Lea lächelte.
Zumindest hoffte sie, dass es wie ein Lächeln aussah.
In Wirklichkeit fühlte es sich eher an, als würde ihr Gesicht improvisieren.
„Freut mich“, sagte Hannah noch einmal.
„Mich auch“, antwortete Lea.
Noah stellte seinen Rucksack neben den Tisch.
„Hannah wartet nur kurz auf ihren Bruder.“
Lea nickte.
Nur?
Das Wort beruhigte sie überraschend wenig.
Hannah setzte sich auf den Stuhl neben Noah.
„Also du bist Lea“, sagte sie.
Lea blinzelte.
„Äh ... ja.“
„Cool.“
„Cool?“
„Ja.“
Hannah grinste.
„Ich habe schon von dir gehört.“
Lea spürte, wie ihr Herz einen kleinen Sprung machte.
„Von mir?“
„Hannah“, sagte Noah sofort.
„Was denn?“
„Nichts.“
„Eben.“
Hannah schien sich prächtig zu amüsieren.
Lea dagegen verstand überhaupt nichts mehr.
„Woher kennt ihr euch eigentlich?“ fragte sie.
„Seit wir sechs sind“, antwortete Hannah.
„Unsere Eltern sind befreundet.“
„Ach so.“
Lea merkte sofort, wie erleichtert sie war.
Und sie hasste, dass sie erleichtert war.
Das war schließlich völlig irrational.
Noah durfte Freunde haben.
Natürlich durfte er Freunde haben.
Vor allem welche, die er schon kannte, bevor Lea überhaupt wusste, dass es ihn gab.
Trotzdem fühlte sich die Information gut an.
Sehr gut sogar.
„Du siehst erleichtert aus“, sagte Hannah.
Lea verschluckte sich fast an ihrer eigenen Luft.
„Was?“
„Nichts.“
Hannah grinste wieder.
„Gar nichts.“
Noah schloss kurz die Augen.
„Bitte ignoriere sie.“
„Das versuche ich seit zehn Jahren“, sagte Hannah.
„Hat bisher nicht funktioniert.“
Ein paar Minuten später vibrierte Hannahs Handy.
Sie schaute darauf und stand auf.
„Mein Bruder ist da.“
Dann sah sie erst Noah und anschließend Lea an.
Etwas in ihrem Blick machte Lea nervös.
„Viel Spaß euch beiden.“
„Danke“, sagte Noah.
„Wir arbeiten.“
„Natürlich arbeitet ihr.“
Hannah grinste ein letztes Mal.
Dann ging sie Richtung Ausgang.
Kaum war sie verschwunden, wurde es still.
Lea sah zu Noah.
Noah sah zu Lea.
Beide mussten gleichzeitig lachen.
„Sie ist immer so“, sagte Noah.
„Ich glaube, das habe ich gemerkt.“
„Tut mir leid.“
„Warum entschuldigst du dich ständig?“
„Gute Frage.“
„Du musst wirklich damit aufhören.“
„Ich arbeite daran.“
Die Stimmung wurde sofort entspannter.
Sie breiteten ihre Unterlagen aus und begannen tatsächlich zu arbeiten.
Zumindest am Anfang.
Die ersten zwanzig Minuten liefen erstaunlich produktiv.
Lea recherchierte die Vorbereitung der Apollo-11-Mission.
Noah kümmerte sich um die technische Seite.
Gemeinsam sammelten sie Bilder und Notizen.
Doch irgendwann driftete das Gespräch ab.
Zuerst langsam.
Dann komplett.
„Wenn du irgendwo auf der Welt leben könntest, wo wäre das?“ fragte Noah.
Lea überlegte.
„Irgendwo am Meer.“
„Welches Meer?“
„Das ist eine überraschend schwierige Frage.“
„Ich weiß.“
„Du?“
Noah sah kurz aus dem Fenster.
„Früher hätte ich Hamburg gesagt.“
Lea wurde sofort still.
Da war es wieder.
Das Thema.
Hamburg.
Noah bemerkte ihren Blick.
„Meine Eltern haben gestern Abend lange geredet.“
Lea hörte sofort aufmerksam zu.
„Und?“
„Noch keine Entscheidung.“
Sie nickte langsam.
Das war weder gut noch schlecht.
Nur ungewiss.
„Willst du überhaupt umziehen?“ fragte sie vorsichtig.
Noah antwortete nicht sofort.
Er drehte einen Stift zwischen den Fingern.
„Vor einem Monat hätte ich wahrscheinlich Ja gesagt.“
Leas Herz begann schneller zu schlagen.
„Und jetzt?“
Noah sah sie an.
Direkt.
Länger als sonst.
„Jetzt weiß ich es nicht mehr.“
Lea spürte, wie ihr plötzlich warm wurde.
Sie wusste nicht, ob Noah damit das meinte, was sie hoffte.
Und genau deshalb wagte sie keine weitere Frage.
Stattdessen sah sie schnell auf ihre Notizen.
Obwohl sie keine einzige Zeile las.
Für einige Sekunden sagte keiner etwas.
Die Stille fühlte sich diesmal anders an.
Nicht unangenehm.
Eher ... wichtig.
Dann wurde sie von einem lauten Donner unterbrochen.
Beide blickten gleichzeitig zum Fenster.
Draußen hatte sich der Himmel verdunkelt.
Schwere Wolken zogen über die Stadt.
„Das sieht nicht gut aus“, sagte Noah.
Fast im selben Moment begann es zu regnen.
Und zwar nicht normal.
Sondern so, als hätte jemand beschlossen, einen ganzen See über der Stadt auszukippen.
Die Tropfen prasselten gegen die Scheiben.
Menschen rannten draußen unter Vordächer.
Autos fuhren langsamer.
„Super“, sagte Lea.
„Ich habe keinen Schirm dabei.“
„Ich auch nicht.“
„Perfekt.“
Noah sah auf die Uhr.
„Vielleicht hört es auf.“
Eine Viertelstunde später regnete es noch stärker.
Eine halbe Stunde später ebenfalls.
Als die Bibliothek langsam leer wurde, saßen sie immer noch am selben Tisch.
„Wenn das so weitergeht, müssen wir hier einziehen“, sagte Lea.
„Ich nehme das Regal mit den Fantasy-Büchern.“
„Dann nehme ich die Ecke mit den Steckdosen.“
„Fairer Deal.“
Draußen blitzte es.
Lea sah wieder zum Fenster.
Und zum ersten Mal an diesem Nachmittag fiel ihr auf, wie spät es geworden war.
Fast drei Stunden waren vergangen.
Sie hatte nicht einmal bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war.
Und genau dieser Gedanke machte sie plötzlich nervöser als jeder Donner draußen.