„Wir haben genau drei Stunden“, keuchte ich, während ich die Treppen zu unserer WG hochstürmte. In meinem Rücken klaffte immer noch der riesige Riss in Lukas’ Konfirmationsanzug, und bei jedem Schritt peitschten mir die Sicherheitsnadeln wie kleine metallische Peitschen gegen die Haut. Hinter mir polterte Mia die Stufen hoch, wobei ihr Tüllkleid jedes Mal am Geländer hängen blieb und ein Geräusch machte, als würde man ein riesiges Klettband abziehen.
„Lukas ist noch bei der Halle, um die Verwandtschaft mit dem restlichen Schnaps-Ersatz abzufüllen“, sagte Mia atemlos, als wir die Wohnungstür aufrissen. „Wir müssen mein Zimmer ehetauglich machen. Jetzt!“
Wir stürmten in Mias Zimmer. Es sah aus wie das Archiv des Bundesverfassungsgerichts – überall Aktenordner, Gesetzestexte und Textmarker, die in der Dunkelheit leuchteten wie radioaktives Material. „Das strahlt keine 'junge Liebe' aus“, stellte ich fest und kickte einen Stapel über das BGB beiseite. „Das strahlt eher 'ich werde dich wegen Lärmbelästigung verklagen' aus.“
„Halt die Klappe und hilf mir!“, zischte Mia. Sie riss ihre Bettdecke weg. „Wir brauchen Beweise für deine Existenz hier drin. Wo sind deine Sachen?“ „In den Ikea-Tüten im Flur“, erinnerte ich sie.
Zehn Minuten später sah Mias Zimmer aus wie ein Schlachtfeld der Dekoration. Wir drapierten meine Gaming-Tastatur (die immer noch giftgrün leuchtete) direkt neben ihre juristische Fachzeitschrift. Ich warf drei meiner ungewaschenen T-Shirts – die mit den wenigsten Pizzaflecken – dekorativ über ihren Stuhl.
„Und jetzt das Badezimmer!“, kommandierte Mia. „Oma Hildegard wird als Erstes kontrollieren, ob wir uns eine Zahnbürste teilen oder ob es getrennte Reviere gibt.“
Wir rannten ins Bad. Der Anblick war deprimierend. Meine einzige Zahnbürste stand einsam in einem Plastikbecher, der einen verdächtigen Kalkrand hatte. Daneben lag Mias Arsenal an Tiegeln, Tuben und Elixieren, die alle so teuer aussahen, als könnten sie Falten nicht nur glätten, sondern rückwirkend verhindern.
„Hier!“, Mia drückte mir ein Fläschchen Lavendel-Duschgel in die Hand. „Stell das so hin, als würden wir es beide benutzen. Und nimm deine Socken aus dem Waschbecken!“
„Warum sollte ich Lavendel benutzen?“, protestierte ich. „Ich riech dann wie eine eingeschlafene Oma!“ „Du riechst im Moment nach Schmieröl und Angst, Finn-Alexander! Lavendel ist ein Upgrade!“
Plötzlich hörten wir unten auf der Straße ein bekanntes Geräusch: Das satte Klacken einer schweren Autotür. Ein Mercedes. „Sie ist da“, flüsterte Mia. „Zwei Stunden zu früh. Wieder mal.“
Ich sah an mir herunter. Ich trug immer noch den zerfetzten Anzug. Mia sah aus wie eine explodierte Sahnetorte, die gerade einen Marathon durch einen Schrottplatz hinter sich hatte.
„Schnell! In die Küche!“, rief ich. „Wir müssen so tun, als hätten wir gerade einen romantischen Mitternachtssnack vorbereitet!“ „Mit was?“, fragte Mia panisch. „Wir haben nur abgelaufenen Joghurt und eine halbe Packung Maultaschen!“
„Perfekt!“, schrie ich. „Maultaschen sind unser Ding! Es ist die Fortführung der Legende!“
Wir stürzten in die Küche, ich warf die Pfanne auf den Herd, während Mia versuchte, ihren Tüll in eine Küchenschürze zu stopfen. Das Schloss der Wohnungstür knackte. Das Grauen hatte einen Namen, und es trug einen Hut mit dem Durchmesser eines Satellitenschüssels.
„Hallo?“, rief Oma Hildegards Stimme aus dem Flur. „Ist hier jemand? Oder wurde das Brautpaar bereits von der eigenen Realität verschluckt?“
Ich griff nach der Packung Maultaschen und sah Mia an. „Egal was passiert“, flüsterte ich, „wir bleiben bei der Story. Wir sind verliebt. Wir teilen uns das Lavendel-Duschgel. Und wir lieben Maultaschen.“