Gerechtigkeit im Flugmodus

Teil 4: Wohnen ist kein Lifestyle

Die Nachricht kam nicht von der App, sondern vom Vermieter.

„Kurze Info: Die Miete wird ab nächsten Monat angepasst.“

Leni starrte auf das Display, als könnte sie durch bloßes Ansehen verhindern, dass Worte Realität werden.

„Angepasst ist das neue ‘teurer’“, sagte Jamal, der auf Lenis Sofa saß und versuchte, nicht auf die durchgesessene Stelle auszuweichen.

Keks hatte sich genau dort zusammengerollt, wo früher einmal eine Armlehne gewesen war. Er wirkte zufrieden. Der Wohnungsmarkt hatte ihn offensichtlich noch nicht gebrochen.

„Ich hab die Wohnung vor fünf Jahren genommen, weil sie bezahlbar war“, sagte Leni. „Jetzt ist sie nur noch… historisch günstig.“

Jamal nickte. „Ich habe mal gelesen: Wer heute eine günstige Wohnung hat, lebt nicht billig – sondern in der Vergangenheit.“

Die Wohnung war klein. Zwei Zimmer, dünne Wände, Fenster, die im Winter so taten, als hätten sie nie von Isolation gehört. Aber sie war Lenis. Zumindest emotional.

Auf dem Küchentisch lag ein Flyer, den jemand unten im Hausflur verteilt hatte.

„URBAN LIVING – Wohnen neu gedacht!“

Leni las laut vor: „Micro-Apartments ab 32 Quadratmeter. Gemeinschaftsküche optional. Gemeinschaftsgefühl garantiert.“

„Garantiert“, wiederholte Jamal. „Wie WLAN im Zug.“

Keks hob den Kopf und gähnte. Gemeinschaftsküche klang für ihn nach vielen Fremden, wenig Bodenfutter.

Am Nachmittag gingen sie zur Wohnungsbesichtigung. Nicht, weil Leni umziehen wollte – sondern weil man heute muss, um zu wissen, wie schlimm es ist.

Vor dem Haus standen schon Menschen. Viele. Sehr viele. Manche hatten Mappen dabei. Andere nur Hoffnung.

„Das fühlt sich an wie ein Casting“, flüsterte Leni.

„Ja“, sagte Jamal. „Für die Rolle: ‘Person, die sich Wohnen leisten darf’.“

Die Maklerin war jung, geschniegelt, professionell freundlich. „Bitte alle Unterlagen bereithalten“, sagte sie. „Schufa, Gehaltsnachweise, Motivationsschreiben.“

„Motivationsschreiben?“, fragte Leni.

„Ja“, sagte die Maklerin. „Warum Sie diese Wohnung wirklich wollen.“

Leni dachte kurz nach. „Weil ich nicht obdachlos sein möchte?“

Die Maklerin lachte, als wäre das ein Scherz. „Sehr sympathisch.“

Drinnen war die Wohnung hell. Schön. Unverschämt schön. Der Preis stand auf einem kleinen Schild, fast schüchtern.

Leni rechnete im Kopf. Dann noch mal. Dann gab sie auf.

„Das sind…“, begann sie.

„Marktüblich“, unterbrach die Maklerin. „Lage, Nachfrage, Sie wissen schon.“

„Nein“, sagte Jamal ruhig. „Wir wissen nicht. Erklären Sie es uns ruhig noch mal, als wären wir Menschen.“

Die Maklerin lächelte angespannt. „Es ist Angebot und Nachfrage.“

„Also“, sagte Leni, „viele Menschen brauchen etwas zum Leben, und wenige besitzen es. Klingt fair.“

Die Maklerin räusperte sich. „Bitte bleiben Sie sachlich.“

Keks setzte sich mitten in den Raum und sah sich um. Dann bellte er einmal. Laut. Deutlich.

„Er sagt“, murmelte Jamal, „dass die Wohnung zu klein für Bullshit ist.“

Nach der Besichtigung standen sie wieder draußen. Niemand sprach. Alle starrten auf ihre Handys, als könnten Zahlen dort plötzlich freundlicher werden.

„Ich habe Angst“, sagte Leni schließlich.

Jamal sah sie an. „Wovor?“

„Davor, dass ich alles richtig mache und es trotzdem nicht reicht.“

Das sagte sie leise. Aber es hing schwer zwischen ihnen.

Sie gingen nach Hause. Nach Hause – ein Wort, das plötzlich provisorisch klang.

Leni setzte sich auf den Boden, lehnte den Rücken an die Couch. „Weißt du, was mich am meisten nervt?“

Jamal schüttelte den Kopf.

„Dass Wohnen jetzt ein Lifestyle ist. Nicht mehr ein Recht. Du sollst dankbar sein, wenn du es dir leisten kannst.“

„Und still“, ergänzte Jamal. „Sehr still.“

Keks legte seinen Kopf auf Lenis Knie. Warm. Echt. Unkündbar.

Das Handy vibrierte. Eine neue Push-Nachricht.

„Exklusive Wohnungsanzeige – nur für Top-Performer!“

Leni lachte. Bitter. „Top-Performer. Ich liefere Essen, rette mir den Rücken kaputt und wohne am Rand meiner Möglichkeiten.“

„Performance ist relativ“, sagte Jamal. „Moral leider nicht.“

Leni sah sich um. Die Kratzer an der Wand. Der wackelige Tisch. Das Fenster, das nicht richtig schloss.

„Ich liebe diese Wohnung“, sagte sie. „Aber Liebe schützt nicht vor Kündigungen.“

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Leni: „Wenn ich irgendwann gehen muss…“

„Dann gehen wir nicht leise“, sagte Jamal.

Keks bellte zustimmend.

Und während draußen Immobilienanzeigen von urbanem Lebensgefühl sprachen, verstanden sie drinnen etwas sehr Einfaches:

Ein Zuhause ist kein Trend. Es ist die Grundlage von allem.

Und wer Menschen diese Grundlage nimmt, darf sich nicht wundern, wenn sie anfangen, Fragen zu stellen.