Zwischen zwei Haltestellen

Teil 1

Lea sah die Linie 42 schon an der Ecke auftauchen und rannte los.

Der Bus kam wie immer zu früh, was natürlich offiziell nicht stimmte, weil Busse laut Fahrplan nie zu früh kamen. Sie kamen nur zu spät oder „planmäßig“. Lea fand, dass das eine Lüge war, die Erwachsene erfunden hatten, damit Jugendliche morgens schlechter aussahen.

Ihr Rucksack schlug gegen ihre Hüfte, während sie über den nassen Gehweg lief. Die Schnürsenkel ihrer linken Schuhe waren offen, ihre Haare klebten vom Nieselregen an der Stirn, und ausgerechnet heute hatte sie das Gefühl, dass die ganze Welt zusah.

Natürlich sah nicht die ganze Welt zu.

Nur er.

Noah stand an der Haltestelle, eine Hand in der Jackentasche, die andere am Handy. Er schaute genau in dem Moment auf, als Lea fast über den Bordstein stolperte.

Sie fing sich gerade noch ab.

Sehr elegant.

Fast wie ein verletzter Flamingo mit Mathebuch.

Noah grinste kurz, sagte aber nichts.

Das machte es schlimmer.

Lea erreichte die Haltestelle, zog ihre Kapuze tiefer ins Gesicht und tat so, als hätte sie diesen Beinahe-Sturz exakt so geplant.

„Sportlich“, sagte Noah.

Lea sah ihn nicht an.

„Training.“

„Für was?“

„Überleben in dieser Stadt.“

Noah lachte leise.

Es war kein lautes Lachen. Kein Lachen, das sich über jemanden lustig machte. Eher eins, das sich irgendwo zwischen freundlich und vorsichtig bewegte.

Lea hasste, dass sie es mochte.

Der Bus hielt zischend vor ihnen. Die Türen öffneten sich, warme Luft kam heraus, gemischt mit dem Geruch nach nassen Jacken, altem Gummi und zu starkem Deo. Lea stieg ein, hielt ihre Fahrkarte an das Lesegerät und suchte sofort nach einem Platz, der weit genug von Noah entfernt war, um normal wirken zu können, aber nah genug, um nicht so auszusehen, als würde sie vor ihm fliehen.

Es gab keinen solchen Platz.

Natürlich nicht.

Der Bus war voll.

Lea blieb im Mittelgang stehen und hielt sich an einer Stange fest. Zwei Stationen später wurde direkt neben ihr ein Platz frei.

Noah setzte sich nicht.

Er blieb stehen.

Neben ihr.

„Du kannst dich ruhig setzen“, sagte Lea.

„Du auch.“

„Ich hab zuerst gesagt.“

„Stimmt. Dann hast du gewonnen.“

„Ich will aber gar nicht gewinnen.“

Noah sah sie kurz an.

„Dann verlieren wir beide.“

Lea musste lächeln, obwohl sie es nicht wollte.

Sie drehte den Kopf zum Fenster, damit er es nicht sah.

Draußen zogen graue Häuser vorbei, Schaufenster mit halb eingeschalteter Beleuchtung, Menschen unter Regenschirmen und Fahrräder, die aussahen, als hätten sie den Glauben an den Frühling verloren.

Es war ein ganz normaler Donnerstagmorgen.

Und genau das machte Lea nervös.

Denn seit drei Wochen war Noah nicht mehr einfach nur irgendein Junge aus ihrer Stufe.

Vor drei Wochen hatte er sich in Deutsch neben sie gesetzt, weil sein eigentlicher Platz von Tom und dessen endlosen Energydrink-Dosen blockiert gewesen war. Sie hatten gemeinsam ein Gedicht analysieren müssen. Lea hatte das Gedicht langweilig gefunden, Noah hatte gesagt, es sei nur schlecht gelaunt, und irgendwie hatten sie danach zehn Minuten über Dinge geredet, die nichts mit Deutsch zu tun hatten.

Seitdem grüßte er sie.

Nicht immer.

Aber oft genug, dass sie es bemerkte.

Und selten genug, dass sie jedes Mal unsicher wurde.

Das Problem war nicht, dass Lea noch nie verliebt gewesen war.

Das Problem war, dass sie nicht wusste, ob sie es diesmal war.

Vielleicht fand sie Noah nur nett.

Vielleicht fand sie ihn mehr als nett.

Vielleicht war ihr Gehirn einfach nur kaputt, weil es jedes Mal kurz stehen blieb, wenn er ihren Namen sagte.

„Lea?“

Sie zuckte zusammen.

„Was?“

Noah sah sie fragend an.

„Du hast gerade sehr ernst aus dem Fenster geschaut.“

„Ich denke nach.“

„Über?“

„Busse.“

„Busse?“

„Ja. Ihre gesellschaftliche Rolle.“

Noah nickte langsam.

„Klingt wichtig.“

„Ist es auch.“

Wieder dieses leise Lachen.

Lea spürte, wie ihr Gesicht warm wurde, und war dankbar, dass der Bus ohnehin stickig war. Dann bremste der Fahrer plötzlich. Jemand weiter vorne fluchte. Lea verlor kurz das Gleichgewicht.

Noah griff automatisch nach ihrem Arm.

Nicht fest.

Nur kurz.

Gerade lange genug, damit sie nicht gegen den Sitz vor ihr fiel.

„Alles okay?“ fragte er.

Lea nickte zu schnell.

„Ja. Klar.“

Er ließ sie los.

Sofort.

Fast zu schnell.

Und genau das ärgerte sie, obwohl sie keine Ahnung hatte, was sie eigentlich erwartet hatte.

An der Schule stiegen sie mit einer kleinen Welle anderer Schüler aus. Der Regen hatte nachgelassen, aber der Himmel sah aus, als würde er sich nur kurz ausruhen. Lea zog ihren Rucksack höher und ging Richtung Eingang.

Noah lief neben ihr.

Eine Weile sagte keiner etwas.

Das war neu.

Normalerweise füllte Lea Stille sofort mit irgendeinem Satz, selbst wenn er unnötig war. Doch diesmal blieb sie still, weil sie Angst hatte, etwas Dummes zu sagen.

Und weil sie gleichzeitig hoffte, dass Noah etwas sagte.

Vor der Treppe blieb er plötzlich stehen.

„Bist du heute Nachmittag bei der Projektbesprechung?“

Lea sah ihn an.

„Welche Projektbesprechung?“

„Geschichte. Gruppenarbeit. Frau Krüger hat gestern gesagt, wir sollen heute nach der sechsten Stunde die Themen verteilen.“

Lea schloss kurz die Augen.

Natürlich.

Das hatte sie vergessen.

„Stimmt“, sagte sie. „Ja. Bin ich wohl.“

„Gut.“

Dieses eine Wort blieb einen Moment zwischen ihnen hängen.

Gut.

Nicht praktisch.

Nicht okay.

Gut.

Lea wusste, dass man in ein einzelnes Wort nicht zu viel hineininterpretieren sollte. Das hatte sie sich schon oft vorgenommen. Menschen sagten ständig Wörter, ohne dabei geheime Botschaften zu verschicken.

Trotzdem tat ihr Kopf es.

Sofort.

Warum gut?

Gut, weil sie zuverlässig war?

Gut, weil er nicht allein dort sein wollte?

Gut, weil er sie sehen wollte?

Oder gut, weil gut einfach gut hieß?

„Dann bis später“, sagte Noah.

„Bis später“, antwortete Lea.

Er ging Richtung Physikraum.

Lea blieb eine Sekunde zu lange stehen.

Dann merkte sie, dass ihre beste Freundin Mia am Eingang wartete und sie mit einem Blick ansah, der ungefähr sagte: Ich habe alles gesehen und du wirst mir jedes Detail erklären.

Lea ging zu ihr.

„Sag nichts“, murmelte sie.

Mia hob die Hände.

„Ich habe gar nichts gesagt.“

„Dein Gesicht schon.“

„Mein Gesicht ist ehrlich.“

„Dein Gesicht übertreibt.“

Mia grinste.

„Noah also.“

Lea sah sofort zur Seite.

„Nein.“

„Das war kein Nein. Das war ein Panik-Nein.“

„Es gibt keine Panik-Neins.“

„Doch. Und deins hatte sogar Untertitel.“

Lea schob Mia durch die Eingangstür.

„Wir haben Unterricht.“

„Wir haben zuerst Drama.“

„Wir haben Mathe.“

„Sag ich doch.“

Lea musste lachen, aber nur kurz. Denn während sie mit Mia die Treppe hochging, dachte sie wieder an den Nachmittag.

An die Projektbesprechung.

An Noahs „Gut“.

Und daran, dass sie sich plötzlich wünschte, Geschichte würde heute sehr lange dauern.

Das war eindeutig ein schlechtes Zeichen.

Oder ein gutes.

Lea war sich nicht sicher.

Noch nicht.