Die Uhr über der Tafel tickte laut.
Jede Sekunde klang wie ein Schlag.
Jonas starrte auf den Test vor sich.
Die Aufgaben wirkten kompliziert. Zahlen, Formeln, alles durcheinander. Genau das, wovor er sich gedrückt hatte.
Seine Hand lag auf dem Stift.
Er konnte ihn jederzeit loslassen.
Einfach aufstehen.
Einfach gehen.
Genau wie damals.
Die Tür war noch da.
Ganz normal.
Nur ein paar Schritte entfernt.
„Du musst dich entscheiden“, sagte Herr Becker ruhig.
Jonas hob den Blick.
„Und wenn ich es nicht schaffe?“
Der Lehrer zuckte leicht mit den Schultern.
„Dann hast du es wenigstens versucht.“
Die Antwort traf Jonas mehr, als er erwartet hatte.
Er sah wieder auf das Blatt.
Sein Kopf war leer.
Keine Lösung.
Keine Idee.
Nur dieses unangenehme Gefühl.
Die Stimmen seiner Mitschüler wurden wieder leiser hörbar.
„Der kann das eh nicht…“
„Wieder Ausrede…“
„Der geht gleich sowieso…“
Jonas ballte die Hand.
„Hört auf…“
Doch diesmal klang seine Stimme fester.
Er sah zur Tür.
Dann wieder auf den Test.
Dann griff er den Stift richtig.
„Egal“, murmelte er. „Dann mach ich’s halt falsch.“
Und er begann zu schreiben.
Langsam.
Unsicher.
Aber er schrieb.
Die erste Aufgabe.
Ein Rechenweg, der vielleicht nicht ganz stimmte.
Die zweite Aufgabe.
Er musste überlegen. Zweimal ansetzen. Einmal durchstreichen.
Aber er blieb sitzen.
Die Uhr tickte weiter.
Doch sie klang jetzt anders.
Weniger bedrohlich.
Eher… normal.
Die Stimmen im Raum wurden leiser.
Immer leiser.
Bis sie ganz verstummten.
Jonas merkte es kaum.
Er war zu sehr auf das Blatt konzentriert.
Auf einmal fühlte sich alles… ruhiger an.
Er verstand die Aufgaben nicht perfekt.
Aber genug, um weiterzumachen.
Schritt für Schritt.
Als er die letzte Aufgabe erreicht hatte, hielt er kurz inne.
Sein Herz schlug noch immer schnell.
Aber nicht mehr aus Angst.
Sondern aus Anspannung.
Er setzte den Stift an.
Und schrieb.
Dann legte er ihn langsam zur Seite.
Stille.
Die Uhr hörte auf zu ticken.
Jonas sah auf.
Der Raum hatte sich verändert.
Seine Mitschüler waren verschwunden.
Die Tische leer.
Nur Herr Becker stand noch da.
Er sah Jonas an.
Und nickte.
„Das reicht“, sagte er ruhig.
Jonas schluckte.
„Auch wenn’s falsch ist?“
Der Lehrer antwortete:
„Darum ging es nie.“
Jonas verstand.
Langsam stand er auf.
Die Tür am Ende des Raumes öffnete sich von selbst.
Helles Licht fiel hinein.
Diesmal zögerte Jonas nicht.
Er ging darauf zu.
Und trat hindurch.
Im nächsten Moment stand er wieder im Zug.
Im Gang.
Die Luft war anders.
Leichter.
Wärmer.
Jonas atmete tief ein.
Der Mann in der Uniform stand ein paar Schritte entfernt.
Er sah Jonas an.
Und diesmal war sein Blick deutlich… zufriedener.
„Du bist geblieben“, sagte er.
Jonas nickte.
„War keine gute Idee, aber…“
„Doch“, unterbrach ihn der Mann ruhig.
„War es.“
Jonas runzelte die Stirn.
„Und jetzt?“
Der Mann deutete zurück zum Personalabteil.
„Schau nach.“
Jonas ging hinein.
Der Ordner lag noch da.
Er schlug ihn auf.
Sein Eintrag hatte sich verändert.
14:37 – Jonas Weber – weitergefahren
Darunter stand jetzt:
Station 1 ausgelassen
Station 2 bestanden
Jonas starrte darauf.
Ein kleines Gefühl von… Erleichterung breitete sich aus.
Dann fiel sein Blick auf den Zettel daneben.
Er hatte sich wieder geändert.
Nächste Station aktiv
Darunter stand diesmal:
Schwierigkeit erhöht
Jonas seufzte leise.
„War ja klar…“
In diesem Moment begann der Zug erneut zu vibrieren.
Stärker als zuvor.
Das Licht flackerte wieder.
Diesmal länger.
Die Temperatur fiel spürbar ab.
Jonas sah zur Tür.
„Ich hab so das Gefühl…“
Der Mann nickte.
„Ja.“
Jonas schluckte.
„Das wird nicht angenehmer, oder?“
Der Mann sah ihn ruhig an.
„Nein.“
Am Ende des Ganges erschien wieder eine Tür.
Dieses Mal…
war sie bereits einen Spalt geöffnet.
Und dahinter war kein helles Licht.
Sondern Schatten.
Und Stimmen.
Mehrere.
Lauter als zuvor.
Jonas’ Griff um den Schlüssel wurde fester.
Und diesmal wusste er schon vorher:
Das hier… wird schlimmer.