Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.

Teil 14: Der Walzer der Verzweiflung

Der Moment, vor dem ich mich seit Lukas’ erstem Klick in der Excel-Tabelle gefürchtet hatte, war gekommen: Der Eröffnungstanz. Lukas hatte keine Kosten und Mühen gescheut und eine Playlist erstellt, die er „Emotionaler Totalausfall“ getitelt hatte. Über die blechernen Lautsprecher erklang nun eine Saxophon-Version von Careless Whisper, die so verzerrt war, dass man meinte, das Instrument würde um Gnade winseln.

„Finn“, zischte Mia, während sie versuchte, ihre sechs Meter Tüll so zu sortieren, dass niemand darüber stolperte. „Wenn du mir jetzt auf die Füße trittst, ist die Verlobung... äh, Ehe... schneller vorbei als die Nachzahlung der Stadtwerke.“

Ich legte meine Hand an ihre Taille – oder zumindest dorthin, wo ich unter den Stoffmassen ihre Taille vermutete. Mein Sakko gab ein bedrohliches Ritsch-Geräusch von sich. „Ich kann mich nicht bewegen, Mia. Wenn ich den linken Arm hebe, sprenge ich die Knöpfe direkt in Onkel Herberts Weinglas.“

Wir begannen uns im Kreis zu drehen. Es war weniger ein Tanz als vielmehr ein verzweifeltes Manövrieren zweier Schiffbrüchiger in einem Meer aus Billig-Satin. Oma Hildegard beobachtete uns vom Rand aus, den Gehstock fest umklammert, als würde sie jeden unserer Schritte auf Übereinstimmung mit dem internationalen Tanzsport-Reglement prüfen.

Plötzlich spürte ich ein Zupfen an meinem Ärmel. Es war Malte, der 'traurige Onkel'. Er tanzte gerade mit einer anderen Statistin an uns vorbei und flüsterte mir ins Ohr: „Das Freibier ist fast leer, Finn. Die Stimmung kippt. Die Leute wollen Pizza. Echte Pizza. Nicht diese ausgestochenen Keks-Dinger.“

„Später, Malte! Ich versuche gerade, meine Würde zu bewahren!“, zischte ich zurück. „Die Statisten-Gewerkschaft fordert eine Gefahrenzulage wegen der Ratte“, raunte er, bevor er wieder in seiner Rolle als melancholischer Pfälzer versank.

In diesem Moment passierte es. Ein besonders hoher Ton des Saxophons schien Karl-Friedrich, der sich unter dem Buffet-Tisch versteckt hatte, in den Wahnsinn zu treiben. Er schoss hervor, rannte zwischen Mias Beinen hindurch und verfing sich in den unzähligen Lagen ihres Kleides.

Mia schrie auf, verlor das Gleichgewicht und klammerte sich instinktiv an meinem Revers fest. Das Sakko von Lukas’ Konfirmationsanzug leistete nun endgültig den Offenbarungseid. Mit einem lautstarken KRACH riss die Rückennaht von oben bis unten auf. Ich fühlte, wie die kühle Hallenluft meinen Rücken streifte, während Mia und ich wie ein ineinander verschlungenes Knäuel aus Tüll und gerissenem Polyester zu Boden gingen.

Die Musik stoppte abrupt. Stille breitete sich in der Lagerhalle aus. Nur der Schwan Lohmeyer starrte uns von oben herab ungerührt an.

Ich lag auf dem Rücken, Mia halb auf mir drauf, und direkt vor meiner Nase saß Karl-Friedrich und putzte sich seelenruhig die Schnurrhaare. Beate hielt sich die Hände vors Gesicht. „Oh Gott! Die Leidenschaft! Sie haben sich förmlich zerfleischt vor Liebe!“

Oma Hildegard trat langsam vor. Sie blickte auf meinen nackten Rücken, dann auf die Ratte und schließlich auf das zerfetzte Sakko. „Finn-Alexander“, sagte sie leise. „Ich habe beim Zoll schon viele Verstecke gesehen. Aber dass jemand versucht, eine ganze Ratte und zwei Kilo Tüll in einem zu kleinen Anzug über die Grenze der Glaubwürdigkeit zu schmuggeln... das ist neu.“

Sie beugte sich zu mir hinunter. „Der Tanz war eine Katastrophe. Aber das Sakko... das Sakko ist die erste ehrliche Sache, die ich heute hier sehe. Es hält dem Druck der Lüge einfach nicht stand.“

Bevor ich antworten konnte, rief Lukas von der improvisierten Bar: „Leute! Vergesst den Tanz! Wir kommen zum wichtigsten Teil: Die Übergabe der Geschenke für das 'Portugal-Sabbatical'!“

Mia half mir hoch. Mein Rücken war nackt, mein Stolz war weg, aber die Aussicht auf die Umschläge ließ mich meine Scham vergessen. Wir hatten den Tanz überlebt. Jetzt mussten wir nur noch das Geld einsammeln, bevor die Statisten-Armee die Halle stürmte.