Der nächste Morgen begann mit Regen. Nicht diesem romantischen Filmregen, sondern der Sorte, die direkt von der Seite kommt und so tut, als hätte sie ein persönliches Problem mit dir.
Leni stand unter dem Vordach eines Spätis und scrollte durch ihre App. Keks saß neben ihr, tropfnass, aber mit dieser stoischen Würde, die nur Hunde besitzen, die wissen: Ich bin klüger als dieses System.
„Sag mir bitte“, murmelte Leni, „dass ich gestern nicht wegen einer Dose Luft fast meinen Job verloren habe.“
Kira antwortete sofort. „Guten Morgen! Dein aktueller Score liegt bei 4,12 von 5. Das ist… ausreichend. Motivation: Du bist nur 0,38 Punkte von finanzieller Stabilität entfernt.“
„Das ist wie zu sagen: ‘Du bist nur drei Herzinfarkte von der Rente entfernt’“, sagte Jamal, der mit zwei Bechern Filterkaffee aus dem Späti kam.
Er reichte Leni einen Becher. „Ohne Hafermilch. Ich weiß. Aber der Laden wollte 80 Cent extra.“
Leni nahm einen Schluck. „80 Cent sind inzwischen eine politische Entscheidung.“
Keks schnupperte am Becher und verzog das Gesicht. Offensichtlich war er gegen Kapitalismus und Filterkaffee.
„Neue Mission“, sagte Kira fröhlich. „Standard-Lieferung. Kein Premium. Kein Stress. Bezahlung: 3,90 Euro.“
„Für was?“, fragte Jamal.
„Für 28 Minuten geschätzte Arbeitszeit“, antwortete Kira. „Plus körperliche Aktivität. Das gilt als Bonus.“
Leni lachte kurz. „Mein Körper wird also in Naturalien bezahlt.“
Die Bestellung kam aus einem Restaurant mit dem Namen ‘Honest Bowl’. Auf dem Schaufenster stand: FAIR. REGIONAL. TRANSPARENT.
„Ich liebe Transparenz“, sagte Jamal. „Vor allem, wenn sie nur auf Fenstern existiert.“
Drinnen roch es nach Koriander, Sesam und diesem speziellen Duft von wir meinen es ernst, aber nicht billig. Hinter dem Tresen stand eine junge Frau mit müden Augen und einem Lächeln, das schon zu viele Schichten gesehen hatte.
„Abholung für Leni“, sagte Leni.
Die Frau nickte und stellte eine Papiertüte hin. „Hier. Und… äh… viel Glück.“
„Danke“, sagte Leni automatisch, dann stockte sie. „Alles okay?“
Die Frau zuckte mit den Schultern. „Schon. Also… so okay wie es halt ist.“
Jamal sah sich um. „Sieht nach viel Betrieb aus.“
„Ja“, sagte die Frau. „Immer. Aber Personal… na ja.“ Sie lächelte schief. „Transparenz halt.“
Keks legte den Kopf schief. Wieder dieser Blick, der Fragen stellte, für die es keine App gab.
Draußen setzte der Regen stärker ein. Leni zog ihre Kapuze tiefer. „Adresse?“
Kira antwortete: „Co-Working-Space. ‘Future Hub’. Stockwerk 4. Kein Aufzug.“
„Natürlich“, sagte Jamal. „Innovation liebt Treppen.“
Der Weg führte sie durch Viertel, in denen sich Altbau und Start-up gegenseitig ignorierten. Vor einem Bürogebäude stand ein Plakat: ‘WE ARE HIRING – UNPAID INTERNS’.
Jamal blieb kurz stehen. „Das ist illegal, oder?“
„Nur moralisch“, sagte Leni. „Rechtlich ist Moral optional.“
Im Treppenhaus des ‘Future Hub’ roch es nach Desinfektionsmittel und Ambition. Die Wände waren mit Zitaten beklebt.
‘Work hard. Dream big.’
‘Sleep is for the weak.’
„Ich träume von bezahlten Überstunden“, murmelte Jamal.
Im vierten Stock öffnete ein junger Mann mit Headset die Tür. Er trug Jogginghose, Sakko und den Gesichtsausdruck von jemandem, der sehr beschäftigt war, aber nicht genau wusste womit.
„Essen!“, sagte er erleichtert. „Stell’s einfach da hin.“
Leni reichte ihm die Tüte. „3,90 Euro“, sagte sie halblaut.
„Was?“
„Nichts“, sagte sie. „Guten Appetit.“
Der Mann war schon wieder halb verschwunden. „Danke! Ach ja – Trinkgeld gibt’s digital, okay?“
Die Tür schloss sich.
Stille.
Kira vibrierte. „Lieferung abgeschlossen. Trinkgeld: 0,00 Euro. Bewertung ausstehend.“
Leni starrte auf das Display. „Ich habe gerade Essen geliefert an Leute, die über die Zukunft reden… und kann mir selbst keine leisten.“
Jamal setzte sich auf die Treppenstufe. „Weißt du, was mich im Rettungsdienst fertig macht?“
Leni schüttelte den Kopf.
„Nicht das Blut. Nicht die Unfälle. Sondern die Rechnungen danach. Leute überleben – und verlieren trotzdem alles.“
Keks setzte sich zwischen sie. Warm. Echt. Unbezahlt.
„Ich frage mich“, sagte Leni langsam, „warum ‘fair’ immer ein Marketingwort ist und nie ein Vertrag.“
Kira meldete sich vorsichtig. „Fairness ist ein subjektives Konzept. Effizienz ist messbar.“
Leni lachte leise. „Weißt du, Kira, genau da liegt das Problem.“
Unten vor dem Gebäude stand wieder ein Späti. Gleicher Regen. Gleiche Preise. Andere Menschen.
Leni zählte ihr Geld. „Ich habe heute schon zwei Lieferungen gemacht. Zusammen…“ Sie rechnete kurz. „…nicht mal acht Euro.“
„Brutto Hoffnung“, sagte Jamal.
Sie standen da, während die Stadt weiterlief, als hätte sie Termine. Leni sah auf ihr Handy. Eine neue Mission blinkte schon.
„Jetzt liefern = Bonus-Chance!“
Sie sperrte den Bildschirm.
„Nicht jetzt“, sagte sie.
„Konsequenzen?“, fragte Jamal.
„Ja“, sagte Leni. „Aber ich merke langsam: Die gibt’s sowieso.“
Keks bellte einmal zustimmend.
Und irgendwo zwischen Regen, leeren Versprechen und 3,90 Euro verstanden sie: Ungerechtigkeit ist kein Bug im System. Sie ist das System.
Die Frage war nur noch, wie lange sie so tun wollten, als wäre das normal.