Zwischen zwei Haltestellen

Teil 4

Den ganzen Vormittag über konnte Lea sich kaum konzentrieren.

Eigentlich versuchte sie es.

Wirklich.

Sie schrieb die Überschrift im Biologieheft sauber mit. Sie las die Aufgabenstellung in Deutsch sogar zweimal. In Physik meldete sie sich aus Versehen auf eine Frage, obwohl sie die Antwort nicht kannte.

Doch ihre Gedanken kamen immer wieder zurück.

Hamburg.

Vielleicht.

Ein paar Wochen.

Mehr Informationen gab es nicht.

Und genau das machte es so schwierig.

Wäre die Entscheidung bereits gefallen, könnte man damit umgehen. Wäre klar, dass Noah blieb, könnte man aufatmen.

Doch dieses Dazwischen fühlte sich an wie eine offene Tür, hinter der man nichts erkennen konnte.

In der großen Pause saß Lea mit Mia auf einer Bank im Schulhof.

Der Regen hatte aufgehört, aber die Holzlatten waren noch feucht.

„Du siehst aus, als hätte jemand deinen Lieblingsfilm verraten“, sagte Mia.

Lea antwortete nicht sofort.

„Noah zieht vielleicht um.“

Mia blinzelte.

„Was?“

„Nach Hamburg.“

„Wie bitte?“

„Sein Vater hat dort ein Jobangebot bekommen.“

Mia wurde ungewöhnlich still.

Das war selten.

Normalerweise hatte sie innerhalb von drei Sekunden mindestens vier Meinungen zu jedem Thema.

„Und?“ fragte sie schließlich.

„Und was?“

„Was fühlst du dabei?“

Lea sah auf den Schulhof.

Mehrere Schüler spielten Fußball. Irgendwo fiel eine Trinkflasche um. Jemand lachte laut.

Alles wirkte normal.

Nur sie fühlte sich nicht normal.

„Keine Ahnung“, sagte sie.

Mia zog eine Augenbraue hoch.

„Lügnerin.“

„Mia!“

„Du weißt ganz genau, was du fühlst.“

Lea schwieg.

Weil Mia recht hatte.

Und weil sie es nicht aussprechen wollte.

Nach dem Unterricht lief sie Richtung Bushaltestelle.

Eigentlich hatte sie gehofft, den Heimweg mit Noah zu verbringen.

Doch er war nirgends zu sehen.

Wahrscheinlich hatte er noch Unterricht.

Oder einen Termin.

Oder etwas anderes.

Lea stieg allein in den Bus.

Zum ersten Mal seit Wochen fühlte sich die Fahrt merkwürdig leer an.

Sie setzte sich ans Fenster und beobachtete die vorbeiziehenden Häuser.

Als ihr Handy vibrierte, griff sie sofort danach.

Eine Nachricht von Noah.

„Tut mir leid. Musste früher weg.“

Lea lächelte unwillkürlich.

Sie wusste selbst nicht warum.

Vielleicht weil er daran gedacht hatte, ihr zu schreiben.

Vielleicht weil sie gehofft hatte, dass er es tun würde.

Sie antwortete:

„Kein Problem.“

Diesmal fügte sie sogar einen Smiley hinzu.

Und ließ ihn stehen.

Nach wenigen Sekunden kam eine Antwort.

„Danke 🙂“

Lea grinste.

Dann schüttelte sie über sich selbst den Kopf.

Vor drei Monaten hätte sie niemals geglaubt, dass ein Smiley ihren Tag verbessern könnte.

Zu Hause angekommen, warf sie ihren Rucksack in die Ecke ihres Zimmers.

Sie setzte sich an den Schreibtisch und wollte eigentlich mit den Hausaufgaben anfangen.

Stattdessen öffnete sie die Unterlagen für die Geschichtsarbeit.

Die Mondlandung.

Neil Armstrong.

Apollo 11.

Normalerweise hätte sie sofort angefangen zu lesen.

Heute starrte sie nur auf die Überschrift.

Nach ein paar Minuten vibrierte ihr Handy erneut.

Diesmal eine neue Nachricht von Noah.

„Hast du Lust, morgen nach der Schule an der Präsentation zu arbeiten?“

Lea las die Nachricht zweimal.

Dann dreimal.

Ihr Herz schlug schneller.

Sie wusste, dass die Frage völlig vernünftig war.

Es ging schließlich um die Gruppenarbeit.

Zumindest offiziell.

Trotzdem freute sie sich mehr darüber, als sie wahrscheinlich sollte.

„Klar.“

Diesmal schickte sie die Antwort sofort ab.

Keine zehn Sekunden später erschien:

„Super. Stadtbibliothek?“

„Geht klar.“

„Dann morgen um 15 Uhr.“

„Bis morgen.“

„Bis morgen.“

Lea legte das Handy auf den Tisch.

Für einen Moment musste sie lächeln.

Dann erinnerte sie sich wieder an Hamburg.

Und das Lächeln wurde kleiner.

Am nächsten Tag verging der Unterricht erstaunlich schnell.

Vielleicht lag es daran, dass sie sich auf den Nachmittag freute.

Vielleicht auch daran, dass Herr Schneider in Mathematik einen Film zeigte, statt zu unterrichten.

Kurz vor drei Uhr erreichte Lea die Stadtbibliothek.

Das große Gebäude lag nur wenige Minuten von der Schule entfernt.

Durch die Glasfront konnte sie bereits einige Besucher sehen.

Sie trat ein.

Drinnen roch es nach Büchern, Papier und Kaffee.

Noah war noch nicht da.

Lea setzte sich an einen freien Tisch in der Nähe eines Fensters.

Fünf Minuten später sah sie ihn durch die Eingangstür kommen.

Doch er war nicht allein.

Neben ihm lief ein Mädchen.

Etwa in ihrem Alter.

Lange dunkle Haare.

Sie lachte über etwas, das Noah gerade gesagt hatte.

Und Noah lachte ebenfalls.

Lea spürte sofort dieses unangenehme Ziehen im Bauch.

Das Mädchen schien ihn gut zu kennen.

Zu gut.

Noah bemerkte Lea und winkte.

Dann ging er direkt auf ihren Tisch zu.

Gemeinsam mit dem fremden Mädchen.

„Hey“, sagte er.

Lea versuchte zu lächeln.

„Hi.“

„Das ist übrigens Hannah.“

Das Mädchen lächelte freundlich.

„Freut mich.“

Lea nickte.

„Mich auch.“

Doch während sie das sagte, stellte sich plötzlich eine ganz andere Frage in ihrem Kopf.

Wer war Hannah?

Und warum hatte Noah sie nie erwähnt?