Der Schlüssel vom alten Bahnhof

Teil 1

Der alte Bahnhof lag schon seit Jahren still.

Früher fuhren hier jeden Tag Züge. Menschen stiegen ein, stiegen aus, verabschiedeten sich, kamen zurück. Doch inzwischen war alles anders. Die Schienen waren rostig, das Bahnhofsgebäude halb verfallen, und die Uhr über dem Eingang blieb seit langer Zeit immer auf 14:37 stehen.

Jonas kannte diesen Ort schon sein ganzes Leben.

Er wohnte mit seiner Mutter nur wenige Straßen entfernt. Als kleines Kind war er oft mit ihr hier gewesen, wenn sie jemanden abholen musste. Damals hatte er es spannend gefunden, die vielen Menschen zu beobachten. Heute war es still. Zu still.

„Geh da nicht hin“, hatte seine Mutter immer gesagt. „Da ist nichts mehr.“

Aber genau das glaubte Jonas nicht.

An diesem Nachmittag stand er wieder vor dem alten Zaun. Er war inzwischen so verrostet, dass einige Stangen fehlten. Man konnte einfach hindurchschlüpfen.

Jonas zögerte kurz.

Dann tat er es.

Der Kies knirschte unter seinen Schuhen, als er langsam über das Gelände ging. Es roch nach feuchtem Holz, Staub und ein wenig nach Öl. Der Wind bewegte ein loses Blechstück am Dach, das in unregelmäßigen Abständen klapperte.

„Nur kurz schauen“, murmelte Jonas leise.

Er wusste selbst nicht genau, warum er hier war. Vielleicht aus Langeweile. Vielleicht, weil er spüren wollte, dass es noch Orte gab, die nicht komplett durchgeplant waren.

Die Eingangstür des Bahnhofs stand einen Spalt offen.

Das war neu.

Jonas blieb stehen und sah sich um. Niemand war da. Keine Schritte, keine Stimmen. Nur der Wind.

Langsam drückte er die Tür weiter auf.

Sie quietschte laut.

Drinnen war es dunkler als erwartet. Das Licht fiel nur durch einige kaputte Fenster. Staub lag überall auf dem Boden, und an den Wänden hingen alte, verblasste Fahrpläne.

Jonas ging vorsichtig hinein.

Der Raum war größer, als er ihn in Erinnerung hatte. Links war früher der Fahrkartenschalter gewesen. Jetzt war das Glas gesprungen, und dahinter lagen verstreute Papiere.

Er trat näher.

Auf einem der Zettel stand noch eine Uhrzeit:

14:37 – Gleis 2

Jonas runzelte die Stirn.

Die Uhr draußen…

Sie zeigte doch genau diese Zeit.

Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.

„Zufall“, sagte er leise.

Doch seine Stimme klang nicht besonders überzeugt.

Plötzlich hörte er ein Geräusch.

Ein dumpfes Klacken.

Jonas fuhr herum.

Es kam aus dem hinteren Teil des Gebäudes, dort, wo früher die Büros gewesen waren.

Er hielt den Atem an.

Wieder dieses Geräusch.

Klack.

Diesmal etwas lauter.

Jonas wusste genau, dass er jetzt eigentlich gehen sollte. Jeder normale Mensch wäre gegangen.

Aber er blieb.

Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen und ging den schmalen Flur entlang. Der Boden knarrte bei jedem Schritt.

Am Ende des Flurs war eine halb offene Tür.

Dahinter war es fast komplett dunkel.

Jonas schob die Tür vorsichtig auf.

Der Raum dahinter war klein. Vielleicht ein Büro gewesen. Ein alter Schreibtisch stand in der Mitte, daneben ein umgekippter Stuhl.

Und auf dem Tisch lag etwas.

Ein einzelner Schlüssel.

Er war aus Metall, etwas angelaufen, aber deutlich zu erkennen. An ihm hing ein kleines Schild.

Jonas trat näher.

Sein Herz schlug schneller.

Er beugte sich vor und las die Aufschrift.

Gleis 2 – Wartung

Im selben Moment hörte er draußen ein Geräusch.

Ein tiefes, fernes Dröhnen.

Wie ein Zug.

Jonas erstarrte.

Das konnte nicht sein.

Hier fuhr seit Jahren kein Zug mehr.

Das Dröhnen wurde lauter.

Ganz langsam drehte er sich zur Tür.

Und ohne genau zu wissen warum, griff er nach dem Schlüssel.