Der Nachmittag kam deutlich langsamer als Lea gehofft hatte.
Mathe zog sich wie Kaugummi. In Englisch sprach die Lehrerin zwanzig Minuten über unregelmäßige Verben, während Lea zwar nickte, aber kaum ein Wort mitbekam. Selbst in der Pause schaffte Mia es nicht, sie in ein normales Gespräch zu verwickeln.
Immer wieder dachte sie an die Projektbesprechung.
Und an Noah.
Vor allem daran, dass sie sich vorgenommen hatte, sich völlig normal zu verhalten.
Was erfahrungsgemäß bedeutete, dass sie sich garantiert nicht normal verhalten würde.
Nach der sechsten Stunde sammelten sich etwa zwölf Schüler im Geschichtsraum. Frau Krüger war noch nicht da. Auf dem Lehrerpult lag nur ein Zettel mit der Aufschrift:
„Gruppen selbst bilden. Thema auswählen. Liste ausfüllen.“
„Das klingt gefährlich“, sagte Mia.
„Warum?“
„Weil Menschen selbst entscheiden dürfen.“
Lea konnte nicht widersprechen.
Schon bildeten sich kleine Gruppen. Einige standen zusammen, bevor überhaupt jemand etwas gesagt hatte. Andere wurden von ihren Freunden eingesammelt wie Einkaufswagen auf einem Parkplatz.
Lea blieb neben Mia stehen.
„Wir machen einfach zusammen“, sagte Mia.
„Klar.“
Doch in diesem Moment trat Noah zu ihnen.
„Habt ihr schon eine Gruppe?“
Lea spürte sofort, wie ihr Herz beschloss, sich unnötig wichtig zu machen.
„Noch nicht“, sagte Mia.
„Wir könnten zusammenarbeiten“, schlug Noah vor.
Mia sah zuerst Noah an.
Dann Lea.
Dann wieder Noah.
Lea kannte diesen Blick.
Sie hasste diesen Blick.
Es war derselbe Blick, mit dem Mia früher die Überraschungsgeschenke ihrer Eltern entdeckt hatte.
„Gute Idee“, sagte Mia.
„Super“, sagte Noah.
„Ich bin übrigens raus.“
„Was?“ fragte Lea.
„Ich habe gerade beschlossen, mit Sarah und Emma zu arbeiten.“
„Das hast du gerade beschlossen?“
„Vor ungefähr drei Sekunden.“
„Mia!“
„Viel Erfolg.“
Und weg war sie.
Lea starrte ihr hinterher.
Verräterin.
Absolute Verräterin.
Noah schien die Situation deutlich weniger dramatisch zu finden.
„Dann sind wir wohl zu zweit.“
„Sieht so aus.“
„Stört dich das?“
„Nein.“
Die Antwort kam so schnell, dass Noah kurz lächeln musste.
„Okay.“
Gemeinsam gingen sie zur Themenliste.
Zur Auswahl standen verschiedene historische Ereignisse. Die meisten waren bereits vergeben.
„Was bleibt übrig?“ fragte Noah.
Lea überflog die Liste.
„Die erste Mondlandung.“
„Klingt cool.“
„Oder die Geschichte der Eisenbahn.“
„Klingt weniger cool.“
„Deutlich weniger.“
„Mondlandung?“
„Mondlandung.“
Sie trugen ihre Namen ein.
Danach setzten sie sich an einen der hinteren Tische.
Zum ersten Mal seit Wochen waren sie allein.
Nicht komplett allein natürlich. Im Raum saßen noch andere Schüler. Aber weit genug entfernt, dass niemand zuhörte.
Für einige Sekunden wusste keiner, was er sagen sollte.
Lea spielte mit ihrem Kugelschreiber.
Noah blätterte durch sein Heft.
Dann sagte er gleichzeitig mit ihr:
„Also ...“
Beide mussten lachen.
„Du zuerst“, sagte Noah.
„Nein, du.“
„Zu spät.“
„Feigling.“
„Das nehme ich persönlich.“
„War auch so gemeint.“
Noah grinste.
Lea bemerkte, dass sie sein Grinsen inzwischen ziemlich gut kannte.
Das überraschte sie.
Wie konnte man einen Menschen so gut kennen und gleichzeitig so wenig über ihn wissen?
„Okay“, sagte Noah schließlich. „Dann frage ich einfach etwas.“
„Gefährlich.“
„Was willst du später mal machen?“
Lea blinzelte.
Mit dieser Frage hatte sie nicht gerechnet.
„Später?“
„Ja.“
„Du meinst nach der Schule?“
„Genau.“
Lea dachte kurz nach.
„Keine Ahnung.“
„Ehrliche Antwort.“
„Und du?“
Noah lehnte sich zurück.
„Früher wollte ich Astronaut werden.“
„Passend zur Mondlandung.“
„Ja. Inzwischen eher nicht mehr.“
„Warum?“
„Zu viel Mathe.“
„Verständlich.“
„Vielleicht irgendwas mit Technik.“
„Klingt logisch.“
„Warum?“
„Weil du immer Sachen reparierst.“
Noah sah überrascht auf.
„Woher weißt du das?“
Lea merkte sofort ihren Fehler.
Zu spät.
„Äh ...“
„Du beobachtest mich?“
„Nein!“
„Aha.“
„Also nicht absichtlich.“
„Das wird immer besser.“
Lea schlug sich die Hand vor die Stirn.
„Vergiss es einfach.“
„Kommt nicht infrage.“
Er lachte wieder.
Diesmal lachte Lea mit.
Und plötzlich war die Nervosität für einen Moment verschwunden.
Einfach weg.
Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Sie redeten über Lehrer, Musik, Serien und darüber, warum Schulstühle vermutlich von Menschen entwickelt wurden, die Jugendliche hassten.
Die Zeit verging überraschend schnell.
Irgendwann bemerkte Lea, dass fast alle anderen bereits gegangen waren.
Nur sie und Noah saßen noch im Raum.
Draußen färbte die Nachmittagssonne die Wolken orange.
„Wir sollten vielleicht auch gehen“, sagte Noah.
„Vermutlich.“
Keiner stand auf.
Ein paar Sekunden lang herrschte Stille.
Keine unangenehme Stille.
Eine andere.
Eine, die Lea nicht erklären konnte.
Dann vibrierte plötzlich Noahs Handy.
Er zog es aus der Tasche.
Sein Blick veränderte sich sofort.
Das Lächeln verschwand.
Nur für einen Moment.
Aber Lea bemerkte es.
„Alles okay?“ fragte sie.
„Ja.“
Die Antwort kam zu schnell.
Fast genauso schnell wie ihr eigenes Nein heute Morgen.
„Sicher?“
„Klar.“
Doch diesmal klang es nicht überzeugend.
Noah steckte das Handy weg.
„Ich muss los.“
„Oh.“
„Tut mir leid.“
„Kein Problem.“
Er stand auf.
Lea ebenfalls.
Gemeinsam gingen sie zur Tür.
Vor dem Ausgang blieb Noah kurz stehen.
„Hat Spaß gemacht.“
Lea lächelte.
„Mir auch.“
„Dann sehen wir uns morgen.“
„Morgen.“
Er hob kurz die Hand und verschwand den Flur entlang.
Lea blieb noch einen Moment stehen.
Sie hätte eigentlich glücklich sein sollen.
Und irgendwie war sie das auch.
Aber gleichzeitig dachte sie an den Blick, den Noah gehabt hatte, als die Nachricht auf seinem Handy erschienen war.
Etwas hatte ihn beschäftigt.
Etwas, das er ihr nicht gesagt hatte.
Auf dem Heimweg versuchte sie, nicht darüber nachzudenken.
Das funktionierte ungefähr zwölf Sekunden.
Als sie später zu Hause auf ihr Handy schaute, wartete bereits eine Nachricht von Mia.
„Und???“
Darunter direkt eine zweite.
„Ihr wart fast zwei Stunden allein.“
Und eine dritte.
„ICH BRAUCHE INFORMATIONEN.“
Lea musste lachen.
Dann begann sie zu tippen.
Doch bevor sie die Nachricht abschicken konnte, erschien eine neue Mitteilung auf ihrem Bildschirm.
Diesmal von Noah.
Nur ein einziger Satz.
„Kann ich dir morgen etwas erzählen?“
Lea starrte auf die Nachricht.
Ihr Herz schlug plötzlich deutlich schneller.
Und sie hatte keine Ahnung, ob das etwas sehr Gutes oder etwas sehr Schlechtes bedeutete.