Jonas stand vor der Glastür und bewegte sich nicht.
Draußen lag sein Zuhause. Ruhig, vertraut, sicher. Genau so, wie er es jeden Tag kannte.
Ein paar Schritte, und er wäre wieder dort.
Kein Zug. Kein Schlüssel. Kein Mann mit leerem Blick.
Einfach normal.
Seine Hand lag noch immer auf dem Schlüssel in seiner Tasche.
Er spürte die Wärme.
Das leichte Pulsieren.
„Ich könnte einfach gehen…“, murmelte er.
Der Mann neben ihm sagte nichts.
Er wartete.
Genau wie vorher.
Jonas trat einen kleinen Schritt nach vorne.
Ganz langsam hob er die Hand und legte sie an die Klinke der Glastür.
Das Metall war kühl.
Ein klarer Gegensatz zum Schlüssel.
Er atmete tief ein.
Dann…
ließ er die Klinke wieder los.
Er trat einen Schritt zurück.
„Nein“, sagte er leise.
Der Mann hob leicht den Kopf.
„Bist du sicher?“
Jonas nickte.
„Wenn ich jetzt gehe, bleibt alles ungeklärt.“
Er sah direkt auf den Zugboden.
„Und irgendwas sagt mir, dass das keine gute Idee ist.“
Zum ersten Mal veränderte sich der Ausdruck im Gesicht des Mannes deutlich.
Nicht viel.
Aber genug, dass Jonas es bemerkte.
Es war… Zustimmung.
„Dann bleibst du“, sagte der Mann ruhig.
In dem Moment, in dem Jonas nickte, geschah etwas.
Das Bild hinter der Glastür begann zu flackern.
Sein Zuhause wurde unscharf. Die Farben verschwammen. Die Konturen lösten sich auf.
Innerhalb von Sekunden war alles verschwunden.
Zurück blieb nur… Dunkelheit.
Jonas schluckte.
„Also… zurück gibt’s nicht mehr, oder?“
Der Mann antwortete ruhig:
„Nicht auf diesem Weg.“
Jonas drehte sich langsam um.
Der Gang wirkte jetzt länger als zuvor. Und kälter.
„Und jetzt?“
Der Mann ging an ihm vorbei.
„Jetzt wird es schwieriger.“
Jonas folgte ihm zurück zum Personalabteil.
Im Raum hatte sich etwas verändert.
Der Ordner lag noch auf dem Tisch.
Aber daneben war jetzt ein zweiter Zettel aufgetaucht.
Frisch.
Als wäre er gerade erst dort hingelegt worden.
Jonas trat näher.
Darauf stand:
Station 1: Verpasst
Darunter:
Konsequenz aktiv
Jonas sah den Mann an.
„Das klingt nicht gut.“
„Ist es auch nicht“, antwortete der ruhig.
„Was bedeutet das konkret?“
Der Mann zeigte auf den Ordner.
„Schau selbst.“
Jonas schlug die Seite mit seinem Namen auf.
Jetzt stand dort mehr.
14:37 – Jonas Weber – weitergefahren
Darunter in kleinerer Schrift:
Station 1 ausgelassen
Jonas spürte, wie sich ein unangenehmes Gefühl in seinem Bauch ausbreitete.
„Und was heißt das jetzt?“
Der Mann sah ihn an.
„Der Zug wird sich anpassen.“
„Anpassen?“
Der Mann nickte leicht.
„Je länger du bleibst, desto weniger Möglichkeiten bleiben dir.“
Jonas runzelte die Stirn.
„Das heißt, es wird… schwerer?“
„Ja.“
Ein kurzer Moment der Stille.
Dann begann das Licht wieder zu flackern.
Stärker diesmal.
Der Zug ruckelte leicht.
Ein tiefes Geräusch ging durch den Wagen.
Wie Metall, das sich unter Spannung verbiegt.
Jonas sah zur Tür.
„Was passiert jetzt schon wieder?“
Der Mann antwortete sofort:
„Station 2 kommt.“
Jonas’ Puls beschleunigte sich.
„Und was ist diesmal?“
Der Mann ging zur Tür.
„Diesmal wird es nicht so einfach.“
Er öffnete sie.
Der Gang war wieder verändert.
Die Wände wirkten dunkler. Die Türen waren nicht mehr halb offen, sondern geschlossen.
Ganz am Ende des Wagens war wieder eine Tür.
Aber diesmal war sie nicht aus Glas.
Sondern aus Metall.
Und sie war verschlossen.
Ein kleines Schloss war daran befestigt.
Jonas sah darauf.
Dann auf den Schlüssel in seiner Hand.
„Natürlich…“
Der Mann trat zur Seite.
„Du bist dran.“
Jonas ging langsam den Gang entlang.
Jeder Schritt hallte leise.
Die Luft fühlte sich schwerer an.
Unruhiger.
Als würde der Zug selbst beobachten, was er tat.
Als er die Tür erreichte, blieb er stehen.
Er legte die Hand auf das Schloss.
Dann sah er zurück zum Mann.
„Und was ist dahinter?“
Der Mann antwortete diesmal nicht sofort.
Dann sagte er ruhig:
„Etwas, das du kennst.“
Jonas’ Herz schlug schneller.
„Und?“
Der Mann sah ihn fest an.
„Etwas, das du vermeiden wolltest.“
Jonas schluckte.
Seine Hand zitterte leicht, als er den Schlüssel ansetzte.
„Super…“, murmelte er.
Ein leises Klicken.
Das Schloss sprang auf.
Jonas legte die Hand an die Tür.
Atmete tief ein.
Und drückte sie langsam auf.