Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.

Teil 16: Das Phantom der Lagerhalle

„Wir müssen Zeit gewinnen!“, zischte Lukas mir ins Ohr, während er mir einen Becher lauwarmen Sekt in die Hand drückte. „Wenn Oma Hildegard morgen früh in der WG aufschlägt und sieht, dass in Mias Zimmer nur Gesetzestexte und in deinem Zimmer nur leere Pizzakartons liegen, können wir uns direkt beim Insolvenzverwalter anmelden.“

„Und was ist dein brillanter Plan?“, fragte ich, während ich versuchte, die Sicherheitsnadeln an meinem Rücken so zu richten, dass sie mich nicht aufspießten.

„Brautstehlen!“, verkündete Lukas mit einem irren Funkeln in den Augen. „Es ist eine alte Tradition. Die Braut verschwindet, der Bräutigam muss sie suchen und währenddessen wird getrunken. Das hält die Verwandtschaft beschäftigt und gibt uns Zeit, die WG 'ehetauglich' zu machen.“

Bevor ich protestieren konnte, gab Lukas den Ebay-Statisten ein Zeichen. Malte, der 'traurige Onkel', und zwei andere Typen in schwarzen Rollkragenpullovern packten Mia – samt ihren sechs Metern Tüll – und trugen sie mit der Eleganz eines Sackes Kartoffeln in den dunklen, hinteren Teil der Lagerhalle.

„Lukas, das ist kein Brautstehlen, das sieht aus wie eine Entführung durch eine Kunstgalerie!“, rief ich, aber er ignorierte mich bereits und brüllte in die Menge: „DIE BRAUT IST WEG! WER SIE FINDET, BEKOMMT... ÄH... EINE EXTRA PORTION URBAN TAPAS!“

Die Halle versank im Chaos. Onkel Herbert, der die „Suche“ als Vorwand nutzte, um nach weiteren versteckten Weinvorräten zu fahnden, torkelte Richtung Maschinenraum. Beate rief ständig: „Mia! Wo bist du, mein Engelchen?“, während sie beinahe über den Schwan Lohmeyer stolperte.

Ich machte mich ebenfalls auf die Suche, was in der Dunkelheit der Halle gar nicht so einfach war. Überall standen rostige Metallteile und leere Paletten herum. „Mia?“, flüsterte ich in die Finsternis hinter einem riesigen Öltank.

„Hier unten, du Idiot!“, kam eine erstickte Stimme aus einem Berg von alten Planen. Ich zog die Plane weg. Mia saß dort, völlig verheddert in ihrem Tüllkleid. Karl-Friedrich die Ratte saß auf ihrer Schulter und wirkte so, als würde er die Situation sehr genießen.

„Lukas hat mich hier abgeladen und gesagt, ich soll still sein“, zischte sie. „Finn, wir müssen hier raus. Oma Hildegard steht am Ausgang und führt Einzelinterviews mit den Statisten. Sie hat Malte gerade gefragt, in welchem Bergwerk wir zusammen gearbeitet haben.“

„Was hat er gesagt?“ „Er hat geweint und behauptet, die Erinnerung sei zu schmerzhaft, um darüber zu sprechen.“

„Guter Mann“, murmelte ich. Ich half Mia hoch. „Hör zu, Lukas will, dass wir unbemerkt verschwinden, während alle 'suchen', um in der WG Ordnung zu schaffen.“

„Unbemerkt?“, Mia deutete auf ihr Kleid, das im Dunkeln fast leuchtete und beim Gehen klang wie ein herannahender Güterzug. „Ich bin eine wandelnde Leuchtreklame für Betrug!“

Wir schlichen uns Richtung Seitenausgang, vorbei an Basti, der gerade versuchte, dem Schwan Lohmeyer die Bedeutung des Wortes „Daseinsberechtigung“ zu erklären. Doch kurz vor der Tür materialisierte sich ein Schatten vor uns.

„Flucht aus der eigenen Hochzeitsfeier?“, fragte die Stimme von Oma Hildegard. Sie hielt eine Taschenlampe wie einen Suchscheinwerfer auf uns gerichtet. „Das ist ja fast so verdächtig wie eine Kiste voller Markenuhren ohne Seriennummer.“

„Oma!“, quiekte Mia. „Wir wollten nur... ein bisschen frische Luft schnappen. Die Leidenschaft, du weißt schon... Finn braucht Sauerstoff.“

Hildegard trat näher. „Finn braucht ein neues Sakko und eine bessere Geschichte“, sagte sie trocken. „Aber geht nur. Ich werde mich derweil mit Dr. von Vogelstein über seine Studienzeiten in Liechtenstein unterhalten. Er wirkt so... mitteilsam, wenn man ihm genug Sekt einschenkt.“

Wir rannten zum Fluchtwagen (Lukas' Opel Corsa). Als wir losfuhren, sah ich im Rückspiegel, wie die Lichterketten der Halle flackerten. Wir hatten vielleicht die Party verlassen, aber das wahre Verhör stand uns morgen in der WG erst noch bevor.