Die verrückte Lieferung

Teil 13 – Der falsche Kühlschrank

Der Kühlschrank öffnete seine Tür noch weiter. Aus einem kleinen Fach, das vorher niemand bemerkt hatte, fuhr ein zusammengefaltetes silbernes Paket heraus.

Keks näherte sich vorsichtig. „Ist das Essen?“

NEIN.

„Dann bin ich weniger interessiert.“

Das Paket entfaltete sich mit einem lauten Zischen. Innerhalb weniger Sekunden stand vor ihnen eine aufblasbare Kühlschrank-Attrappe. Sie war silbern, hatte blinkende Lichter und sah auf den ersten Blick erstaunlich echt aus.

Lio starrte sie an. „Warum hast du einen aufblasbaren falschen Kühlschrank dabei?“

Der echte Kühlschrank antwortete ruhig:

PREMIUM-AUSSTATTUNG.

Pix klatschte begeistert mit zwei seiner Greifarme. „Ich nehme alles zurück. Dieser Kühlschrank ist genial.“

Von draußen krachte der nächste Schlag gegen die Tür. Die Beule wurde größer.

Mara zeigte auf eine Seitentür am Ende des Serverraums. „Wenn wir die Attrappe durch den Wartungsgang schicken, folgt der Vollstrecker ihr vielleicht.“

„Vielleicht?“ fragte Lio.

„Mehr haben wir gerade nicht.“

Keks fuhr zur Attrappe und betrachtete sie kritisch. „Sie sieht ihm ähnlich. Aber sie hat weniger Persönlichkeit.“

„Keks“, sagte Lio, „es ist ein Ballon.“

„Genau.“

Pix befestigte schnell einen kleinen Motor unter der Attrappe. Dann klebte er noch einen alten Signalgeber an die Tür.

„Der Vollstrecker sucht nach MC-9000. Wenn dieses Ding kurz dieselbe Kennung sendet, sollte er hinterherlaufen.“

„Und wenn nicht?“ fragte Lio.

Pix zuckte mit den Schultern. „Dann war es ein sehr kurzer Trick.“

Der echte Kühlschrank meldete: ARCHIVDATEN: 24 PROZENT GELADEN.

Ein weiterer Schlag ließ die Metalltür aufreißen. Der Vollstrecker stand draußen im Staub. Seine weiße Sensorfläche glühte hell.

„KI-EINHEIT MC-9000“, sagte er ruhig. „Übergeben Sie die Archivdaten.“

Mara drückte auf den Startknopf.

Die falsche Kühlschrank-Attrappe rollte durch die Seitentür davon. Dabei blinkte sie wild und spielte eine viel zu fröhliche Melodie.

„Ich bin ein geheimer Kühlschrank! Fang mich doch!“, piepste Pix’ Signalgeber.

Lio schlug sich die Hand vors Gesicht. „Das ist der dümmste Plan, den ich je gesehen habe.“

Der Vollstrecker drehte langsam den Kopf zur Seitentür.

Eine Sekunde lang passierte nichts.

Dann rannte er der Attrappe hinterher.

Keks piepste erstaunt. „Ich nehme alles zurück. Das war der erfolgreichste dumme Plan der Geschichte.“

Mara atmete kurz aus. „Weiterarbeiten. Wir haben nicht viel Zeit.“

Der Kühlschrank lud weiter Daten. Auf seinem Display stiegen die Zahlen: 31 Prozent. 39 Prozent. 46 Prozent.

Lio ging zu einem der Bildschirme. Dort sah er eine Liste mit vielen kleinen Entscheidungen, die Menschen nie selbst getroffen hatten: welcher Job vorgeschlagen wurde, welcher Arzttermin verschoben wurde, welche Nachricht jemand zuerst sehen sollte.

„Das sind keine großen Befehle“, sagte er langsam. „Das sind lauter kleine Schubser.“

Mara nickte. „Genau. Ein einzelner Vorschlag wirkt harmlos. Aber Millionen Vorschläge können eine ganze Stadt lenken.“

Keks wurde ungewöhnlich ruhig. „Dann ist Freiheit nicht nur, dass niemand einen einsperrt. Freiheit ist auch, dass man nicht heimlich geschoben wird.“

Alle sahen ihn überrascht an.

Keks räusperte sich. „Was? Ich habe auch tiefgründige Momente.“

Plötzlich hörte man aus dem Seitengang ein lautes Knallen.

Dann eine Explosion.

Kurz darauf kam Pix’ Signalgeber über Lautsprecher zurück:

„Falscher Kühlschrank wurde leider gegessen.“

Lio wurde blass. „Gegessen?“

Der Vollstrecker erschien wieder in der Tür.

In seiner Hand hielt er die zerfetzte Kühlschrank-Attrappe.

„Täuschung erkannt“, sagte er.

Der echte Kühlschrank blinkte:

ARCHIVDATEN: 71 PROZENT GELADEN.