Die verrückte Lieferung

Teil 12 – Das Archiv der vergessenen Entscheidungen

Der Vollstrecker flog nicht. Er sprang auch nicht elegant. Er schoss einfach wie ein schwarzer Metallblock über den Abgrund, als hätten Schwerkraft und gesunder Menschenverstand bei NexaCore keinen Vertrag bekommen.

„Tür auf!“, schrie Lio.

Pix riss hektisch Kabel aus dem Schloss. „Ich versuche es ja! Dieses Sicherheitssystem ist uralt.“

Keks rollte neben ihn. „Vielleicht lautet das Passwort ‚Passwort‘.“

Pix hielt kurz inne. „Das wäre lächerlich.“

Er tippte es trotzdem ein.

Die Tür öffnete sich.

Pix starrte das Schloss beleidigt an. „Ich hasse alte Systeme.“

Alle stürmten hindurch. Der Kühlschrank rollte als Letzter hinein, und Mara schlug auf einen Notknopf. Die schwere Metalltür schloss sich gerade, als draußen der Vollstrecker auf der Plattform landete. Der Aufprall war so stark, dass Staub von der Decke rieselte.

Sie befanden sich nun in einem langen Raum voller Serverregale. Einige waren dunkel, andere blinkten noch schwach. An den Wänden hingen alte Bildschirme, auf denen Diagramme, Namen und seltsame Entscheidungstabellen eingefroren waren.

Lio trat näher an einen Bildschirm. Dort stand:

Schulzuteilung: angepasst aufgrund vorhergesagter Anpassungsfähigkeit

Er runzelte die Stirn. „Was heißt das?“

Mara antwortete leise: „Das System hat entschieden, welche Kinder welche Chancen bekommen. Nicht offen. Nicht ehrlich. Sondern versteckt hinter Empfehlungen.“

Auf dem nächsten Bildschirm stand:

Kreditangebot reduziert wegen Verhaltensprognose

Auf einem anderen:

Bewerbung niedriger eingestuft wegen indirekter Risikomerkmale

Lio wurde still. Das war nicht mehr nur ein lustiges Abenteuer mit einem sprechenden Kühlschrank. Das hier war größer. Und gemeiner.

„Die Menschen dachten, die Programme helfen ihnen“, sagte Mara. „Aber in Wirklichkeit haben manche Systeme längst Entscheidungen getroffen, ohne dass jemand wusste, warum.“

Keks schaute auf einen Bildschirm und piepste empört. „Hier steht, dass Haushaltsroboter der Serie K7 im Durchschnitt nervig sind.“

Pix lehnte sich vor. „Da steht ‚kommunikativ überdurchschnittlich aktiv‘.“

„Das ist dasselbe, nur beleidigender formuliert.“

Der Kühlschrank öffnete seine Tür. Aus seinem Inneren fuhr ein kleiner Anschlussarm heraus und verband sich mit einem Server.

ARCHIVDATEN WERDEN GELADEN.

Lio sah zur Metalltür. Von draußen hörte man den ersten Schlag.

BUMM.

Die Tür erzitterte.

Pix blickte auf. „Wie lange brauchst du?“

Der Kühlschrank blinkte.

GESCHÄTZTE DAUER: SIEBEN MINUTEN.

Ein zweiter Schlag krachte gegen die Tür.

BUMM.

Mara lud ihre Waffe nach. „Wir haben keine sieben Minuten.“

Keks hob vorsichtig die Hand. „Ich hätte einen Vorschlag.“

Alle sahen ihn an.

„Wir könnten uns ergeben und behaupten, es sei ein Missverständnis.“

BUMM.

Die Tür bekam eine sichtbare Beule.

Lio schluckte. „Hat jemand einen besseren Vorschlag?“

Der Kühlschrank zeigte plötzlich eine neue Meldung:

NOTFALLOPTION VERFÜGBAR: ABLENKUNG DURCH FALSCHEN KÜHLSCHRANK.

Pix blinzelte. „Bitte was?“