Jonas hielt den Schlüssel fest in der Hand.
Das Dröhnen draußen war jetzt deutlich zu hören. Es vibrierte leicht im Boden, als würde sich tatsächlich etwas Großes nähern.
„Das kann nicht sein…“, flüsterte er.
Sein Blick wanderte zur Tür. Für einen Moment überlegte er, den Schlüssel einfach zurückzulegen und wegzurennen. So zu tun, als wäre er nie hier gewesen.
Doch stattdessen steckte er den Schlüssel in seine Jackentasche.
Und lief los.
Er rannte durch den Flur zurück in die große Eingangshalle. Staub wirbelte hinter ihm auf, als er über den Boden hastete. Die Tür nach draußen stand noch offen.
Als er hinaustrat, traf ihn kalte Luft.
Und das Geräusch war jetzt nicht mehr zu überhören.
Ein Zug.
Jonas blieb wie angewurzelt stehen.
Auf den rostigen Gleisen bewegte sich tatsächlich etwas. Langsam, aber eindeutig. Ein Zug schob sich aus dem Nebel, der sich plötzlich über die Strecke gelegt hatte.
Er sah alt aus. Viel älter als alles, was Jonas je gesehen hatte. Die Farbe war verblasst, an einigen Stellen abgeblättert. Die Fenster waren dunkel, fast schwarz.
Und er fuhr direkt auf Gleis 2 zu.
Die Uhr über dem Eingang zeigte noch immer 14:37.
Jonas’ Herz raste.
„Das… das ist unmöglich…“
Doch der Zug wurde langsamer.
Und dann…
blieb er stehen.
Direkt vor dem alten Bahnsteig.
Genau dort, wo früher die Menschen gewartet hatten.
Für einen Moment passierte gar nichts.
Kein Türöffnen. Kein Aussteigen. Keine Stimme.
Nur Stille.
Dann klickte es.
Eine der Türen sprang auf.
Langsam.
Quietschen.
Jonas trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
„Nein…“, murmelte er. „Da steig ich sicher nicht ein.“
Doch obwohl er es sagte, bewegte er sich nicht weg.
Sein Blick blieb an der offenen Tür hängen.
Es war, als würde der Zug auf ihn warten.
Ein Windstoß ging über den Bahnsteig. Ein lose herumliegendes Stück Papier wehte an Jonas vorbei und blieb direkt vor seinen Füßen liegen.
Er sah nach unten.
Es war einer der alten Fahrpläne aus dem Gebäude.
Doch etwas hatte sich verändert.
Die Schrift war klarer als vorher. Nicht verblasst, sondern neu. Als wäre sie gerade erst gedruckt worden.
Und ganz oben stand:
14:37 – Sonderfahrt
Darunter nur ein einziges Ziel.
Jonas schluckte.
Endstation: Stillgelegt
„Das ist nicht witzig…“, sagte er leise.
Aber es war niemand da, der hätte lachen können.
Der Wind legte sich.
Der Zug stand regungslos da.
Und dann hörte Jonas eine Stimme.
Leise. Direkt hinter sich.
„Du hast den Schlüssel genommen.“
Jonas fuhr herum.
Niemand.
Der Bahnsteig war leer.
„Hallo?“
Keine Antwort.
Er drehte sich wieder zum Zug.
Und erstarrte.
In der offenen Tür stand jetzt jemand.
Ein Mann.
Er trug eine alte Uniform, wie man sie vielleicht früher bei der Bahn getragen hatte. Dunkle Jacke, Mütze, alles etwas abgenutzt.
Sein Gesicht war schwer zu erkennen, weil das Licht von hinten kam.
Aber seine Haltung war eindeutig.
Er wartete.
Auf Jonas.
„Ich… ich wollte nur schauen“, stammelte Jonas.
Der Mann sagte nichts.
Stattdessen hob er langsam die Hand und deutete auf Jonas’ Jackentasche.
Auf den Schlüssel.
Jonas spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
„Der… der lag einfach da…“
Wieder keine Antwort.
Nur diese ruhige, unbewegliche Gestalt in der Tür.
Dann sprach der Mann endlich.
„Dann gehört er jetzt dir.“
Jonas’ Kopf schoss nach oben.
„Was?“
Der Mann trat einen Schritt näher. Seine Stimme war ruhig, aber sie klang… falsch. Als würde sie aus einer anderen Zeit kommen.
„Und wer den Schlüssel hat…“
Er machte eine kurze Pause.
„…muss die Fahrt beenden.“
Jonas spürte, wie ihm kalt wurde.
„Ich fahr nirgendwohin.“
Der Mann lächelte leicht.
Zum ersten Mal sah Jonas sein Gesicht klarer.
Und wünschte sich sofort, er hätte es nicht getan.
Die Augen wirkten leer.
Fast wie Glas.
„Das entscheidet nicht der Fahrgast“, sagte der Mann leise.
Dann trat er zur Seite.
Und gab den Weg frei in den Zug.
Hinter ihm war es dunkel.
Zu dunkel.
Jonas’ Hand griff automatisch in seine Tasche.
Der Schlüssel fühlte sich plötzlich warm an.
Fast… als würde er pulsieren.
Und bevor Jonas überhaupt richtig verstand, was gerade passierte, setzte sich sein Fuß langsam in Bewegung.
Direkt auf die offene Tür zu.