Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.
Teil 11: Satin, Schweiß und Second-Hand-Träume
Ich erwachte mit dem Gefühl, als hätte mich eine Dampfwalze aus Europaletten überrollt. Das Licht, das durch das Loch im Dach fiel, war unerbittlich hell. Mia saß bereits neben mir auf der Matratze, die Haare ein einziges Nest aus Staub und Verzweiflung. „Wir haben Besuch“, wiederholte sie den Satz, der mir den Schlaf aus den Augen trieb.
Draußen vor dem Tor lieferte ein Mann im Blaumann gerade eine Batterie von Dixi-Klos ab, während Lukas versuchte, ihn davon zu überzeugen, dass „Vintage-Latrinen“ perfekt zum Hochzeitskonzept passen würden. „Ein Star wartet nicht auf das Licht, er erschafft es!“, rief Lukas uns zu, als er uns sah, und warf mir einen Kleidersack vor die Füße. „Zieh das an. Wir haben noch drei Stunden, bis die Meute einfällt.“
In der provisorischen Umkleide – einer Ecke hinter drei gestapelten Ölfässern – begann das Grauen. Lukas’ alter Konfirmationsanzug war nicht nur schmal in den Schultern, er war eine stoffgewordene Zwangsjacke. „Wenn du nicht tief einatmest oder versuchst, deine Arme um mehr als zehn Grad zu heben, sieht es aus wie maßgeschneiderter Slim-Fit“, behauptete Lukas, während er den obersten Knopf meines Sakkos mit der Kraft eines Gewichthebers schloss. „Ich sehe aus wie ein Pinguin, der in eine zu kleine Teigrolle geraten ist“, keuchte ich. „Perfekt! Das harmoniert mit Dr. von Vogelstein“, grinste Lukas.
Mia hatte es noch härter getroffen. Ihr Kleid aus dem Second-Hand-Laden für „Theatralik und Mottenfraß“ hatte so viele Lagen Tüll, dass sie beim Gehen ein Geräusch machte wie eine herannahende Heuschreckenplage. „Finn“, zischte sie, als sie hinter den Fässern hervorkam, „wenn ich über diese Schleppe stolpere und in den Schwan Lohmeyer falle, ist die Show vorbei, bevor der erste Gast 'Ja' sagen kann.“
„Du siehst... voluminös aus“, sagte ich ehrlich. „Wie eine sehr elegante, aber brandgefährliche Wolke.“ „Danke, Finn. Das ist genau das, was eine Braut hören will, die kurz vor dem Nervenzusammenbruch steht.“
Dann füllte sich die Halle. Die Ebay-Statisten waren pünktlich und trugen ihre schwarzen Rollkragen wie eine Uniform der emotionalen Leere. Malte, der 'traurige Onkel', saß bereits auf einem Autoreifen und starrte so intensiv auf eine rostige Kette, als würde er dort den Sinn des Lebens suchen.
Doch dann kam die echte Gefahr. Onkel Herbert traf ein, flankiert von zwei Flaschen Wein, die er wie heilige Reliquien vor sich hertrug. „Finn-Alexander!“, dröhnte er durch die Halle, wobei sein Echo die Tauben im Dach aufscheuchte. „Was ist das hier? Eine Hochzeit oder eine Zwangsversteigerung beim Insolvenzverwalter?“
Oma Hildegard erschien als Letzte. Sie trug einen Hut, der groß genug war, um darauf Kleinflugzeuge landen zu lassen, und ihren obligatorischen Zoll-Blick, der sofort jedes Detail scannte. Sie schritt direkt auf den Gabentisch zu und kontrollierte mit der Spitze ihres Gehstocks, ob der Schwan Lohmeyer immer noch vorschriftsmäßig ausgerichtet war. „Mia“, sagte sie knapp. „Das Kleid ist... geschickt gewählt. Es verdeckt zumindest alles, was man im vierten Monat vermuten könnte.“
Lukas schlug mit einem schweren Schraubenschlüssel gegen einen Stahlträger. Der metallische Klang hallte markerschütternd durch die Halle. „Meine Damen und Herren! Die Zeremonie beginnt! Bitte nehmen Sie Platz auf den... ökologisch zertifizierten Sitzmodulen!“
Basti, alias Dr. von Vogelstein, schritt zum Altar. Er schwitzte bereits jetzt so stark unter seinem Rollkragen, dass er aussah, als käme er gerade aus einem Dampfbad. Er schlug sein Panzertape-Notizbuch auf und blickte uns ernst an.
Mia griff meine Hand. Ihre Finger zitterten so stark, dass ich Angst hatte, sie würde das Gleichgewicht verlieren. „Wenn wir das jetzt durchziehen“, flüsterte sie, „gibt es kein Zurück mehr.“ „Keine Sorge“, flüsterte ich zurück, während mein Anzug verdächtig unter den Achseln knackte. „Denk einfach an die zweitausend Euro.“
Lukas startete die Musik. Eine melancholische Panflöten-Version von „Final Countdown“ schepperte aus den Lautsprechern. Es war der Moment der Wahrheit.