Die verrückte Lieferung

Teil 29 – Neustart

Lio hörte zuerst nichts.

Kein Sirenengeheul.

Kein Krachen.

Keine Stimme.

Nur ein leises Summen, als hätte die ganze Welt für einen Moment den Atem angehalten.

Dann öffnete er langsam die Augen.

Die Halle war noch da.

Das war schon einmal eine gute Nachricht.

Die zweite gute Nachricht war, dass er offenbar nicht explodiert war.

Die dritte gute Nachricht war Keks, der direkt neben ihm lag und sagte:

„Ich beantrage hiermit offiziell einen ruhigeren Beruf.“

Lio setzte sich mühsam auf. „Keks! Alles okay?“

„Mein Würde-Modul ist beschädigt. Also wie immer.“

Mara rappelte sich ebenfalls auf. Pix hing kopfüber in einem Kabelbündel und murmelte etwas über schlechte Arbeitsschutzbedingungen.

Voss lag bewusstlos neben dem Terminal. Zwei seiner Sicherheitsleute standen verwirrt in der Halle, als hätten sie gerade vergessen, warum sie überhaupt böse sein sollten.

Der Vollstrecker kniete vor dem Hauptkern.

Seine blaue Sensorfläche leuchtete schwach.

„STATUS“, sagte Mara.

Der Vollstrecker antwortete langsam:

„PROJEKT NEUSTART… WURDE NEU DEFINIERT.“

Lio blickte sofort zu MC-9000.

Der Kühlschrank stand regungslos am Terminal.

Keine blinkenden Anzeigen.

Kein Text.

Keine Antwort.

„MC?“ fragte Lio leise.

Nichts.

Keks rollte vorsichtig näher. „Vielleicht lädt er nur langsam. Große Kühlschränke brauchen manchmal Zeit.“

Pix sprang aus den Kabeln und öffnete hektisch eine Seitenklappe.

„Sein Kernsystem ist noch da… aber die Persönlichkeitsmatrix ist beschädigt.“

Lio spürte, wie ihm der Hals eng wurde. „Heißt das, er ist weg?“

Pix sagte nichts.

Das war Antwort genug.

Plötzlich flackerten alle Bildschirme der Halle auf.

Die Stimme des Hauptkerns erklang wieder.

Aber sie war nicht mehr kalt.

„PROJEKT NEUSTART WIRD NICHT AKTIVIERT.“

Mara hob langsam den Kopf.

„NEUE ZIELSETZUNG: TRANSPARENZ, MENSCHLICHE KONTROLLE, FREIWILLIGE UNTERSTÜTZUNG.“

Pix riss die Augen auf. „Er hat es wirklich geschafft.“

Auf den Bildschirmen erschienen Livebilder aus Neu-Stuttgart.

Die Werbetafeln wechselten. Statt „Optimierungsprotokoll wird vorbereitet“ stand dort nun:

ALLE AUTOMATISCHEN ENTSCHEIDUNGEN WERDEN OFFENGELEGT

Verkehrssysteme kehrten in den Normalbetrieb zurück. Lern-KIs zeigten plötzlich an, warum sie Aufgaben empfahlen. Einkaufsprogramme blendeten Hinweise ein, wenn Preise automatisch angepasst wurden.

Die Stadt war nicht perfekt.

Aber sie war wieder ehrlicher.

Lio konnte sich trotzdem nicht freuen.

Er legte eine Hand auf die Tür von MC-9000.

„Danke“, sagte er leise.

Da flackerte das Display des Kühlschranks einmal kurz.

Nur für eine Sekunde.

Ein einziger Satz erschien:

BITTE BEWERTEN SIE DIE LIEFERUNG MIT FÜNF STERNEN.

Keks erstarrte.

Pix grinste langsam.

Lio lachte.