Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.
Teil 10: Die Nacht der unbequemen Wahrheiten
Nachdem Oma Hildegard mit dem Mercedes (und vermutlich einer Liste potenzieller Anklagepunkte) abgezogen war, versank die Lagerhalle in einem unheimlichen Dämmerlicht. Lukas hatte sich mit den Ebay-Statisten in die „Vorbereitungs-Lounge“ (den hinteren Bereich mit den weniger schimmeligen Reifen) zurückgezogen, um ihnen die Kunst des synchronen Nickens bei emotionalen Reden beizubringen.
Mia und ich blieben allein im Hauptschiff der Halle zurück, unter dem riesigen Loch im Dach, durch das man nun die ersten Sterne sehen konnte. „Wir können nicht nach Hause“, sagte Mia und starrte auf ihr Handy. „Meine Mutter und Oma sitzen in der WG-Küche und trinken Eierlikör. Wenn wir da jetzt auftauchen und nicht sofort übereinander herfallen, merkt Oma, dass wir uns eigentlich lieber gegenseitig die Kaffeemaschine an den Kopf werfen würden.“
„Also schlafen wir hier?“, fragte ich und blickte auf das „Ehebett“, das Lukas aus sechs Europaletten und einer dünnen Kaltschaummatratze zusammengezimmert hatte. Es sah aus wie ein Mahnmal für Rückenschmerzen. „Wir haben keine Wahl“, seufzte Mia. „Authentizität, Finn. Das war Lukas' Zauberwort.“
Wir legten uns voll angezogen auf die Matratze. Es war eiskalt. Irgendwo im Schatten raschelte Karl-Friedrich an einer leeren Sektflasche. Über uns thronte der Schwan Lohmeyer auf seinem Podest und beobachtete uns mit seinen starren Glasaugen.
„Finn?“, flüsterte Mia nach einer langen Stille. „Ja?“ „Glaubst du, wir sind schlechte Menschen? Ich meine, wir betrügen unsere gesamte Verwandtschaft um Geld, nur weil wir zu dumm waren, die Heizung im Winter runterzudrehen.“ Ich starrte an die Decke. „Wir sind keine schlechten Menschen. Wir sind... finanziell herausgeforderte Kreativ-Unternehmer. Außerdem bekommt deine Mutter einen Schwanen-Auftritt und deine Oma darf jemanden verhören. Im Grunde geben wir ihnen genau das, was sie wollen.“
Mia lachte kurz auf, ein trockenes, humorloses Geräusch. „Du hast echt für alles eine Ausrede, oder? Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich dich im echten Leben nie heiraten würde. Du bist so... chaotisch.“ „Und du bist so... paragraphenreiterisch“, konterte ich. „Du hast wahrscheinlich schon die Scheidungspapiere im Kopf fertig, bevor Basti morgen überhaupt 'Narrativ' sagen kann.“
„Vielleicht“, sagte sie leise und rückte ein Stück näher, weil der Wind durch das Dachpfannen-Loch pfiff. „Aber weißt du, was das Seltsame ist? In den letzten drei Tagen haben wir mehr Zeit miteinander verbracht als in den zwei Jahren als Mitbewohner davor. Ich wusste gar nicht, dass du Angst vor ausgestopften Vögeln hast.“ „Und ich wusste nicht, dass du so gut lügen kannst, wenn es um Maultaschen geht“, gab ich zurück.
Es war ein seltsamer Moment. Die Feindseligkeit, die uns normalerweise wie ein Schutzwall umgab, hatte in der Kälte der Lagerhalle Risse bekommen. Für eine Sekunde fühlte es sich nicht wie ein Betrug an, sondern wie wir zwei gegen den Rest der Welt.
„Finn?“, fragte sie wieder. „Hm?“ „Wenn wir morgen auffliegen... verspricht du mir, dass du die Schuld auf Lukas schiebst?“ „Ehrensache. Ich sage, er hat uns hypnotisiert.“
Wir schliefen schließlich ein, Rücken an Rücken auf den harten Paletten. Ich träumte von Waschmaschinen, die Pinguin-Kostüme trugen, und von Oma Hildegard, die mich mit einer Packung Maultaschen jagte.
Als ich am nächsten Morgen durch das Licht geweckt wurde, das durch das Loch im Dach fiel, war Mia bereits wach. Sie saß kerzengerade auf den Paletten und starrte zum Hallentor. „Was ist los?“, fragte ich verschlafen. „Wir haben Besuch“, sagte sie tonlos. „Und diesmal ist es kein Statist.“
Draußen vor dem Tor stand ein Lieferwagen. Auf der Seite stand in großen Lettern: Miet-WC & Event-Service. Und daneben stand Lukas, der verzweifelt versuchte, den Fahrer davon abzuhalten, die „Hochzeits-Suite“ mit einer Batterie von Dixi-Klos zu belagern. Das Chaos des großen Tages hatte offiziell begonnen.