Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.
Teil 12: Das Ja-Wort und der Tüll-Terrorist
Die Panflöten-Version von „Final Countdown“ dröhnte aus den blechernen Lautsprechern und hallte von den Wellblechwänden der Halle wider, als wäre es der Soundtrack zum Weltuntergang. Mia und ich schritten – oder besser gesagt, wir wackelten – auf den Panzertape-Altar zu. Mein Sakko spannte so gewaltig, dass ich mich fühlte wie eine Presswurst kurz vor der Explosion.
Basti, unser falscher Dr. von Vogelstein, stand da und hielt sein Notizbuch fest, als wäre es eine heilige Reliquie. Sein Gesicht war rot angelaufen, und kleine Schweißperlen rannen von seiner Stirn direkt auf den Kragen seines Rollpullovers. Er räusperte sich. Das Geräusch klang über das Mikrofon wie ein startender Düsenjet.
„Liebe...“, begann Basti mit einer Stimme, die so tief war, dass die Fenster in den Oberlichtern zitterten. „Liebe ist wie... wie Rost an einem alten Stahlträger. Sie kommt ungefragt, sie frisst sich tief ein, und man bekommt sie eigentlich nur mit grobem Schleifpapier und viel Chemie wieder weg.“
Ich sah aus dem Augenwinkel zu Oma Hildegard. Sie saß in der ersten Reihe auf einem Pirelli-Reifen und hatte die Augen so weit verengt, dass sie nur noch zwei bedrohliche Schlitze waren. Neben ihr schniefte Beate in ihr Taschentuch. Sie fand den Rost-Vergleich offenbar „wahnsinnig metaphorisch“.
„Finn-Alexander“, fuhr Basti fort und fixierte mich mit einem Blick, der mich daran erinnerte, dass er eigentlich Fischstäbchen-Flyer verteilen sollte. „Bist du bereit, mit dieser Frau das Narrativ der Einsamkeit zu verlassen und in den Hafen der gemeinsamen Nebenkostenabrechnung einzulaufen?“
In diesem Moment spürte Mia eine Erschütterung in der Macht – oder eher in ihrem Kleid. Ein Rucken ging durch die sechs Meter Tüll, die sie hinter sich herzog. „Finn“, zischte sie, ohne die Lippen zu bewegen. „Da bewegt sich was unter meinem Rock.“ „Das ist nur dein Lampenfieber“, flüsterte ich zurück. „Nein“, hauchte sie panisch. „Lampenfieber hat keine Krallen!“
Plötzlich tauchte aus den unendlichen Weiten des Second-Hand-Tülls ein kleiner, grauer Kopf auf. Karl-Friedrich, die Ratte der Halle, hatte sich offenbar in den flauschigen Schichten von Mias Kleid ein gemütliches Nest gesucht. Er blickte kurz verwirrt in die Hochzeitsgesellschaft, sah den ausgestopften Schwan Lohmeyer und schien die Konkurrenz abzuwägen.
Mia unterdrückte einen Schrei, der vermutlich die gesamte Statisten-Armee enttarnt hätte. Sie machte einen hektischen Ausfallschritt nach links. Der Tüll raschelte bedrohlich. Karl-Friedrich, erschrocken von der plötzlichen Bewegung, schoss wie ein behaarter Blitz aus dem Saum des Kleides hervor und rannte direkt über das polierte Parkett – also den staubigen Beton – auf Oma Hildegard zu.
„EINE RATTE!“, brüllte Onkel Herbert und ließ vor Schreck eine seiner Weinflaschen fallen, die mit einem lauten Klirren zerschellte. Das Chaos war perfekt. Die Ebay-Statisten sprangen auf, Basti verlor den Faden seiner Rost-Rede, und Karl-Friedrich suchte Zuflucht unter dem Rock von Oma Hildegards imposantem Hut-Ensemble.
„Das gehört zum Konzept!“, schrie Lukas verzweifelt gegen den Lärm an und fuchtelte mit den Armen. „Urban-Wild-Life! Die Symbiose von Mensch und Natur!“
Hildegard bewegte sich keinen Millimeter. Sie sah die Ratte an, die zu ihren Füßen stoppte, und dann sah sie Mia an, die aussah, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen. „Dr. von Vogelstein“, sagte Hildegard mit einer Stimme, die kälter war als das Gefrierfach eines Fischstäbchen-Transporters. „Machen Sie weiter. Bevor ich mich entscheide, das Kammerjäger-Kommando zu rufen.“
Basti schluckte so laut, dass man es im hinteren Teil der Halle hörte. „Äh... ja. Also... Finn, willst du Mia zu deiner rechtmäßig angetrauten... Mitbewohnerin... ich meine, Ehefrau machen? Dann antworte jetzt mit 'Ja'.“
Ich sah Mia an. Sie war blass, ihr Kleid war voller Staub, eine Ratte hatte sie gerade als Taxi benutzt, und wir standen in einer Ruine. „Ja“, sagte ich, und seltsamerweise klang es fast echt. „Und du, Mia?“, fragte Basti. Mia blickte kurz zu ihrer Oma, dann zu mir. „Ja“, sagte sie fest. „Aber Finn kriegt die Ratte im Scheidungsfall.“
„Dann erkläre ich euch hiermit zu... äh... verheirateten Leuten!“, rief Basti. „Sie dürfen die Braut jetzt... vorsichtig berühren!“
Ich beugte mich vor und gab Mia einen Kuss auf die Wange. Es roch nach altem Parfüm, Angstschweiß und einem Hauch von Lagerhalle. Hinter uns begannen die Ebay-Statisten mechanisch zu klatschen, während Lukas bereits das erste Fass Freibier anstach. Wir hatten es geschafft. Wir waren „verheiratet“.
Aber als ich in Oma Hildegards Augen sah, wusste ich: Die eigentliche Prüfung – die Hochzeitsfeier – hatte gerade erst begonnen.