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Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.

Teil 7: Statisten, Schwindel und Schampus-Ersatz

„Fünfzig Leute“, murmelte ich und starrte auf mein Handy-Adressbuch, das so leer war, dass man darin ein Echo hören konnte. „Wenn ich alle meine Ex-Freundinnen, meinen Zahnarzt und die Leute, die mich versehentlich bei Instagram abonniert haben, einlade, komme ich auf elf. Und drei davon sind Bots, die mir Kryptowährungen verkaufen wollen.“

Wir saßen in der „Lounge“ der Lagerhalle – also auf den Autoreifen –, während Lukas versuchte, mit einer Flasche Billig-Sekt und einer Rolle Panzertape die Statik des Altars zu retten. „Qualität vor Quantität, Finn!“, rief er begeistert, während er eine lose Metallstrebe am Tisch festklebte. „Ich habe bereits eine Anzeige bei 'Ebay Kleinanzeigen' geschaltet: Suche Statisten für studentisches Kunstprojekt 'Die Liebe in Zeiten des Betons'. Bezahlung: Freibier, Pizza-Reste und das unbezahlbare Gefühl, Teil einer Legende zu sein.“

„Du hast was?!“, schrie Mia, die gerade versuchte, mit einem Handfeger den gröbsten Taubendreck von einer Europalette zu entfernen. „Lukas, meine Oma ist eine ehemalige Oberzollrätin! Wenn da fünfzig Hipster mit Jutebeuteln auftauchen, die ihre Texte vom Smartphone ablesen, während sie nach dem WLAN-Passwort fragen, sind wir innerhalb von Sekunden aufgeflogen! Die Frau riecht Betrug auf drei Kilometer gegen den Wind!“

„Vertrau mir“, zwinkerte Lukas und balancierte ein instabiles Sektglas auf dem Panzertape. „Ich habe ihnen gesagt, sie sollen sich wie 'emotionale Distanz-Aristokraten' kleiden. Schwarze Rollkragen, ernste Mienen, wenig Worte. Das passt perfekt zum Industrial-Vibe. Sie müssen nicht reden, sie müssen nur existieren und bei den emotionalen Momenten so tun, als hätten sie gerade eine besonders bewegende Netflix-Doku gesehen.“

In diesem Moment quietschte das riesige Hallentor und Basti betrat die Szene. Er trug nicht mehr das Pinguinkostüm, sondern einen schwarzen Rollkragenpullover, der so eng war, dass er darin kaum atmen konnte, und eine Hornbrille ohne Gläser. Er schleppte einen riesigen, ledergebundenen Schmöker mit sich herum, der aussah, als hätte er ihn aus einer mittelalterlichen Bibliothek gestohlen.

„Ich bin bereit für die Transformation“, verkündete er mit seiner melancholischen Grabesstimme. „Dr. h.c. von Vogelstein ist anwesend. Wo ist das Brautpaar, das den Bund des Schmerzes... ich meine, der Liebe... eingehen will?“

„Hier“, sagte ich und hob lustlos die Hand. „Und bitte, Basti, nenn es nicht 'Bund des Schmerzes', wenn Mias Oma in der Nähe ist.“

Basti schritt zum wackeligen Altar-Tisch und legte das Buch darauf ab. „Ich habe mir eine Rede überlegt. Sie beginnt mit einem Zitat über die Endlichkeit der Existenz, zieht einen Bogen zur Rostbildung an Stahlträgern und endet mit einer dreiminütigen Schweigeminute für die verlorene Unschuld der Jugend.“

„Basti, nein!“, intervenierte Mia sofort und fuchtelte mit dem Handfeger vor seinem Gesicht herum. „Du sollst uns verheiraten, nicht beerdigen! Oma Hildegard will Tränen der Rührung sehen, keine Existenzangst. Du musst so tun, als würdest du uns seit Jahren kennen. Als hättest du gesehen, wie wir uns über den Maultaschen im Supermarkt zum ersten Mal tief in die Augen geschaut haben!“

„Maultaschen“, notierte Basti in ein kleines Notizbuch. „Metapher für die gefüllte Leere der menschlichen Seele. Verstanden. Ich werde die kulinarische Komponente in meine Predigt über die Vergänglichkeit einbauen.“

Plötzlich vibrierte Lukas' Handy auf einem Stapel Reifen. Er sah kurz drauf und erbleichte sichtlich. „Leute, Planänderung. Die Statisten von Ebay kommen schon in einer halben Stunde zum 'Briefing'. Und noch was... Mias Mutter hat ein Foto von einer 'kleinen Überraschung' geschickt, die sie bereits im Kofferraum hat. Sie sind früher losgefahren.“

Er drehte das Display zu uns. Es war ein Bild von einem lebensgroßen, ausgestopften Schwan, der eine kleine, schiefe Krone auf dem Kopf trug. Er sah aus, als hätte er zu Lebzeiten eine sehr schlechte Meinung von Menschen gehabt.

„Ein Schwan?“, flüsterte ich entsetzt. „Warum um alles in der Welt ein Schwan?“ „Es ist ein Erbstück von Tante Erna“, las Lukas mit grabesähnlicher Stimme vor. „Er heißt 'Lohmeyer' und soll auf dem Gabentisch stehen, um die ewige Treue und die Reinheit der Absichten zu symbolisieren.“

Ich sah mich in der staubigen, nach Öl stinkenden Halle um: Ein Pinguin-Priester ohne Brillengläser, eine Horde Miet-Gäste von Ebay, ein rachsüchtiger ausgestopfter Schwan und Karl-Friedrich, die Ratte, die gerade triumphierend an einem Stück Zitrone-Baiser-Torte nagte.

„Wenn wir das überleben“, sagte ich zu Mia, „heirate ich dich in Portugal wirklich. Nur damit wir eine Geschichte haben, die weniger peinlich ist als dieser Fiebertraum hier.“ Mia sah mich kurz an, und für einen Bruchteil einer Sekunde blitzte kein Hass in ihren Augen auf. „Abgemacht“, sagte sie leise. „Aber nur, wenn du den Schwan eigenhändig im Atlantik versenkst.“

Lukas klatschte laut in die Hände und unterbrach den Moment. „Schluss mit der Romantik! Die Statisten stehen draußen vor dem Tor. Finn, stell dich neben den Reifenstapel und guck so, als hättest du gerade im Lotto gewonnen und gleichzeitig eine Lebensmittelvergiftung. Basti, Brille richten. Die Show beginnt!“