Die verrückte Lieferung

Teil 1 – Der Kühlschrank mit den Geheimnissen

Im Jahr 2100 war fast alles ein bisschen bequemer geworden. Autos flogen zwar noch immer nicht richtig, aber sie konnten wenigstens selbst einparken, Schlaglöcher umfahren und schlechte Musik ablehnen. Häuser putzten sich alleine, Kühlschränke bestellten Essen automatisch nach und Roboter erledigten die langweiligen Arbeiten.

Trotzdem gab es noch immer dieselben Probleme wie früher: Menschen verschliefen morgens, Kinder hatten keine Lust auf Schule und Nachbarn stritten sich darüber, wer seinen Müll zu lange im Hausflur stehen ließ.

In der Stadt Neu-Stuttgart lebte der zwölfjährige Lio gemeinsam mit seiner Mutter und seinem kleinen Haushaltsroboter „Keks-7“. Eigentlich hieß der Roboter nur „K7“, aber weil er einmal aus Versehen fünfundvierzig Packungen Schokokekse bestellt hatte, nannte ihn seitdem jeder nur noch Keks.

Keks war ungefähr so groß wie ein Staubsauger, hatte zwei dünne Arme und ein rundes Display als Gesicht. Wenn er gute Laune hatte, erschienen dort grüne Augen. Wenn er beleidigt war, zeigte das Display eine Kartoffel.

„Lio!“, rief Keks durch die Wohnung. „Dein Frühstück wartet bereits seit acht Minuten und dreißig Sekunden. Die optimale Knusprigkeit der Brötchen sinkt dramatisch!“

Lio zog sich die Decke über den Kopf.

„Dann iss du sie doch.“

„Das wäre Diebstahl“, antwortete Keks streng. „Außerdem besitze ich keinen Magen. Das wurde bereits 428 Mal besprochen.“

Lio setzte sich langsam auf. Draußen glitten Lieferdrohnen zwischen den Hochhäusern hindurch. Riesige Werbebildschirme zeigten lächelnde Menschen mit perfekten Frisuren und noch perfekteren Zähnen. Über der Stadt schwebte die Magnetschwebebahn lautlos vorbei.

Eigentlich mochte Lio das Jahr 2100. Nur die Schule nervte ihn. Dort mussten die Schüler noch immer Aufsätze schreiben, obwohl inzwischen jede zweite Kaffeemaschine bessere Texte formulieren konnte als die meisten Erwachsenen.

Während Lio Richtung Küche schlurfte, hörte man plötzlich ein lautes KRACH-WUMM-ZISCH aus dem Hausflur.

Keks erschrak so sehr, dass sein Display für eine Sekunde eine Gurke zeigte.

„Unbekanntes Geräusch erkannt“, sagte er. „Wahrscheinlichkeit für Explosion: zwölf Prozent.“

„Nur zwölf?“

„Dreizehn.“

Lio öffnete vorsichtig die Wohnungstür.

Vor der Tür stand ein riesiger Kühlschrank.

Nicht irgendein Kühlschrank. Dieses Ding war fast zwei Meter hoch, dunkelblau lackiert und voller blinkender Anzeigen. An der Seite stand in goldenen Buchstaben:

MEGA-COOL 9000 – Intelligente Ernährungseinheit für höchste Ansprüche

Daneben lag eine kleine Lieferdrohne auf dem Rücken und drehte langsam ihre Rotoren.

„Paket erfolgreich zugestellt“, piepste sie schwach. „Bitte bewerten Sie die Lieferung mit fünf Sternen.“

„Wir haben doch gar keinen Kühlschrank bestellt“, sagte Lio.

Keks leuchtete kurz blau.

„Ich überprüfe unsere Bestellungen der letzten drei Monate.“

Eine Sekunde später erschien auf seinem Display ein großes rotes Kreuz.

„Keine Bestellung gefunden. Allerdings hast du letzte Woche nach Mitternacht im Schlafanzug acht Dosen Käse-Spray bestellt.“

„Das war ein Versehen!“

„Natürlich.“

Der Kühlschrank summte plötzlich laut auf. Seine Türen öffneten sich langsam von alleine.

Lio machte einen Schritt zurück.

Im Inneren war… nichts.

Keine Lebensmittel. Keine Fächer. Kein Eisfach.

Nur ein kleiner Bildschirm an der Rückwand.

Dann erschien Schrift darauf.

GUTEN MORGEN, LIO BERGER.

Lio erstarrte.

„Woher kennt das Ding meinen Namen?“

Keks antwortete nicht sofort.

Sein Display zeigte nun eine sehr nervöse Kartoffel.

Der Bildschirm im Kühlschrank flackerte erneut.

WENN DU DAS LIEST, HABEN SIE MICH GEFUNDEN.

„Wer?“ fragte Lio leise.

Eine Sekunde lang blieb alles still.

Dann wurde draußen im Hausflur plötzlich das Licht rot.

Eine Computerstimme erklang:

„Achtung. Sicherheitsdrohnen im Anflug. Bitte bleiben Sie ruhig.“

Keks sah Lio an.

„Das klingt ausgesprochen unberuhigend.“

Im selben Moment hörte man draußen schwere Metallgeräusche näherkommen.

Und der Kühlschrank sagte:

BITTE VERSTECK MICH.