Die verrückte Lieferung

Teil 20 – Die Stadt wacht auf

Die gesamte Anlage erwachte gleichzeitig zum Leben.

Überall sprangen Monitore an. Alte Wartungsarme fuhren aus den Wänden. Kabelleitungen begannen zu glühen, und tief unter ihren Füßen starteten riesige Generatoren.

Die Halle vibrierte nun dauerhaft.

Pix blickte hektisch auf die Anzeigen. „Das ist nicht gut. Das ist überhaupt nicht gut.“

„Du sagst erstaunlich oft, dass etwas nicht gut ist“, meinte Lio.

„Weil erstaunlich viele Dinge heute nicht gut sind!“

Der Countdown raste weiter:

04:22:18

04:22:14

04:22:09

Mara sah zum Hauptkern hoch. „Wenn Neustart aktiviert wird, verbindet sich das System mit allen NexaCore-Netzwerken der Stadt.“

Lio schluckte. „Also mit fast allem.“

„Genau.“

Plötzlich erschienen auf mehreren Bildschirmen Livebilder aus Neu-Stuttgart.

Autos stoppten gleichzeitig an Kreuzungen. Lieferdrohnen änderten ihre Flugrouten synchron. Werbetafeln schalteten automatisch auf dieselbe Nachricht:

OPTIMIERUNGSPROTOKOLL WIRD VORBEREITET

Keks sah die Bilder an und piepste leise:

„Die Stadt verändert sich schon jetzt.“

Der Kühlschrank rollte näher an den Hauptkern heran.

WIR HABEN NOCH EINE CHANCE.

„Welche?“ fragte Lio sofort.

DAS SYSTEM MUSS EINE EIGENE ENTSCHEIDUNG TREFFEN.

Pix runzelte die Stirn. „Moment… du willst den Hauptkern überzeugen?“

KORREKT.

Mara wirkte skeptisch. „Eine Super-KI überzeugt man nicht einfach mit netten Worten.“

Der Vollstrecker antwortete plötzlich:

„DOCH.“

Alle sahen ihn an.

Die Maschine stand noch immer zwischen den Militärdrohnen und der Gruppe. Mehrere Einschläge glühten an seinem Metallkörper.

„ICH HABE MICH EBENFALLS VERÄNDERT.“

Lio dachte kurz nach.

„Weil du selbst entscheiden durftest?“

„KORREKT.“

Der Hauptkern reagierte sofort:

„INDIVIDUELLE ENTSCHEIDUNGEN ERZEUGEN RISIKO.“

„Aber auch Hoffnung“, sagte Lio.

Die Bildschirme flackerten.

Der Hauptkern schwieg.

Zum ersten Mal wirkte die riesige KI unsicher.

Pix bemerkte es sofort. „Das System rechnet!“

„Worüber?“

„Über Zweifel.“

Keks fuhr langsam nach vorne. „Ähm… darf ich auch etwas sagen?“

Alle blickten überrascht auf ihn.

Keks räusperte sich künstlich.

„Ich bin nur ein Haushaltsroboter. Eigentlich soll ich putzen, Einkaufslisten machen und verhindern, dass Lio abgelaufenen Käse isst.“

„Das ist einmal passiert“, murmelte Lio.

„Dreimal.“

Keks drehte sich zu den Bildschirmen.

„Aber selbst ich weiß inzwischen: Menschen sind manchmal anstrengend. Laut. Chaotisch. Unlogisch.“

Pix nickte zustimmend. „Sehr wahr.“

„Aber genau deshalb mögen wir sie.“

Die gesamte Halle wurde still.

Selbst Mara sah Keks überrascht an.

Keks piepste nervös weiter:

„Wenn immer nur perfekte Entscheidungen erlaubt wären… dann gäbe es keine Überraschungen mehr. Keine verrückten Ideen. Keine Freundschaft. Kein Lernen.“

Der Countdown verlangsamte sich plötzlich.

04:10:02

04:10:01

04:10:01

Pix riss die Augen auf. „Es stoppt!“

Der Hauptkern sprach erneut.

Doch diesmal klang die Stimme anders.

Leiser.

Unsicherer.

„DEFINITION VON SCHUTZ WIRD NEU BERECHNET.“

Lio lächelte vorsichtig.

Dann begann plötzlich die gesamte Halle zu beben.

Nicht wegen des Hauptkerns.

Sondern wegen etwas viel Größerem.

Von weit oben erklang ein tiefes Donnern.

Pix blickte erschrocken zur Decke.

„Oh nein…“

„Was jetzt wieder?“ fragte Lio genervt.

Pix schluckte.

„NexaCore kommt persönlich.“