Der Ja-Wort-Joker: Oder warum man niemals eine Waschmaschine heiraten sollte.

Teil 19: Kassensturz und Schwanengesang

Das Echo von Oma Hildegards Absätzen im Treppenhaus war noch nicht ganz verhallt, da riss Lukas bereits das Fenster auf, als müsste er den restlichen Lavendel-Duft eigenhändig ins Freie prügeln. Der Schwan Lohmeyer thronte ungerührt auf dem Herd, während die verbrannten Maultaschen vor ihm vor sich hin qualmten.

„Zählt das Geld!“, kommandierte Lukas und klatschte in die Hände, als wäre er der Manager einer Bankräuber-Bande nach einem gelungenen Coup. „Wir müssen wissen, ob sich der Tüll-Terror und das Sakko-Massaker gelohnt haben!“

Mia befreite sich endlich aus den Überresten ihres Kleides – was eher wie eine Häutung wirkte – und warf die Satin-Massen auf den Boden. Wir leerten die Umschläge auf den Küchentisch. Es war ein bunter Mix aus Fünfzigern, Zwanzigern und einem verdächtig zerknitterten Zehn-Euro-Schein, der vermutlich von Onkel Herbert stammte.

„Fünfhundert... achthundert... tausendzweihundert...“, murmelte Mia, während ihre Finger über die Scheine flogen. „Finn, wir haben es! Zweitausendvierhundert Euro!“

„Zweitausendvierhundert!“, jubelte ich und wollte gerade einen Freudensprung machen, als meine Sicherheitsnadeln mich schmerzhaft an die Realität erinnerten. „Das reicht für die Stadtwerke, die Miet-WCs und wir haben sogar noch was übrig für...“

„...für die Bestechung des Kammerjägers, den Oma Hildegard uns schicken wird?“, unterbrach mich Mia und sah auf den Berg Geld. Die Freude in ihrem Gesicht hielt genau drei Sekunden an, bevor sie wieder von purer Panik abgelöst wurde. „Leute, sie will morgen die Buchhaltung sehen. Wenn sie merkt, dass wir das Geld der Verwandtschaft benutzt haben, um eine Stromrechnung zu bezahlen, statt nach Portugal zu fliegen, wird sie uns eigenhändig ins Gefängnis bringen!“

Lukas griff nach einer Rolle Panzertape, die noch auf der Anrichte lag, und klebte dem Schwan Lohmeyer ein Stück davon unter den Schnabel, als wollte er verhindern, dass der Vogel ihn verpfiff.

„Plan B!“, verkündete er. „Wir flüchten. Wir nehmen das Geld, packen Karl-Friedrich und den Schwan ein und setzen uns in den Corsa. Wir fahren Richtung Süden, bis der Lavendel-Geruch aufhört und die Leute uns nicht mehr nach unserer Heiratsurkunde fragen!“

„Wir können nicht flüchten, Lukas!“, schrie Mia. „Ich habe nächste Woche eine Prüfung in Sachen Vertragsrecht! Wenn ich jetzt untertauche, war das ganze Studium umsonst!“

„Vertragsrecht?“, ich sah sie an. „Mia, wir haben gerade einen mündlichen Vertrag mit fünfzig Verwandten gebrochen! Du bist die Expertin! Gibt es da kein Schlupfloch? Irgendwas mit 'Irrtum durch Schwanen-Trauma' oder so?“

Mia starrte auf den Geldhaufen. Dann auf mich. Und plötzlich fing sie an zu lachen. Es war ein hysterisches Lachen, das immer lauter wurde, bis sie sich am Küchentisch festhalten musste. „Wisst ihr, was das Beste ist?“, prustete sie hervor. „Oma Hildegard hat mir vorhin beim Verlassen der Halle etwas zugesteckt.“

Sie zog einen kleinen, gelben Zettel aus ihrem Ärmel. Es war ein offizielles Formular des Zolls, auf dessen Rückseite mit ordentlicher Handschrift stand: > „Die Maultaschen waren furchtbar, aber das Panzertape am Sakko war erstklassig. Kommt morgen um zehn. Ich habe die Buchhaltung schon für euch vorbereitet. Manchmal muss man eben schmuggeln, um zu überleben. P.S.: Sagt Dr. von Vogelstein, er soll das Pinguin-Kostüm zurückgeben. Die Reinigung war teuer.“

Stille trat in der Küche ein. „Sie wusste es von Anfang an?“, flüsterte ich fassungslos. „Sie ist die Oberzollrätin, Finn“, sagte Mia und wischte sich eine Lachträne aus dem Auge. „Niemand schmuggelt eine Hochzeit an Hildegard Schmidt vorbei.“

Lukas sah den Schwan an. „Heißt das... wir müssen nicht nach Portugal flüchten?“ „Heißt das... wir müssen uns trotzdem das Lavendel-Duschgel teilen?“, fragte ich hoffnungsvoll.

Mia sah mich an, und zum ersten Mal in zwei Jahren WG-Geschichte war da kein Ärger, sondern etwas, das fast wie echte Zuneigung aussah. „Wir werden sehen, Finn. Wir werden sehen.“