Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.
Teil 6: Industrial-Vintage oder: Die Ratte ist der Trauzeuge
Der Morgen des Location-Checks fühlte sich an wie der Weg zum Schafott, nur dass das Schafott in Lukas’ rostigem Opel Corsa stand. Oma Hildegard saß auf dem Rücksitz, kerzengerade und mit einem Gesichtsausdruck, der klarmachte, dass sie normalerweise Leute für weniger als eine vorgetäuschte Hochzeit lebenslang hinter Gitter brachte. „Industriegebiet?“, fragte sie und hob eine Augenbraue, als wir an einer Fabrik vorbeifuhr, deren Fensterfronten aussahen, als hätten sie den Dreißigjährigen Krieg miterlebt. „Mia, ich dachte, du hättest Geschmack. Das sieht hier eher nach einer Entsorgungsstation für Altlasten aus.“
„Es ist Industrial Vintage, Oma!“, rief Mia verzweifelt und krallte ihre Finger so fest in das Polster, dass ich Angst um den ohnehin schon baufälligen Sitz hatte. „Total angesagt in Berlin und London. Man zelebriert die Vergänglichkeit und den rohen Charme der Arbeiterschicht.“ „Ich zelebriere gleich meine Abreise, wenn das hier eine Müllkippe ist“, brummte Hildegard und zückte ein weißes Stofftaschentuch, als wollte sie die Luft filtern.
Lukas parkte mit quietschenden Reifen vor der alten Lagerhalle. Das „Starlight-Opening“ im Dach – also das riesige Loch, durch das man die grauen Wolken sehen konnte – wirkte im direkten Sonnenlicht weniger wie ein architektonisches Highlight und mehr wie ein baurechtliches Todesurteil. Wir stiegen aus. Der Geruch nach altem Maschinenöl, Taubendreck und geplatzten Träumen schlug uns entgegen.
„Willkommen im Paradies der Unangepassten!“, verkündete Lukas und riss die quietschenden Tore auf, die klangen, als würde ein Dinosaurier sterben. Hildegard trat ein. Das Echo ihrer Absätze auf dem Betonboden klang wie Schüsse in einer Hinrichtungskammer. Sie blieb vor einem Stapel alter Reifen stehen, auf dem Lukas ein Schild mit der Aufschrift „Lounge-Bereich: Entspannen & Genießen“ platziert hatte. „Reifen, Lukas?“, fragte sie eiskalt und deutete mit ihrem Gehstock auf einen besonders schmierigen Pirelli. „Recycling-Sitzmöbel im Urban-Style!“, korrigierte er sofort, ohne mit der Wimper zu zucken. „Die Gäste sollen sich geerdet fühlen. Back to the roots, Oma Schmidt. Keine steifen Stühle, sondern echte Geschichte zum Anfassen.“
In diesem Moment passierte das Unvermeidliche. Eine Ratte, groß wie ein kleiner Terrier und mit einem Blick, der von jahrelangem Konsum von Industrieabfällen zeugte, huschte hinter einer Europalette hervor und starrte Hildegard direkt in die Augen. Ich hielt den Atem an. Das war’s. Die Hochzeit war abgesagt, wir wanderten ins Gefängnis und die 2000 Euro Nachzahlung würden uns bis ans Ende unserer Tage als Schuldknechte der Stadtwerke verfolgen.
Hildegard bewegte sich nicht. Sie starrte die Ratte an. Die Ratte starrte zurück. Es war ein Duell der Giganten. „Ein Haustier?“, fragte Hildegard trocken, ohne den Blick vom Nager abzuwenden. „Das ist... das ist Karl-Friedrich!“, improvisierte ich panisch, während mein Puls die Schallmauer durchbrach. „Das Maskottchen der Halle. Er gehört zum künstlerischen Konzept. Er symbolisiert die... die unbändige Überlebensfähigkeit der Liebe in einer harten, mechanisierten Welt.“ Mia sah mich an, als wollte sie mich auf der Stelle mit einem Paragraphen aus dem Strafgesetzbuch erschlagen.
Hildegard schnaubte und steckte ihr Taschentuch weg. „Die Liebe braucht also Ratten und Löcher im Dach. Na wunderbar. Wenn das so ist, hoffe ich, dass Karl-Friedrich wenigstens eine Krawatte trägt, wenn er die Ringe bringt.“ Sie ging weiter zum „Altar“, einem wackeligen Metalltisch, auf dem Dr. von Vogelstein morgen die Zeremonie abhalten sollte. „Und wo soll die Torte stehen? Ich hoffe nicht neben den Schmierölkanistern.“
„Hier vorne, genau unter dem Lichteinfall!“, schwärmte Lukas und fuchtelte mit den Armen wie ein Wahnsinniger. „Wir hängen fünfhundert Lichterketten auf. Es wird funkeln wie ein Diamant in der Gosse. Wir nennen es 'Elysium im Schrott'.“ Hildegard strich mit dem behandschuhten Finger über den Tisch und begutachtete den schwarzen Staub. „Ihr habt genau vierundzwanzig Stunden, um diesen Ort von einer Tatort-Kulisse in etwas zu verwandeln, das man einer Hochzeitsgesellschaft zumuten kann. Wenn ich morgen auch nur einen ungewaschenen Socken oder eine weitere Nagetier-Metapher sehe, ist das Budget gestrichen“.
„Budget?“, fragte ich hoffnungsvoll. „Ich bezahle das Catering“, sagte sie knapp. „Aber nur, wenn Mia mir jetzt versichert, dass sie diesen... Finn... wirklich heiraten will. Er redet nämlich mehr wirres Zeug als ein betrunkener Matrose auf Landgang.“
Mia sah mich an. In ihren Augen spiegelte sich der reine, nackte Überlebensinstinkt. Sie griff meine Hand – ihre war eiskalt und zitterte leicht – und lächelte ihre Oma so überzeugend an, dass ich es fast selbst geglaubt hätte. „Er ist mein betrunkener Matrose, Oma. Ich kann mir keinen anderen vorstellen, der so... leidenschaftlich an Karl-Friedrich glaubt.“ Hildegard nickte langsam, als würde sie ein Urteil fällen. „Gut. Lukas, besorg Besen. Viele Besen. Wir fangen an. Wenn wir schon lügen, dann wenigstens in einer sauberen Ruine.“