Lea starrte auf die Nachricht.
„Kann ich dir morgen etwas erzählen?“
Nur dieser eine Satz.
Keine Erklärung.
Kein Smiley.
Nichts.
Ihr Gehirn begann sofort, hundert verschiedene Möglichkeiten zu berechnen.
Vielleicht wollte Noah ihr sagen, dass er umzieht.
Vielleicht hatte er Ärger.
Vielleicht wollte er die Gruppenarbeit absagen.
Vielleicht ...
Lea zwang sich, das Handy kurz wegzulegen.
„Nicht verrückt werden“, murmelte sie.
Dann nahm sie das Handy wieder in die Hand.
„Ein bisschen verrückt werden ist okay.“
Sie las die Nachricht noch einmal.
Und noch einmal.
Dann tippte sie:
„Klar 🙂“
Sie überlegte kurz.
Löschte den Smiley.
Fügte ihn wieder ein.
Löschte ihn erneut.
Setzte stattdessen einen anderen.
Entfernte auch den.
Am Ende schickte sie einfach:
„Klar.“
Sofort bereute sie es.
Das klang viel zu kühl.
Viel zu kurz.
Viel zu ... erwachsen.
Eine Minute später erschien die Antwort.
„Danke.“
Mehr nicht.
Lea legte das Handy auf ihr Bett.
Dann fiel sie rückwärts auf die Matratze.
„Das hilft überhaupt nicht.“
In diesem Moment klingelte ihr Handy erneut.
Natürlich Mia.
„Hallo?“
„Du hast drei Minuten nicht geantwortet.“
„Das nennt man Leben.“
„Das nennt man Verdacht.“
Lea verdrehte die Augen.
„Du bist unmöglich.“
„Und du weichst aus.“
„Wir haben über die Projektarbeit gesprochen.“
„Und?“
„Und über Schule.“
„Und?“
„Und Serien.“
„Und?“
„Und Schulstühle.“
Am anderen Ende herrschte kurz Stille.
„Schulstühle?“
„Frag nicht.“
„Ich frage definitiv.“
Lea musste lachen.
Danach erzählte sie tatsächlich einen Teil des Nachmittags. Nicht alles. Aber genug, damit Mia zufrieden war.
Zumindest halbwegs.
Die Nachricht von Noah erwähnte sie allerdings nicht.
Nicht einmal sie selbst wusste genau warum.
Vielleicht, weil sie sich zuerst selbst darüber Gedanken machen wollte.
Vielleicht, weil sie Angst hatte, Mia würde sofort irgendwelche Schlüsse ziehen.
Wahrscheinlich beides.
In dieser Nacht schlief Lea schlechter als gewöhnlich.
Nicht katastrophal.
Aber jedes Mal, wenn sie kurz wach wurde, dachte sie an Noahs Nachricht.
Und an den Blick, den er nach dem Anruf gehabt hatte.
Am nächsten Morgen regnete es wieder.
Natürlich.
Lea war inzwischen überzeugt, dass das Wetter heimlich mit ihrem Leben zusammenarbeitete.
Als sie an der Bushaltestelle ankam, war Noah bereits da.
Diesmal stand er allein.
Er bemerkte sie sofort.
„Morgen.“
„Morgen.“
Für einen kurzen Moment wusste keiner, was er sagen sollte.
Das war neu.
Sonst fanden sie immer irgendeinen Unsinn.
Heute wirkte Noah angespannt.
Nicht extrem.
Aber genug, dass Lea es bemerkte.
Der Bus kam.
Sie stiegen ein.
Diesmal fanden sie sogar zwei freie Plätze nebeneinander.
Lea setzte sich ans Fenster.
Noah daneben.
Einige Minuten fuhren sie schweigend durch die Stadt.
Lea versuchte, geduldig zu sein.
Das war nicht ihre größte Stärke.
Schließlich hielt sie es nicht mehr aus.
„Also?“
Noah sah sie an.
„Also?“
„Du wolltest mir etwas erzählen.“
Er nickte langsam.
„Stimmt.“
Dann sah er aus dem Fenster.
Für einen Moment dachte Lea, er würde es sich anders überlegen.
Doch schließlich sagte er:
„Mein Vater hat ein Jobangebot bekommen.“
Lea wartete.
„Okay?“
„In Hamburg.“
Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Hamburg.
Das war weit weg.
Sehr weit weg.
Noah nickte leicht.
„Ziemlich weit.“
Lea hatte gar nicht gemerkt, dass sie den Gedanken laut ausgesprochen hatte.
„Ziehst du um?“
Die Frage kam leiser heraus, als sie wollte.
Noah antwortete nicht sofort.
Dann zuckte er mit den Schultern.
„Vielleicht.“
Dieses eine Wort fühlte sich an wie ein Stein im Magen.
Vielleicht.
Nicht ja.
Nicht nein.
Vielleicht.
„Meine Eltern überlegen noch“, erklärte er.
„Wann?“
„Keine Ahnung. Vielleicht in ein paar Wochen.“
Lea nickte langsam.
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
Deshalb sagte sie gar nichts.
Der Bus fuhr weiter.
Draußen zog die Stadt vorbei.
Doch diesmal bemerkte Lea kaum etwas davon.
In ihrem Kopf war plötzlich alles durcheinander.
Sie hatte sich in den letzten Wochen oft gefragt, was zwischen ihr und Noah eigentlich war.
Ob überhaupt etwas war.
Und jetzt stellte sich auf einmal eine ganz andere Frage.
Ob es überhaupt die Möglichkeit geben würde, das herauszufinden.
„Tut mir leid“, sagte Noah plötzlich.
Lea sah ihn überrascht an.
„Wofür?“
„Keine Ahnung.“
Er lächelte schwach.
„Irgendwie fühlt es sich an, als müsste ich mich entschuldigen.“
Zum ersten Mal an diesem Morgen musste Lea lachen.
„Du kannst nichts dafür.“
„Weiß ich.“
„Dann hör auf, dich zu entschuldigen.“
„Okay.“
Eine kurze Pause.
Dann fügte Noah hinzu:
„Ich wollte nur nicht, dass du es von jemand anderem erfährst.“
Lea sah ihn an.
Direkt an.
Diesmal wandte keiner von beiden den Blick sofort ab.
Und plötzlich war der Bus, die anderen Fahrgäste und sogar der Regen für einen Moment völlig unwichtig.
Dann hielt der Bus an der Schule.
Die Türen öffneten sich.
Die Realität kehrte zurück.
Und während die anderen Schüler ausstiegen, hatte Lea das Gefühl, dass sich gerade etwas verändert hatte.
Sie wusste nur noch nicht genau was.