Der Schlüssel vom alten Bahnhof

Teil 4

Jonas setzte den Fuß auf die erste Stufe des Zuges.

In dem Moment, in dem seine Schuhsohle das Metall berührte, durchzog ihn ein leichtes Kribbeln. Nicht schmerzhaft, aber deutlich. Als würde er eine Grenze überschreiten, die er eigentlich nicht sehen konnte.

Er hielt kurz inne.

Hinter ihm lief der Bahnhof weiter wie zuvor. Stimmen, Schritte, das leise Rollen von Koffern. Alles normal.

Vor ihm lag der Zug.

Dunkel.

Still.

Er drehte den Kopf leicht zur Seite. Der Mann in der Uniform stand noch immer neben der Tür. Diesmal sagte er nichts. Er beobachtete Jonas nur.

Dann nickte er ein einziges Mal.

Jonas atmete tief ein.

Und stieg ein.

Drinnen war es kühler als draußen. Die Luft roch nach Metall, aber auch nach etwas anderem. Etwas, das Jonas nicht sofort zuordnen konnte. Vielleicht altes Holz. Vielleicht Staub. Vielleicht… Zeit.

Der Gang war schmal. Auf beiden Seiten waren Abteile, deren Türen halb offen standen. In einigen saßen Menschen. Still. Fast regungslos.

Jonas ging langsam den Gang entlang.

Er sah sich die Fahrgäste genauer an.

Ein älterer Mann mit Hut starrte aus dem Fenster. Eine Frau hielt eine Tasche fest umklammert, als würde sie sie nicht loslassen wollen. Ein Junge, vielleicht ein bisschen jünger als Jonas, saß mit verschränkten Armen da und blickte auf den Boden.

Keiner sprach.

Keiner sah ihn an.

Es war, als wäre er gar nicht da.

„Okay…“, murmelte Jonas leise. „Ganz normaler Zug… klar…“

Seine Stimme klang gedämpft, fast verschluckt.

Er ging weiter.

Am Ende des Wagens hing eine kleine Tafel an der Wand.

Abteil 2 – Personal

Jonas blieb stehen.

Sein Blick wanderte automatisch zu dem Schlüssel in seiner Hand.

Gleis 2.

Wartung.

Nur für Personal.

„Das ist kein Zufall“, sagte er leise.

Langsam griff er nach der Klinke.

Die Tür war abgeschlossen.

Natürlich.

Jonas zögerte.

Dann steckte er den Schlüssel ins Schloss.

Er passte.

Ein leises Klicken.

Die Tür sprang auf.

Der Raum dahinter war anders als die anderen Abteile.

Kein Sitzplatz, keine Fensterreihe wie sonst. Stattdessen stand in der Mitte ein alter Schreibtisch. Darauf lagen mehrere Ordner, ein Telefon und eine kleine Lampe, die flackerte.

Die Wände waren mit Plänen und Listen bedeckt.

Jonas trat ein.

Die Tür fiel hinter ihm zu.

Er zuckte zusammen.

„Super“, murmelte er. „Ganz ruhig bleiben.“

Er trat näher an den Schreibtisch.

Auf einem der Ordner stand:

Fahrtenprotokoll

Jonas schlug ihn vorsichtig auf.

Die Seiten waren voll mit Einträgen.

Datum. Uhrzeit. Namen.

Viele Namen.

Einige waren durchgestrichen.

Andere waren mit einem kleinen Häkchen versehen.

Jonas blätterte weiter.

Die Einträge wurden immer neuer.

Und dann blieb er plötzlich hängen.

Sein Herz setzte einen Schlag aus.

Dort stand:

14:37 – Jonas Weber

Sein eigener Name.

Ganz frisch geschrieben.

Die Tinte war noch nicht einmal ganz trocken.

„Nein…“, flüsterte er.

Seine Hände begannen zu zittern.

„Das… das geht nicht…“

Langsam sah er sich weiter im Raum um.

Neben dem Ordner lag ein kleiner Zettel.

Darauf stand:

Aufgabe offen

Darunter nur ein Satz:

Fahrt beenden

Jonas starrte auf die Worte.

„Was heißt das überhaupt?“

In diesem Moment setzte sich der Zug in Bewegung.

Ganz langsam zuerst.

Dann schneller.

Jonas verlor fast das Gleichgewicht und musste sich am Tisch festhalten.

„Nein, nein, nein…!“

Er rannte zur Tür und riss sie auf.

Der Gang draußen war jetzt leer.

Die Abteile standen offen.

Aber die Menschen…

waren verschwunden.

Jonas’ Atem ging schneller.

„Wo sind die hin?“

Er lief zum nächsten Abteil.

Leer.

Zum nächsten.

Auch leer.

Der ganze Wagen war plötzlich verlassen.

Nur der Zug bewegte sich weiter.

Schneller jetzt.

Und draußen vor den Fenstern…

war nichts mehr zu sehen.

Kein Bahnhof.

Keine Gleise.

Nur Dunkelheit.

Jonas blieb mitten im Gang stehen.

Sein Herz hämmerte.

Dann hörte er Schritte hinter sich.

Langsam.

Ruhig.

Er drehte sich um.

Der Mann in der Uniform stand wieder da.

Diesmal direkt vor ihm.

„Du bist jetzt eingestiegen“, sagte er ruhig.

Jonas schluckte.

„Was passiert hier?“

Der Mann sah ihn an.

Und zum ersten Mal wirkte er… ernst.

„Jetzt beginnt die Fahrt wirklich.“