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Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.

Teil 9: Das Verhör unter dem Schwanenbanner

Der schwarze Mercedes von Oma Hildegard rollte in die Halle, als würde er eine Razzia anführen. Die Reifen wirbelten den Staub auf, den Mia und ich gerade erst mühsam in die Ecken gekehrt hatten. Die Tür schwang auf, und Hildegard stieg aus. Sie trug einen Trenchcoat und Handschuhe – ein Outfit, das schrie: „Ich bin hier, um Beweismittel zu sichern.“

„Alle mal herhören!“, zischte Lukas den Ebay-Statisten zu. „Guckt glücklich, aber distanziert! Malte, zieh die Baskenmütze tiefer ins Gesicht!“

Hildegard blieb stehen und ließ ihren Blick langsam durch die Halle schweifen. Er blieb an dem Stapel Altreifen hängen, auf dem nun die Statisten saßen wie eine Gruppe deprimierter Raben. Dann wanderte ihr Blick zu Beate, die gerade versuchte, den ausgestopften Schwan Lohmeyer mit einer Lichterkette zu dekorieren.

„Beate“, sagte Hildegard trocken. „Ich sehe, du hast den Staubfänger von Tante Erna mitgebracht. Ein Wunder, dass er bei diesem Geruch hier drinnen nicht spontan zu niesen beginnt.“ „Mama!“, rief Beate und rannte auf sie zu. „Ist es nicht wundervoll? Finn und Mia haben sich für diese... rohe Ästhetik entschieden.“

Hildegard ignorierte sie und steuerte direkt auf Basti zu, der immer noch in seinem engen Rollkragenpullover hinter dem Panzertape-Altar stand. Basti erstarrte. Er hielt sein leeres Notizbuch fest, als wäre es ein Schutzschild. „Und Sie sind?“, fragte Hildegard und taxierte ihn von oben bis unten. „Sie sehen nicht aus wie ein Standesbeamter. Sie sehen aus wie jemand, der nachts Gedichte über Regen schreibt und sie niemandem vorliest.“

Basti schluckte schwer. „Ich bin... Dr. h.c. von Vogelstein“, krächzte er und versuchte, seine Pinguin-Vergangenheit wegzulächeln. „Ich praktiziere die... phänomenologische Trauung. Wir verbinden hier nicht nur zwei Körper, sondern zwei Narrative in einem post-industriellen Kontext.“

Hildegard trat einen Schritt näher. Sie schnupperte. „Interessant. Und warum riechen Sie nach paniertem Seelachsfilet, Herr Doktor?“ Ich spürte, wie mir der kalte Schweiß den Rücken runterlief. Lukas intervenierte geistesgegenwärtig: „Das ist ein spezielles Parfüm! 'Ocean Breeze'. Sehr exklusiv, sehr... maritim.“

Hildegard wandte sich langsam zu mir um. „Finn-Alexander. Komm mal her.“ Ich schlurfte vor, Mia hängte sich sofort an meinen Arm und krallte ihre Fingernägel in meinen Bizeps. „Ja, Oma Hildegard?“ „Diese Leute da auf den Reifen“, sie deutete vage auf die Ebay-Statisten, „wer sind die? Ich erkenne niemanden aus der Familie.“

Malte, der 'traurige Onkel', sah seine Chance gekommen. Er stand auf, legte eine Hand auf sein Herz und sagte mit bebender Stimme: „Wir sind die Zeugen der Stille, gnädige Frau. Wir sind Finns... äh... alte Freunde aus der Zeit der Entbehrung.“ Hildegard zog eine Augenbraue hoch. „Entbehrung? Haben Sie zusammen im Bergwerk gearbeitet oder warum tragen Sie alle Rollkragenpullover bei fünfzehn Grad Innentemperatur?“

„Es ist ein Statement gegen den Konsumterror!“, rief eine Statistin im Hintergrund, die eigentlich nur für das Freibier da war. Hildegard lachte nicht. Sie lächelte nicht einmal. Sie ging zum Gabentisch, rückte den Schwan Lohmeyer mit der Spitze ihres Gehstocks um zwei Zentimeter nach links und sah Mia tief in die Augen. „Mia, mein Kind. Du weißt, dass ich beim Zoll die kleinsten Unregelmäßigkeiten in den Frachtpapieren gefunden habe. Und diese ganze Veranstaltung hier...“ – sie machte eine ausladende Geste – „...hat mehr Unregelmäßigkeiten als eine Lieferung gefälschter Uhren aus Übersee.“

Mia schluckte. „Oma, ich...“ „Aber“, unterbrach Hildegard sie, „deine Mutter weint vor Glück, und der Schwan steht endlich mal an einem Ort, der genauso tot ist wie er selbst. Also werde ich vorerst so tun, als würde ich euch glauben. Aber wenn dieser Dr. Vogelstein beim Ja-Wort auch nur einmal das Wort 'Narrativ' benutzt, lasse ich die Feier hochgehen.“

Sie drehte sich um und marschierte Richtung Ausgang. „Lukas! Bring mir ein Glas von dem Schampus-Ersatz. Wenn ich schon belogen werde, will ich wenigstens dabei betrunken sein.“

Wir standen da wie die Ölgötzen. „Das war knapp“, flüsterte ich. „Zu knapp“, sagte Mia und ließ meinen Arm los. „Wir müssen Basti umprogrammieren. Und jemand muss Karl-Friedrich davon abhalten, an Lohmeyers Federn zu knabbern.“

Doch das größte Problem stand uns noch bevor: Die eigentliche Zeremonie stand für morgen an – und Hildegard hatte gerade erst angefangen zu graben.