„Gefällt euch das Buffet?“, fragte Lukas und strahlte, während er eine Servierplatte balancierte, auf der Dinge lagen, die ich im Dunkeln für Kieselsteine gehalten hätte. „Ich nenne es 'Urban Tapas'. Es ist eine Dekonstruktion des klassischen Hochzeitsessens.“
Ich starrte auf einen einsamen Cracker, auf dem ein Klecks Leberwurst und eine einzelne, traurige Kapernbeere thronten. „Lukas“, zischte ich, während ich versuchte, in meinem zu engen Anzug nicht zu ersticken, „das ist kein Catering. Das ist ein Hilferuf aus der Speisekammer unserer WG.“
„Ruhe auf den billigen Plätzen!“, flüsterte er zurück. „Die Leute trinken das Freibier, als gäbe es kein Morgen mehr. Denen fällt gar nicht auf, dass die Mini-Quiches eigentlich tiefgekühlte Pizzen sind, die ich mit einem Eierbecher ausgestochen habe.“
Während die Ebay-Statisten pflichtbewusst an ihren Pizzateig-Kreisen knabberten und Malte, der 'traurige Onkel', so tat, als würde er über der Oliven-Schale weinen, wurde es ernst. Oma Hildegard hatte sich Dr. von Vogelstein geschnappt. Sie hatte ihn in die Enge getrieben – direkt neben dem Gabentisch, wo der Schwan Lohmeyer mit seinen Glasaugen das Szenario überwachte.
„Sagen Sie mal, Herr Doktor“, begann Hildegard und rührte mit einem Plastiklöffel in ihrem Sektglas herum. „An welcher Fakultät haben Sie eigentlich über die 'Phänomenologie der Liebe' promoviert? Ich habe im Verzeichnis der Universität nichts unter Ihrem Namen gefunden.“
Basti, der immer noch so stark schwitzte, dass sein Rollkragenpullover inzwischen zwei Farbtöne dunkler war, schluckte sichtlich schwer. „Das... das war eine externe Promotion! Sehr exklusiv. In... Liechtenstein. Die Unterlagen liegen meistens im Archiv der... äh... Stille.“
Hildegard zog eine Augenbraue hoch, ein Zeichen für drohende Gefahr, das ich inzwischen besser kannte als meine eigene Kontonummer. „In Liechtenstein. Wie praktisch. Und wie sieht es mit der Rechtsgültigkeit dieser Trauung aus? Nach Paragraph 1310 des Bürgerlichen Gesetzbuches muss ein Standesbeamte nämlich...“
„Oma!“, schoss Mia dazwischen und schob sich mit ihrem gewaltigen Tüll-Kleid wie ein Airbag zwischen die beiden. „Du musst unbedingt die Torte probieren! Du hast sie doch extra ausgesucht!“
Sie dirigierte Hildegard weg, gerade noch rechtzeitig, bevor Basti einen Weinkrampf bekommen konnte. Doch die Ruhe hielt nur kurz. Onkel Herbert, der inzwischen die dritte Flasche Wein am Wickel hatte, klopfte mit einem rostigen Löffel gegen ein leeres Gurkenglas.
„RUHE!“, brüllte er. „Redezeit! Ich möchte auf das junge Glück anstoßen! Finn, mein Junge, komm her! Erzähl uns doch mal... wie war das nochmal mit dem Antrag? Mia sagte, du hättest im Regen vor ihrem Fenster gekniet. Aber ich dachte, ihr hättet euch bei den Maultaschen verlobt?“
Die Halle wurde schlagartig still. Sogar die Statisten hörten auf zu kauen. Mia starrte mich mit geweiteten Augen an. Wir hatten zwei verschiedene Geschichten erzählt.
Ich sah zum Hallentor. Ein Fluchtweg war frei. Doch dann sah ich Lukas, der mir mit den Lippen formte: „Geldumschläge!“
„Es war beides!“, rief ich verzweifelt. „Ich habe ihr den Antrag bei den Maultaschen gemacht, aber sie hat nicht gehört, weil die Kühltheke so laut gebrummt hat! Also musste ich abends im Regen nochmal ran! Mit... mit einer Maultasche in der Hand als Symbol!“
Beate schluchzte laut auf. „So romantisch! Wie in einem französischen Film!“
Hildegard sah mich an. Sie wusste es. Sie wusste alles. Aber in diesem Moment passierte etwas Seltsames: Sie zwinkerte mir zu. Dann hob sie ihren Plastikbecher und sagte: „Auf die Maultaschen. Mögen sie niemals schimmeln.“
Wir hatten die Kurve gekriegt. Doch als ich den ersten Umschlag mit der Aufschrift „Für die Flitterwochen“ in die Tasche steckte, fühlte ich mich plötzlich gar nicht mehr so clever. Vor allem nicht, als ich sah, wie Karl-Friedrich die Ratte versuchte, an Oma Hildegards Handtasche hochzuklettern.