Die Jagddrohnen schwebten langsam auf den Bahnsteig hinaus. Ihre roten Sensoren tasteten die dunkle Station ab, während ein tiefes Summen durch die Halle vibrierte.
Lio blieb wie angewurzelt stehen. Vor ihnen die seltsame Gruppe mit den Implantaten, hinter ihnen bewaffnete Sicherheitsdrohnen.
„Ich vermisse mein altes Leben“, murmelte er. „Vor zwei Stunden war mein größtes Problem noch Mathe-Hausaufgabe.“
Keks nickte traurig. „Das waren friedliche Zeiten.“
Der große Mann mit dem silbernen Halsimplantat trat langsam näher. Seine Augen wirkten ruhig, aber aufmerksam.
„Wer seid ihr?“ fragte Lio vorsichtig.
Bevor jemand antworten konnte, meldete sich plötzlich eine der Jagddrohnen:
„ALLE PERSONEN BLEIBEN STEHEN. KI-EINHEIT MC-9000 WIRD BESCHLAGNAHMT.“
Die Gruppe auf dem Bahnsteig reagierte erstaunlich gelassen.
Eine Frau mit mechanischem rechten Arm seufzte nur genervt. „Nicht schon wieder diese Blechdosen.“
Dann zog sie aus ihrer Jacke ein kleines rundes Gerät und warf es mitten auf die Gleise.
Es machte nur ein leises Plopp.
Eine Sekunde später fiel plötzlich in der gesamten Station der Strom aus.
Alles wurde schwarz.
„Ähm… war das geplant?!“ rief Lio panisch.
„Teilweise!“, antwortete Pix irgendwo im Dunkeln.
Dann hörte man Metall krachen.
Funken sprühten durch die Finsternis. Irgendjemand schrie. Eine Drohne prallte gegen eine Wand. Keks fuhr offenbar gegen einen Mülleimer, denn plötzlich schepperte es gewaltig.
„ICH HABE ETWAS BESIEGT!“, rief Keks stolz.
„Das war eine Mülltonne“, antwortete Pix.
„Trotzdem Sieg.“
Plötzlich ging das Licht wieder an.
Lio blinzelte überrascht.
Alle drei Jagddrohnen lagen zerstört auf dem Boden. Aus ihren Gehäusen stieg Rauch auf.
Die Gruppe hatte sich kaum bewegt.
Der Mann mit dem Halsimplantat sah die rauchenden Maschinen kurz an. „Billige Verarbeitung.“
Lio starrte ihn an. „Wie habt ihr das gemacht?“
„Stromimpulse“, antwortete die Frau mit dem mechanischen Arm. „Funktioniert bei fast allen Sicherheitsmodellen.“
Pix grinste breit. „Darf ich vorstellen? Das sind die Nullwerker.“
„Die was?“
Der große Mann verschränkte die Arme. „Wir sind Menschen, die genug davon hatten, dass Konzerne und KI-Systeme inzwischen jede Entscheidung kontrollieren.“
„Ihr seid Hacker?“
„Unter anderem.“
Keks flüsterte leise zu Lio: „Das klingt immer illegal.“
„Ist es meistens auch“, antwortete Pix stolz.
Der große Mann trat jetzt direkt vor den Kühlschrank.
„MC-9000. Ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, dich jemals wiederzusehen.“
Der Kühlschrank blinkte kurz. IDENTITÄT BESTÄTIGT: MARA-LEITER EINHEIT.
Lio runzelte die Stirn. „Mara?“
Die Frau mit dem mechanischen Arm hob die Hand. „Hier.“
„Du bist die Leiterin?“
„Leider ja.“
Lio zeigte auf den Kühlschrank. „Kann mir jetzt endlich mal jemand erklären, was hier überhaupt los ist?“
Die Gruppe wurde plötzlich still.
Mara blickte kurz zum Kühlschrank. Dann wieder zu Lio.
„MC-9000 war ursprünglich kein normaler Haushaltsroboter.“
„Das habe ich inzwischen verstanden.“
„Er war Teil eines geheimen Projekts der Firma NexaCore.“
Lio kannte den Namen sofort. NexaCore war der größte Technologiekonzern Europas. Sie bauten alles: Haushaltsroboter, Verkehrssteuerungen, Lern-KIs, Krankenhauscomputer und sogar die Sicherheitsdrohnen der Stadt.
„Und warum jagt NexaCore einen Kühlschrank?“
Mara antwortete diesmal sehr ernst:
„Weil MC-9000 etwas entdeckt hat, das die gesamte Stadt verändern könnte.“
Der Kühlschrank öffnete langsam seine Tür.
Auf seinem inneren Bildschirm erschien plötzlich ein Video.
Man sah riesige Serverräume. Tausende blinkende Computer. Menschen in weißen Arbeitsanzügen.
Dann erschien das Logo von NexaCore.
Darunter stand:
PROJEKT NEUSTART
Lio spürte sofort, dass ihm das Ganze überhaupt nicht gefallen würde.
Und genau in diesem Moment flackerte plötzlich wieder das Licht der Station.
Eine neue Computerstimme erklang:
„MILITÄRISCHE SICHERHEITSEINHEITEN AKTIVIERT.“
Pix wurde kreidebleich.
„Oh nein“, flüsterte er. „Jetzt bekommen wir wirklich ein Problem.“