Jonas merkte erst, dass er sich bewegte, als er schon fast an der Zugtür angekommen war.
„Stopp“, sagte er laut zu sich selbst.
Er blieb stehen.
Nur noch ein Schritt trennte ihn von der Einstiegskante.
Der Mann in der Uniform beobachtete ihn ruhig. Kein Drängen, kein Zwang. Das machte es nur schlimmer.
„Ich muss gar nichts“, sagte Jonas, diesmal fester.
Sein Herz schlug bis zum Hals, aber er zwang sich, einen Schritt zurückzugehen.
Und noch einen.
Der Mann reagierte nicht.
Er stand einfach da.
Dann nickte er langsam.
„Gut“, sagte er ruhig. „Dann geh.“
Jonas zögerte.
Das war zu einfach.
„Einfach… gehen?“
„Natürlich“, antwortete der Mann. „Der Bahnhof ist doch stillgelegt.“
Seine Stimme klang plötzlich fast normal.
Fast.
Jonas drehte sich vorsichtig um.
Der Weg zurück zum Zaun lag vor ihm. Nur ein paar Schritte über den Bahnsteig, dann durch das Gebäude, und er wäre wieder draußen.
Alles sah genauso aus wie vorher.
Und doch…
irgendetwas stimmte nicht.
Die Luft war kälter geworden. Die Farben wirkten blasser. Selbst das Licht hatte sich verändert.
Jonas ging los.
Langsam zuerst, dann schneller.
Er wollte einfach nur weg.
Als er die Tür zum Gebäude erreichte, drückte er sie auf –
und blieb abrupt stehen.
Der Raum dahinter war nicht mehr derselbe.
Die alte Halle war verschwunden.
Stattdessen stand er in einem sauberen, hellen Bahnhofsgebäude. Die Wände waren frisch gestrichen, der Boden glänzte, und irgendwo hörte man Stimmen.
Viele Stimmen.
Jonas trat vorsichtig hinein.
Menschen liefen an ihm vorbei. Familien, Reisende mit Koffern, Kinder, die lachten. Alles wirkte… lebendig.
„Was…?“
Er drehte sich um.
Hinter ihm war keine kaputte Tür mehr.
Sondern eine ganz normale Eingangstür mit Glas.
Darüber hing eine funktionierende Uhr.
Sie zeigte:
14:37
Genau wie draußen.
Jonas’ Atem ging schneller.
„Das ist nicht echt… das ist nicht echt…“
Doch alles fühlte sich echt an.
Zu echt.
Ein Mann rempelte ihn leicht an.
„Augen auf, Junge“, sagte er genervt und ging weiter.
Jonas starrte ihm hinterher.
Er konnte ihn fühlen.
Das war kein Traum.
Langsam drehte Jonas sich wieder Richtung Gleise.
Und da war er.
Der Zug.
Aber jetzt sah er anders aus.
Sauber. Neu. Die Farbe glänzte. Die Fenster waren klar.
Menschen standen davor und warteten auf den Einstieg.
Als wäre es ein ganz normaler Zug.
Niemand wirkte überrascht.
Niemand wirkte verängstigt.
Nur Jonas.
„Das ergibt keinen Sinn…“
Er griff in seine Jackentasche.
Der Schlüssel war noch da.
Und jetzt fühlte er sich heiß an.
Jonas zog ihn heraus.
Das kleine Schild hing noch daran:
Gleis 2 – Wartung
Doch darunter war jetzt ein zweiter Schriftzug erschienen.
Ganz klein.
Als wäre er gerade erst hinzugefügt worden.
Nur für Personal
„Personal?“ murmelte Jonas.
In diesem Moment ertönte eine Durchsage.
Klar und deutlich.
„Sonderfahrt um 14:37 auf Gleis 2. Einstieg beginnt jetzt.“
Die Menschen um ihn herum begannen sich zu bewegen.
Sie stellten sich an.
Ganz ruhig.
Ganz normal.
Als wäre nichts Besonderes daran.
Jonas trat einen Schritt zurück.
Dann noch einen.
„Nein… das ist falsch…“
Plötzlich stand jemand neben ihm.
Er zuckte zusammen.
Es war wieder der Mann in der Uniform.
Nur… jetzt sah er anders aus.
Lebendiger.
Seine Augen wirkten normal. Sein Gesicht war klar zu erkennen.
„Jetzt verstehst du es besser“, sagte der Mann ruhig.
Jonas schüttelte den Kopf.
„Nein. Gar nicht.“
Der Mann sah auf den Schlüssel in Jonas’ Hand.
„Der Bahnhof ist nicht stillgelegt.“
„Aber er ist doch—“
„Für die meisten schon“, unterbrach ihn der Mann.
„Für dich nicht mehr.“
Jonas spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen wegzurutschen drohte.
„Was soll das heißen?“
Der Mann zeigte auf den Zug.
„Manche Fahrten hört man erst… wenn man bereit ist.“
Jonas schluckte.
„Und ich soll jetzt einfach einsteigen?“
Der Mann sah ihn direkt an.
„Du hast den Schlüssel genommen.“
Wieder dieser Satz.
Und diesmal klang er endgültig.
Die Menschen stiegen bereits ein. Einer nach dem anderen. Ruhig. Ohne Hektik.
Die Tür stand noch offen.
Der Mann trat einen Schritt zurück.
Und machte erneut Platz.
„Letzte Möglichkeit“, sagte er.
„Entweder du steigst ein…“
Er machte eine kurze Pause.
„…oder du bleibst hier.“
Jonas sah sich um.
Der Bahnhof wirkte plötzlich enger.
Die Geräusche dumpfer.
Und irgendwo, ganz leise, hörte er wieder dieses Flüstern.
Nicht rückwärts.
Sondern ganz klar.
„Entscheide dich.“
Jonas sah auf den Schlüssel.
Dann auf den Zug.
Dann auf die offene Tür.
Und dieses Mal…
ging er nicht zurück.