Die unsichtbare Pausenklingel

Teil 1: Das Geräusch aus dem Nichts

An der Grundschule Sonnenhang war eigentlich alles ganz normal. Fast alles.

Es gab Frau Sommer, die immer zwei verschiedene Socken trug. Es gab Hausmeister Bruno, der behauptete, mit seinem Besen sprechen zu können. Und es gab die berühmte Pausenklingel.

Die war so laut, dass sogar die Tauben auf dem Schuldach jedes Mal erschrocken losflatterten.

Doch an diesem Montag war etwas anders.

Mitten im Matheunterricht – gerade als Emil versuchte herauszufinden, warum sieben mal acht niemals fünfundfünfzig sein konnte – ertönte plötzlich die Klingel.

RRRIIING!

Die ganze Klasse sprang auf.

„Pause!“, rief Leo begeistert.

„Hinsetzen!“, rief Frau Sommer gleichzeitig.

Alle erstarrten.

Denn direkt nach dem Klingeln sagte Frau Sommer langsam: „Die Pausenklingel kann gar nicht geläutet haben.“

„Warum nicht?“, fragte Mila.

Frau Sommer zeigte auf die Uhr. „Weil es erst neun Uhr dreiundzwanzig ist. Pause ist erst um halb zehn.“

Die Klasse setzte sich murmelnd wieder hin.

Da klingelte es erneut.

RRRIIING!

Diesmal lauter. Diesmal länger. Diesmal irgendwie… kichernd.

Emil runzelte die Stirn. „Kann eine Klingel kichern?“

„Nein“, sagte Frau Sommer. Dann überlegte sie kurz. „Zumindest hoffe ich das.“

Hausmeister Bruno wurde geholt. Er kam mit seinem Werkzeugkasten, seiner Mütze und seinem Besen Herbert.

„Wo ist das Problem?“, fragte er.

„Die Klingel läutet ohne Grund“, erklärte Frau Sommer.

Bruno nickte ernst. Dann hielt er sein Ohr an die Wand. Dann an die Tür. Dann an seinen Besen.

„Interessant“, murmelte er.

„Was ist interessant?“, fragte die Klasse gleichzeitig.

Bruno sah sich geheimnisvoll um. „Die große Pausenklingel im Flur ist verschwunden.“

Stille.

„Verschwunden?“, fragte Mila. „Also… weg weg?“

Bruno nickte. „Weg weg.“

Leo hob die Hand. „Aber wenn sie weg ist… wer klingelt dann?“

Genau in diesem Moment ertönte das Geräusch wieder. Diesmal direkt über ihren Köpfen.

RRRIIING!

Alle duckten sich.

Und an der Tafel erschien wie von Geisterhand ein Satz in weißer Kreide:

ICH BIN NOCH DA.