Witze über die Flügel zu machen: Ich hab sie alle schon gehört“, dröhnte Bastis gedämpfte Stimme. „Ja, ich kann nicht fliegen. Nein, ich weiß nicht, wie das Wetter am Südpol ist.“

„Basti, mein Freund!“, rief Lukas und legte dem Pinguin einen Arm um die wattierte Schulter. „Wir haben ein Angebot für dich. Die Rolle deines Lebens. Ein Mann der Kirche... oder des Staates... oder von beidem. Eine Performance vor Publikum, inklusive Catering und – halten Sie sich fest – einem Kasten Premium-Pils.“

Zehn Minuten später saßen wir hinter dem Supermarkt bei den Müllcontainern. Basti hatte den Pinguinkopf abgenommen. Er sah aus wie ein Mann, der zu viel Zeit in dunklen Räumen verbracht hatte. Seine Haare klebten ihm an der Stirn.

„Ihr wollt also“, fasste Basti zusammen, während er gierig an einer Wasserflasche nuckelte, „dass ich so tue, als würde ich euch trauen? In einer alten Lagerhalle? Vor eurer gesamten Verwandtschaft?“

„Es ist ein avantgardistisches Theaterstück“, log Lukas ohne mit der Wimper zu zucken. „Eine Studie über das Vertrauen in soziale Institutionen. Wir filmen das alles... für eine Doku.“

„Wird es eine Urkunde geben?“, fragte Basti mit fachmännischem Blick. „Ich brauche Requisiten. Ohne Requisiten kann ich mich nicht in den Charakter einfühlen. Ich brauche eine Stola. Und vielleicht eine Glocke.“

„Eine Glocke?“, fragte ich. „Wir sind nicht bei 'Der Glöckner von Notre-Dame'.“

„Symbolik, Finn!“, rief Basti und seine Augen leuchteten plötzlich auf. „Die Glocke läutet das neue Leben ein! Ich könnte auch ein bisschen Latein sprechen. In vino veritas und so weiter. Das verleiht der Sache Gewicht.“

„Kein Latein“, intervenierte Mia sofort. „Meine Tante Erna war Lateinlehrerin. Wenn du da was falsch konjugierst, bricht sie die Hochzeit ab, noch bevor wir die Ringe getauscht haben.“

„Ringe!“, rief ich. „Wir haben keine Ringe!“

„Ich hab noch diese Vorhangringe aus Messing in der WG“, warf Lukas ein. „Wenn man sie ordentlich poliert, merkt das im Kerzenschein kein Mensch.“

Basti stand auf, klopfte sich den Staub von seinem Pinguin-Bauch und sah uns ernst an. „Ich mache es. Aber ich will zwei Kästen Bier. Und ich möchte als 'Dr. h.c. Sebastian von Vogelstein' angekündigt werden. Das gibt meiner Rolle mehr Gravitas.“

„Abgemacht, Dr. von Vogelstein“, sagte Lukas und schüttelte dem Pinguinflügel die Hand.

Als wir zurück zum Auto gingen, vibrierte Mias Handy. Sie sah auf das Display und wurde bleich. „Leute... wir haben ein Problem. Ein echtes Problem.“

„Was ist los?“, fragte ich. „Hat die Bank das Konto gesperrt?“

„Schlimmer“, sagte Mia. „Meine Oma hat gerade in die WhatsApp-Gruppe geschrieben. Sie freut sich so sehr, dass sie beschlossen hat, die Hochzeitstorte zu spendieren. Sie kommt zwei Tage früher. Mit der Torte. Und sie will das 'glückliche Paar' sehen, um die Füllung zu besprechen.“

Stille breitete sich auf dem Parkplatz aus. „Deine Oma“, sagte ich langsam, „ist doch die Frau, die früher beim Zoll gearbeitet hat, oder? Die Frau, die Lügner auf drei Kilometer Entfernung am Geruch erkennt?“

„Genau die“, flüsterte Mia. „Und sie will wissen, ob wir Marzipan oder Buttercreme bevorzugen. Aber was sie eigentlich will, ist herauszufinden, ob ich wirklich schwanger bin, weil sie nicht glaubt, dass ich dich sonst heiraten würde.“

Lukas klatschte in die Hände. „Perfekt! Wir brauchen Marzipan. Und Finn, du musst anfangen, so zu tun, als hättest du einen Beschützerinstinkt. Ab morgen wohnst du in Mias Zimmer.“

„WAS?!“, schrien Mia und ich gleichzeitig.

„Authentizität, Freunde!“, rief Lukas, während er den Motor des Corsa aufheulen ließ. „Die Oma kommt. Und sie wird uns entweder finanzieren – oder uns alle eigenhändig ins Gefängnis bringen.“